aktualisiert: 07.02.2012 16:55 Uhr
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ESTENFELD
„Das kann so nicht weiter gehen“
Fischsterben in der Kürnach: Ein Verdacht liegt vor, Maßnahmen bleiben bisher aus
Über vier Monate sind vergangen, seitdem Hunderte Forellen einer Verschmutzung der Kürnach zum Opfer gefallen sind. Getan hat sich seitdem nicht viel. Das Regenüberlaufbecken auf Höhe der Weißen Mühle, das inzwischen als wahrscheinlichste Ursache ausgemacht wurde, ist wie gehabt in Betrieb. Bachpächter Matthias Hampl hat dafür wenig Verständnis. Er fordert die Verantwortlichen zum Handeln auf.
„Inzwischen sprechen mich schon Passanten darauf an, dass am Einlaufrohr und weiter flussabwärts wieder Verschmutzungen zu sehen sind“, sagt Hampl. „Bei jedem Regen fließt wieder Abwasser in den Bach. Das kann doch so nicht weiter gehen.“
Die Gemeinde Estenfeld sieht keinen Handlungsbedarf. „Wir haben das Becken überprüft und es war alles in Ordnung“, sagt Bürgermeister Weber. „Ich glaube nicht, dass das Becken die Verschmutzung verursacht hat.“ Das Becken habe die letzten 20 Jahre problemlos funktioniert. „Warum soll das plötzlich anders sein?“, fragt sich Weber.
Schuldhaftes Verhalten?
Sowohl das Wasserwirtschaftsamt Aschaffenburg (WWA) als auch die Wasserschutzpolizei halten es hingegen für sehr wahrscheinlich, dass das Regenüberlaufbecken die gesuchte Ursache ist. „Man muss nicht viel Fantasie haben, um auf die Ursache zu kommen“, meint Oberkommissar Frank Rothbächer, der nach dem Fischsterben die Ermittlungen übernommen hat. Sein erster Zwischenbericht liegt der Staatsanwaltschaft vor. Das bestätigt auch Oberstaatsanwalt Dieter Geuder: „Und wir halten weitere Ermittlungen für erforderlich.“ In naher Zukunft sollen die Untersuchungen fortgesetzt werden. Sie sollen klären, ob fahrlässiges oder schuldhaftes Verhalten der Gemeinde die Verschmutzung verursacht hat.
In der Zwischenzeit nimmt eine Streife der Wasserschutzpolizei das Becken zwei bis drei Mal pro Monat in Augenschein. „Dabei konnten wir allerdings nichts besonderes feststellen“, berichtet Rothbächer. Es käme immer wieder vor, dass an solchen Becken Fetzen von Toilettenpapier auftauchen. Seinen Beobachtungen zufolge hat die Gemeinde nach dem Vorfall zwar verstärkt Reinigungsmaßnahmen durchgeführt. Diese seien aber wieder eingestellt worden. Bachpächter Matthias Hampl bestätigt das: „Ich glaube, dass die Gemeinde verschleiern wollte, welche Abwässer an dieser Stelle regelmäßig in die Kürnach fließen.“
Nach ersten Analysen hat das WWA bereits empfohlen, das Becken zu überprüfen. Von Seiten des Landratsamtes, der zuständigen Rechtsbehörde, kamen trotzdem noch keine Handlungsanweisungen. Anja Will, Fachbereichsleiterin Umwelt, verweist auf das noch laufende Ermittlungsverfahren. Erst nach Erhalt der Ergebnisse werde man über das weitere Vorgehen entscheiden. „Die Empfehlung des Wasserwirtschaftsamtes richtet sich an die Gemeinde Estenfeld“, so Will weiter. „Die Gemeinde ist verpflichtet, ihre Anlagen zu überwachen und handelt insofern eigenverantwortlich.“
Einblick in Unterlagen
Im Rahmen der Überwachung muss die Gemeinde ein Betriebstagebuch über das Regenüberlaufbecken führen. Das Wasserwirtschaftsamt hat nun Einblick in diese Unterlagen gefordert – bis 1. März. Dann könnten auch die Ergebnisse der zusätzlichen Untersuchungen vorliegen, die Biologe Maslowski an der Kürnach durchgeführt hat. „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht“, sagt er.
Bachpächter Hampl hofft, dass die Angelegenheit mit der Zeit nicht im Sande verläuft. „Die Behörden gehen nicht scharf genug vor“, so Hampl. „Dabei ist die Beweislast eindeutig.“
Belastung durch Abwässer
Regenüberlaufbecken sollen die Klärwerke bei starkem Niederschlag entlasten. Das Regenwasser soll dabei die Abwässer, die in das jeweilige Gewässer gelangen, stark verdünnen.
