aktualisiert: 03.02.2012 18:11 Uhr
Text
Text
KREIS SCHWEINFURT
Winterfreuden und Winterleiden
Die Eiseskälte hat den Landkreis im Griff
-
Für Notfälle: Rettungsleiter am Schweinfurter Baggersee.
-
Frostarbeiterin: Susanne Göb vom Servicebetrieb.
-
Kontrollloch: Der 73-jährige Rudi Ebert prüft die Eisstärke in Madenhausen. Er wohnt direkt am Seeufer.
-
Tief vermummt: Jogger Martin Eichhorn.
-
Gut verpackt: Marktfrau Barbara Ludwig und ihr Gemüse.
-
Stark genug? Das Eis des Madenhäuser Anglersees ist 14 Zentimeter dick.Fotos: Diana Pfister (1)/Holger Laschka (5) -
-
-
-
-
Es sieht zwar nicht überall so aus, wie Hochwinter. Aber es fühlt sich ganz sicher so an. Zumindest für diejenigen unter uns, die im Freien arbeiten müssen. Barbara Ludwig ist so eine, Marktfrau aus Sennfeld. Von Zehn bis Zwei steht sie am Freitag vor dem Schweinfurter Rathaus, anfangs in der noch schwachen Wintersonne, später im Schlagschatten der Bürgerhäuser. „Es ist schon eine harte Zeit“, sagt die 48-jährige Bäuerin. Und nicht nur für sie: Auch das Gemüse friert, der Feldsalat ist gar mehrfach in Zeitungspapier eingeschlagen und unter zwei dicken Wolldecken verstaut, weil er sonst „schon nach kurzer Zeit kaputt wäre“.
Die Zwiebeln frieren offensichtlich nicht, weshalb auch Barbara Ludwig sich nach dem Zwiebelprinzip kleidet an den Markttagen: Skiunterwäsche, zwei Paar Socken, T-Shirts, zwei Pullover, Weste: Fünf und mehr Schichten wärmen die Sennfelderin bei ihrer bewegungsarmen Tätigkeit im Schweinfurter Kältekeller. Die Kunden danken es: „Ich bin ja so froh, dass Sie trotzdem hier stehen“, sagt eine Dame im dicken Pelz; sie kauft Wintergemüse für die stärkende Rinderbrühe.
Martin Eichhorn hat Mittagspause. Der Sachbearbeiter bei ZF Sachs hat da so sein Ritual: „Mindestens dreimal pro Woche“, sagt er, „jogge ich um den Baggersee.“ Anzug raus, Laufklamotten an und los geht's. In diesen Tagen ist die Umzieherei allerdings so eine Sache: Eichhorn läuft quasi „vierlagig“, mit langer Unterwäsche und drei Schichten Funktionskleidung obenrum, dazu Handschuhe, Mütze und ein Tuch, mit dem er eindeutig gegen das Vermummungsverbot verstößt. Während seines halbstündigen Fitnessprogramms atmet er durch den Stoff ein und aus, die Luft ist dann wohl nicht ganz so frisch, aber ein wenig vorgewärmt.
Arbeitsbeginn bei 16 Grad unter Null
Nur die Nasenspitze ist von der städtischen Baubetriebshof-Mitarbeiterin Susanne Göb zu sehen. Mit zwei Kollegen und dem orangenen Pickup ist sie am Freitagmorgen im Höllental unterwegs, recht Blätter von den Wegen, leert die Abfallkörbe. Als sie morgens um 7 Uhr antrat, zeigte das Thermometer 16 Grad unter Null. „Am schlimmsten ist es kurz vor Sonnenaufgang“, sagt Kollege Oliver Tuschinski, „dann sacken die Temperaturen noch einmal etwas ab und der Wind frischt auf“. Das Team in Orange ist natürlich auch nach dem Zwiebelprinzip gekleidet, trägt dicke Winterstiefel, Funktionswäsche und – ganz wichtig – „einen schönen warmen Schal“, wie Susanne Göb betont.
Winterleiden – Winterfreuden. Am Ortseingang von Werneck ist der Wurmsee zugefroren. Das ist eigentlich gar kein See, sondern eine künstlich angestaute Wasserfläche, vor vielen Jahren von der örtlichen Brauerei auch zur Erzeugung von Lagereis genutzt. Seit Freitag ist der Wurmsee die malerischste Natureisbahn des Landkreises, zunächst aber eher zögerlich angenommen von den Bürgern. Fünf Kids testen aus, wer am weitesten schlittert – sie kommen eben aus der Schule nebenan. Die kleine Nele aus Eßleben spaziert mit Oma Moni Dülk übers Eis. Morgen werden beide wiederkommen, dann aber mit Schlittschuhen. „Wir sind hier vor 50 Jahren schon eisgelaufen, die Kinder haben es hier gelernt und jetzt ist das Enkelchen dran“, freut sich die jung gebliebene Großmutter auf den sonnigen Samstag auf dem Eis.
Der Wurmsee ist nur 30, maximal 50 Zentimeter tief. „Wenn Du hier einbrichst, wirst Du vielleicht ein bisschen nass, mehr nicht“, sagt der Esslebener Alfred Brönner, einziger Schlittschuhläufer in den Mittagsstunden. Konzentriert zieht er seine Kreise, wechselt vom Vorwärts- ins Rückwärtsgleiten, macht „Stilübungen“, wie er sagt, die seine technischen Fertigkeiten beim Rollerskaten stärken sollen. „Nur nass“ wird man ganz sicher nicht, wenn man sich auf die großen Seen in der Region wagt. Johanniter-Ausbildungsleiter Jochen Hawesch rät, Eisflächen erst aber einer Eisstärke von 20 Zentimetern zu betreten – „und am besten niemals alleine, damit im Notfall noch jemand helfen kann.“ Auf 20 Zentimeter bringt es am Freitag keiner der von Mitarbeitern dieser Zeitung begutachteten Seen.
