publiziert: 26.01.2012 16:42 Uhr
aktualisiert: 26.01.2012 16:43 Uhr
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zwischen roten lippen geparkt

Wolfgang Henne in der Sparkassengalerie: Zeichnung
  • Wolfgang Henne: „fuchsrüde und deckelhündin, alles für mehr musik“ lautet der skurrile Titel dieser Zeichnung.
    Foto: Sparkassengalerie
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Am Anfang unseres Gesprächs zeigt sich Wolfgang Henne ein wenig sperrig. Am Telefon einfach mal so über seine Zeichnungen zu sprechen, dazu hat er keine Lust. Auch nicht darauf, Fragen zu beantworten, die sich der Betrachter selbst beantworten könnte, wenn er nur genau hinsehen würde. Das Abgefragt-werden von Journalisten hat er schon zu DDR-Zeiten abgelehnt und daran hat sich bis heute nichts geändert. Aber auf ein richtiges Gespräch mit einer, die neugierig auf seine Arbeit ist, sich damit befasst und so auch ihren Beitrag leistet, kann sich Wolfgang Henne schließlich doch einlassen – auch am Telefon im Vorfeld seiner Ausstellung in der Sparkassengalerie.

Unter dem Titel „zwischen roten Lippen geparkt“ zeigt der 1949 geborene Leipziger Künstler Arbeiten der letzten 13 Jahre auf Papier, die er Zeichnungen nennt – trotz ihrer malerischen Aspekte und der großen Rolle, die die Farbe spielt. „Farbe“ ist ein gutes Stichwort, schon sind wir mitten im Gespräch und Henne erklärt anschaulich seine zeichnerische Auffassung. Trotz der Dichte auf seinen Bildern stehen die Dinge und Figuren nebeneinander, oft deutlich abgegrenzt durch eine Umrisslinie, nichts überlappt sich, nichts fließt ineinander über wie in der Malerei.

Über inhaltliche Aspekte mag Henne eigentlich nicht reden. Über die eigenwilligen Wesen mit dem eckigen Kopf und den prallen roten Lippen, die manchmal Mann sind, manchmal auch eindeutig Frau mit unübersehbaren Brustwarzen, sagt er nur, dass sie immer wiederkehren, dass er sich an dieser Figur abarbeite. Die roten Lippen sind übrigens nicht wirklich lustvoll, schon gar nicht sinnlich. Genauer betrachtet, haben sie etwas Aggressives an sich und die Vorstellung, von ihnen berührt zu werden oder zwischen ihnen zu parken (siehe Ausstellungstitel) ist keine angenehme.

Schließlich nennt Henne doch drei Themen. Es sind die ganz elementaren Geburt, Tod und Sexualität, die wie eine große Klammer sein Werk umschließen – zu dem neben den Zeichnungen auch Gedichte, Künstlerbücher, Grafik und keramische Plastik gehören. Seine Bilder sind Bühnenbilder, die manchmal witzigen, manchmal poetischen, manchmal skurrilen Titel verraten wenig oder gar nichts von Hennes Geschichte. Er schafft nur den Raum, das Stück dazu schreiben muss jeder Betrachter selbst.

Mit Wolfgang Henne zu sprechen bedeutet auch über die ehemalige DDR zu sprechen. Beim Stichwort Farbe erzählt er von der Tristesse in diesem Land, in dem selbst bei Sonnenschein alles aussah wie bei Novemberregen. Erste Berührung mit der Farbigkeit des Westens hatte er schon als Junge, wenn die Westverwandtschaft wieder Päckchen schickte. Als der Künstler ab 1982 reisen durfte, wirkte sich die Begegnung mit der Farbe im Westen auch auf sein Werk aus. Die gedeckten Erdfarben der 80er- Jahre verschwanden in den 90er-Jahren langsam und sind ab 2000 gar nicht mehr zu finden.

Beim Stichwort Titel erzählt er von der eigenen Sprache, die Künstler wie er entwickelt haben – als Gegenposition zur amtlichen Parteisprache. Diese Lust an der Provokation hat er bis heute – auch wenn Titel wie „barbusige gymnasiastinnen vor der fabrikhalle“ längst nicht mehr provozieren. Aber sie können verblüffen und vielleicht irritieren, vor allem wenn der Zusammenhang zwischen Zeichnung und Titel nicht erkennbar ist – und auch daran hat Wolfgang Henne großen Spaß.

Es gäbe viel zu sagen über den vielseitig begabten Künstler, über sein Unangepasst-Sein, seine Gedichte, seine zahlreichen Künstlerbücher, auch über die extremen Auswirkungen der Wiedervereinigung auf sein Leben. Dazu wird noch Gelegenheit sein bei der Begegnung mit Wolfgang Henne in der Sparkassengalerie. Für heute nur noch soviel: Henne ist ein politisch hoch interessierter Beobachter der Außenwelt und keiner, der mit Hilfe seiner Bilder Innenschau betreibt. Aber es sei ihm nicht gelungen, sich auch künstlerisch politisch äußern zu können. „Ich hatte immer den Ansatz, und dann schwing ich mich auf, breite die Flügel aus, schwirre davon – und von dem Vorhaben, dem Ansatz, bleibt nichts mehr übrig“. Alles, was für ihn zählt, ist, dass ein Bild seinem Qualitätsstandard stand hält.

Wolfgang Henne, „zwischen roten lippen geparkt“, Sparkassengalerie, Eröffnung 31. Januar, 19 Uhr, zu sehen bis 13. April.

Von Katharina Winterhalter
    
    

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