publiziert: 16.07.2010 21:24 Uhr
aktualisiert: 16.07.2010 21:36 Uhr
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Aus der Mitte entspringt ein Lurz

Der Weltklasseschwimmer aus Würzburg entspannt beim Angeln

Die Jagd nach Fischen ist ähnlich der nach Rekorden – Thomas Lurz legt sich eine Taktik zurecht, hinzu kommen ein gerüttelt Maß Erfahrung und eine ausgereifte Technik

Der Main fließt träge, umso lebhafter geht es auf dem Alu-Schelch zu, der zwischen Veitshöchheim und Erlabrunn zwei Angler zu ihren Revieren trägt. Neben Christian Weckesser, Inhaber von „CMW Angelgeräte“ aus Veitshöchheim, geht einer mit Angelrute und Köder auf Raubfischjagd, der üblicherweise im Wasser jagt, und zwar Rekorde, die er selber aufgestellt hat: Thomas Lurz (30), Rekordweltmeister und Bronzemedaillengewinner bei den Olympischen Spielen in Peking. Lurz, der für den SV 05 Würzburg startet, ist seit seiner Jugend Angler.

Frage: Wie hoch ist Ihr Puls, Thomas?

Thomas Lurz: Angeln ist für mich Entspannung und Spaß. Ich schalte ab, lenke mich ab. Da ist der Puls normal.

Wie oft gehen Sie angeln?

Lurz: Mittwochs in den Abendstunden und sonntags. Da habe ich mehr Zeit, jedenfalls dann, wenn keine Wettkämpfe sind.

Wann hing der erste Fisch am Haken?

Lurz: Das ist jetzt schon bald 25 Jahre her. Meine Mutter hatte extra wegen mir den Angelschein gemacht damals, damit ich in Begleitung angeln gehen konnte.

Und es war . . .

Lurz: . . . eine Forelle, glaube ich. Wir waren jedenfalls an einem Forellenteich. Da waren so viele Fische drin, dass ein Erfolgserlebnis garantiert war.

Wann haben Sie dann den eigenen Angelschein gemacht?

Lurz: Februar/März 2009.

Was zahlt man eigentlich für den Angelschein und was für die Erlaubnis, hier am Main angeln zu können?

Lurz: Der Fischereischein kostet so 300 Euro und die Erlaubniskarte für den Main im Jahr 70 Euro. Meiner Meinung nach ist das viel zu günstig, dafür, dass man ein Jahr lang tagein, tagaus angeln gehen darf.

Eine ordentliche Angelausrüstung kostet auch viel Geld.

Lurz: Ich würde sagen, ab 50 Euro bis unendlich. Kommt darauf an, was man und wo man angeln möchte.

Kaum zu glauben, dass Sie beim Angeln nur relaxen und Spaß haben wollen. Sie schwimmen doch auch, um zu gewinnen. Ist beim Angeln nicht auch Ehrgeiz im Spiel, der Beutetrieb?

Lurz: Klar ist es schön, wenn ab und zu ein Fisch anbeißt. Wenn nicht, geht die Welt nicht unter. Ärgern kann ich mich, wenn es beim Schwimmen nicht klappt. Das ist Leistungssport, ist mein Beruf. Da verdiene ich mein Geld.

Als Schwimmer sind Sie Einzelkämpfer. Und als Angler?

Lurz: Ich angle meist in Begleitung. Gerne mit Christian Weckesser, von ihm kann ich noch was lernen. Ab und zu geht meine Freundin mit.

Sie sitzen alleine am Main, starren auf die Wasseroberfläche, und die Gedanken schwimmen . . . wohin eigentlich?

Lurz: Kommt drauf an, was gerade anliegt. Steht ein wichtiger Wettkampf bevor, denke ich schon mal über meine Taktik nach oder über die nächste Trainingseinheit.

Essen Sie Fisch?

Lurz: Sehr gerne.

Am liebsten . . .

Lurz: Von den Süßwasserfischen Zander und Waller. Es darf auch Forelle oder Saibling sein. Und natürlich schmeckt der Fisch besser, den man selbst gefangen hat. Da weiß ich, dass er frisch ist.

Sie kommen viel in der Welt herum. Sicher haben Sie immer mindestens eine Angelrute dabei?

Lurz: Nie! Die Schwimmwettkämpfe sind zwar im freien Gewässer, ich könnte also fischen gehen dort. Aber das muss man nicht verknüpfen. Bisher habe ich in heimischen Revieren geangelt, am Main oder an den Seen in Lengfeld beim Herrn Hergenröther. Einmal bei einem Wettkampf sah ich beim Start im klaren Wasser unter mir einen Waller stehen. Einen Sekundenbruchteil lang habe ich überlegt, ob ich runtertauchen soll. Natürlich ging das nicht, ich hätte zu viel Zeit verloren.