Allerdings: 14 Zentimeter stark ist das Eis auf dem „Elli“, dem Ellertshäuser See, ebenso dick auf dem Anglersee im Talkessel von Madenhausen. Die Spuren verraten: Hier waren Spaziergänger und Schlittschuhläufer unterwegs. Ein Abenteuer, das auch ins Auge gehen kann. Just an diesem Freitag brach ein 60-jähriger Mann im oberfränkischen Hirschaid in den Baggersee ein und konnte erst nach 25 Minuten und mit Hilfe eines Hubschraubers geborgen werden. Seine Körpertemperatur sank dabei auf 28 Grad, er schwebte in Lebensgefahr und wurde ins Klinikum Bamberg eingeliefert.
Baggerseeeinbruch bei Hirschaid
Fünf Zentimeter dick war das Eis bei Hirschaid – und auch die Eisfläche des Schweinfurter Baggersees ist noch nicht stärker. „Betreten verboten“ – und lebensgefährlich. Die städtischen Hinweisschilder am Ufer sprechen eine eindeutige Sprache, eine hölzerne Rettungsleiter liegt dennoch für den Notfall bereit. Wenn diese nicht zur Verfügung steht, soll man sich mit Ästen, Seilen, langen Schals an eingebrochene Personen herantasten, keinesfalls aber selber nahe an die Einbruchstelle herangehen. Und: Der zu Rettende bewegt sich am besten robbend, auf allen Vieren, in Richtung Ufer, da die Last so gleichmäßiger verteilt wird.
Rudi Ebert ist sich sicher: „Das Eis trägt.“ Am Wochenende, das weiß der 73-jährige Madenhausener, werden die Kinder aus dem Ort den Anglersee bevölkern. Auch wenn es manchmal verdächtig kracht beim Spazierengehen auf der 14 Zentimeter dicken Eisfläche. „Das liegt daran, dass der Wasserstand durch den Zu- und Abfluss schwankt“, weiß Ebert, der unmittelbar am Seeufer wohnt und „seinen See“ kennt. „In den 50er Jahren haben wir hier 25 Zentimeter starke Eisblöcke herausgeschlagen“, erinnert er sich. Lagereis für die Löwenbräu in Poppenlauer, die auch das örtliche Wirtshaus belieferte. Heute kümmert sich der Rentner ein bisschen um den Eisbetrieb, hat ein Auge auf das Geschehen, zieht manchmal auch den Schnee mit einem Schieber ab.
Schnee gibt es nicht in diesen kalten Tagen. Nur am Ellertshäuser See hat die Landschaft zumindest ein getüpfeltes Winterkleid an. Bizarr wirkt vor diesem Hintergrund manchmal ein Eisspaziergang auf den kleineren Seen, wenn man durch die glasklare Tragschicht bis zu zwei Meter tief ins erstarrte Wasser sehen kann. Muscheln präsentieren sich, Schilfpflanzen, manchmal auch ein träger Fisch. Es ist ein reizvoller Blick in die heimische Wasserwelt, aber auch kein ungefährlicher. Die Baggerseen rund um Grafenrheinfeld haben am Freitag Eisstärken von maximal neun Zentimetern, der Taschsee kracht laut bei vorsichtigem Betreten. Spaziergänge sind hier keinesfalls zu empfehlen.
Außerdem sind ja auch die Seeufer reizvoll. Die Füße werden dann nicht ganz so kalt und für die Hände kann man derzeit in jedem Baumarkt oder Discounter diese bunten kleinen Taschenwärmer kaufen. Man knickt ein Metallplättchen im Inneren des flüssig gefüllten Kunststoffbeutels, schon sorgt eine chemische Reaktion für mollige Wärme in der Jackentasche oder im altmodischen Muff. So spaziert sich's gemütlich durch die Winterwelt bis zum nächsten Café, in dem hoffentlich heißer Tee serviert wird...
Eislaufen unter Flutlicht
Die Schweinfurter Natureisbahn unter der Ludwigsbrücke ist ab sofort täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Eintritt: Erwachsene 1,50 Euro, Kinder 50 Cent, abends Flutlicht.
Von Diana Pfister
und Holger Laschka
Diesen Artikel
Die neuesten Kommentare
Direkt zur Redaktion
Gelesen
Kommentiert
|
|
SCHWEINFURT Sattelzug kippt mit 20 Tonnen Schrott um |
|
|
NIEDERWERRN 31-Jährige stürzt vom Balkon |
|
|
SCHWEINFURT Obere Straße freigegeben |
|
|
GEROLZHOFEN Faszination Storch: Adebar kehrt heim |
Prospekte
Beilagen
Stadtkultur Schweinfurt
Kunst und mehr Die Stadt Schweinfurt hat kulturell eine ganze Menge zu bieten. »mehr
Fotografen und ihre Fotos
Grüsse aus der Region
Meine Maschine und ich
Recht auf Auskunft
Zeichen setzen
engagierte Bürger Lesen Sie alles über den Preis und machen Sie Vorschläge, wer ihn bekommen soll. »mehr

Wetter