Nach dem Fischsterben in der Kürnach belegten Wasseranalysen, dass hoch konzentrierte Abwässer in den Bach gelangt sein müssen, höchst wahrscheinlich aus dem Regenüberlaufbecken auf Höhe der Weißen Mühle in Estenfeld.
An die 60 tote Bachforellen hatte Bachpächter Matthias Hampl an der Kürnach gefunden. Er geht davon aus, dass der gesamte Bestand von fünf Jahren der Verschmutzung zum Opfer gefallen ist.
Abgesehen von diesem Vorfall kritisiert Hampl die generelle Belastung der Kürnach durch Abwässer. Das Wasserwirtschaftsamt ist dabei, diesem Verdacht in zusätzlichen Untersuchungen nachzugehen. Maßnahmen können indes nur von der Gemeinde ergriffen bzw. vom Landratsamt angeordnet werden.
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Tilleulenspiegel (6 Kommentare) am 08.02.2012 20:30
...hat 20 Jahre problemlos funktioniert. Warum soll das plötzlich anders sein?“Zuerst möchte ich mich bei dem Redaktionsmitglied Regine Beyss dafür bedanken, dass Sie mit Ihrer Berichterstattung am „Ball“ bleibt. Hier muss einfach nachgefragt und nachgeforscht werden. Es ist doch offensichtlich, dass hier etwas z u Himmel „stinkt“. Der Bachpate Herr Hampl setzt sich für den Erhalt der Kürnach ein. Die Natur hat zu wenige „Fürsprecher“. Umso wichtiger ist es, Idealisten und Ehrenamtliche in ihrer Sorge für unsere Natur zu unterstützen und ernst zu nehmen. Diese Menschen opfern viel Zeit und nicht selten ihr eigenes Geld um uns eine lebenswerte Welt zu erhalten.Das Statement des Estenfelder Bürgermeisters, Weber erstaunt schon ein wenig: „Die Gemeinde Estenfeld sieht keinen Handlungsbedarf. Wir haben das Becken überprüft und es war alles in Ordnung. Ich glaube nicht, dass das Becken die Verschmutzung verursacht hat. Das Becken habe die letzten 20 Jahre problemlos funktioniert. Warum soll das plötzlich anders sein?“ In 20 Jahren kann einiges geschehen. Vielleicht entspricht das Becken nicht mehr dem Stand der Technik. Vielleicht ist es wegen der zunehmenden Versiegelung und Bebauung der Flächen inzwischen zu klein? Kann er nur hoffen, dass sein „Glaube“ nicht enttäuscht wird. Ich hoffe, dass die Behörden ihre Arbeit korrekt machen. Staatsanwaltschaft, Wasserschutzpolizei und Wasserwirtschaftsamt sind gefordert der Sache auf den Grund zu gehen und in sich in Zukunft stärker dem Schutz unserer Natur zu widmen. Auch der seltsame Vorfall auf Lengfelder Gemarkung lässt ahnen, welch geringer Stellenwert unseren Gewässern beigemessen wird. Die Erklärung zur Funktion der Becken in der Main-Post ist etwas irreführend: „Das Regenwasser soll dabei die Abwässer, die in das jeweilige Gewässer gelangen, stark verdünnen!?“ Zur Funktion: Bei Regen fällt oft schlagartig Regenwasser an, das von den Kläranlagen nicht direkt verarbeitet werden kann und in Regenbecken zwischengespeichert wird – einschließlich der Schmutzstoffe, die im Kanal vorhanden sind (Fäkalien). Kommt viel Wasser läuft das Becken irgendwann über. Das heißt, das Abwasser aus dem Kanal - durch den Regen verdünnt- läuft dann in den Bach oder Fluß. Durch die Verweilzeiten des Wassers im Rückhaltebecken soll eine Sedimentation der Feststoffe erreicht werden. Die abgesetzten Feststoffe müssen dann später über den Kanal zur Kläranlage „gespült“ werden. Funktioniert das Becken und ist es groß genug, hat der Schmutz (Fäkalien) genügend Zeit sich abzusetzen. Um die Anlage beim Bau richtig zu bemessen gibt es Vorschriften und Ingenieure die dies beherrschen sollten. Das Wasser das überläuft bleibt aber trotzdem Abwasser und belastet die Vorfluter. Deshalb sollte vermieden werden, dass dem Kanal Regenwasser zugeführt wird. Dies kann erreicht werden indem die Städte und Gemeinden viel konsequenter dafür sorgen, dass von den privaten Grundstücken und Gewerbeflächen weniger Regenwasser kommt. Eine Lösung ist Versickerung, Regenwassernutzung, Dachbegrünung und vieles mehr. |
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