Denken Sie manchmal an einen Angelurlaub?

Lurz: Ja, schon, die nördliche Mongolei soll ein Anglerparadies sein. Reizvoll sind auch die skandinavischen Länder, Schweden und Norwegen. Einen Angelurlaub werde ich mit Sicherheit mal machen, jedenfalls nach der Schwimmkarriere.

Die endet wann?

Lurz: Nicht vor August 2012. Bei den Olympischen Spielen in London bin ich jedenfalls noch dabei.

Angeln ist vielseitig. Es gibt Grundangeln, Spinnangeln und Fliegenfischen.

Lurz: Fliegenfischen hab' ich noch nie probiert. Bei uns in Franken findet man leider nicht die Bedingungen wie in Oregon, wo Robert Redford den Film „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“ drehte. Am ehesten dürfte Fliegenfischen in der Sinn funktionieren.

In dem Film „Der alte Mann und das Meer“ nach dem Roman von Ernest Hemingway kämpft ein Mensch gegen die Natur. Spüren Sie diesen Jagdtrieb, den der Roman beschreibt?

Lurz: Ja, schon, wenngleich das natürlich beim Hochseefischen viel ausgeprägter ist. Wie ich angle, geschieht es schon mehr im Einklang mit der Natur.

Na ja, der Fisch am Haken leidet aber?

Lurz: Es ist wissenschaftlich untersucht, dass der Fisch im Maul ganz wenig Schmerzen empfindet.

In Roman und Film entwickelt der alte Mann Gefühle. Er sieht im Fisch nicht nur den Herausforderer, sondern fühlt sich ihm fast brüderlich verbunden. Was geht in Ihnen vor, wenn sich ein Fisch heftig wehrt?

Lurz: Mir geht es wie dem alten Mann. Ich empfinde Respekt für den Fisch, ganz klar. Aber haben will ich ihn trotzdem.

Der „alte Mann“ fährt immer wieder aufs Meer, weil er den ganz großen Fang machen will. Sie wollen sicher auch mal einen Riesen-Waller fangen?

Lurz: Freuen würde mich das schon. Aber ob der Fisch zwei Meter misst oder einen Meter oder 50 Zentimeter, ist mir nicht so wichtig. Mir geht es gut, wenn ich in der Natur sein kann.

Wie überlistet man einen Fisch?

Lurz: Mit Wissen, Erfahrung und Technik. Es braucht eine Menge Erfahrung, um einschätzen zu können, wo ein Hecht überhaupt stehen könnte. Für das weitere Vorgehen gilt das Gleiche wie beim Schwimmwettkampf: Ohne Taktik geht es nicht.

Als Langstreckenschwimmer kennen Sie sicher die besten Athleten der Meere.

Lurz: Da fallen mir die Wanderfische ein, Aale und Lachse.

Richtig, der Aal schwimmt von deutschen Gewässern 5000 bis 6000 Kilometer in die Sargassosee im Westatlantik. Grauwale aber legen bei ihrer jährlichen Wanderung zwischen den Fortpflanzungsgebieten in Mexiko und den nördlichen Nahrungsgebieten in der Behringsee fast 20 000 Kilometer zurück.

Lurz: Nicht schlecht. Das dürfte etwa die Distanz sein, die ich in meinem Leben bisher geschwommen bin.

Was könnte hier hinter der Erlabrunner Staustufe stehen?

Lurz: Hecht, Zander oder Barsch.

Beim Angeln denken Sie manchmal ans Schwimmen. Gilt das auch umgekehrt?

Lurz: Nicht während des Wettkampfs. Da habe ich noch nie ans Angeln gedacht. Beim Training denke ich an Gott und die Welt. Da kann schon mal vorkommen, dass ich darüber nachdenke, welchen Köder ich nehmen könnte, um hier hinter der Staustufe erfolgreich zu sein.

Sie haben gerade den Köder gewechselt. Warum?

Lurz: Na ja, in der Hoffnung, dass der andere Köderfisch besser ist. Brauntöne sind im Main bei der Wasserfärbung mit am besten. Man soll die Farbe aber nicht überbewerten. Wichtiger ist, wie man den Köder führt.

Käse ist . . .?

Lurz: . . . eher ein Köder zum Grundangeln, besser für Barben geeignet als für Waller oder Zander.

Zwei Stunden, zig Würfe und kein Fang. Enttäuscht?

Lurz: Enttäuscht bin ich, wenn es beim Schwimmen nicht funktioniert. Beim Angeln hält sich der Frust in Grenzen.

Das Gespräch führte Tilman Toepfer
    
    

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