publiziert: 30.12.2011 11:07 Uhr
aktualisiert: 30.12.2011 11:39 Uhr
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Christinas drittes Leben

Organspende

Es war Rettung in letzter Sekunde: Die zwölfjährige Christina Beetz lebt schon mit der zweiten Spenderleber. Und ist ein fast normales Kind.

  • Ein fröhliches Mädchen: Doch Christina Beetz aus Eßfeld lebt schon mit der zweiten Spenderleber.
    Foto: Thomas Obermeier
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Gerade ist bei Christina Beetz Vokabeln abschreiben angesagt. Leider. Viel lieber wäre die Zwölfjährige im Stall. Reiten ist die große Leidenschaft des lebhaften Mädchens aus Eßfeld. Dass sie diesem Hobby überhaupt nachgehen kann, verdankt sie unbekannten Menschen, die eine schwere Entscheidung getroffen haben. Die Entscheidung, die Organe ihres toten Kindes freizugeben, um einem anderen Kind ein neues Leben zu ermöglichen. Dieses andere Kind ist Christina.

Wie es ist, vollkommen gesund zu sein, das weiß Christina eigentlich gar nicht. Erst wenige Wochen ist sie alt, da diagnostizieren die Ärzte bei ihr eine Gallengangatresie. Eine Erkrankung, die wer weiß woher kommt und verhindert, dass die Galle aus der Leber in den Darm ablaufen kann. Wird nichts unternommen, entsteht eine Leberzirrhose. Über kurz oder lang kommen Menschen mit dieser Erkrankung um eine Lebertransplantation nicht herum.

Als ob das so einfach wäre – Tausende von Menschen stehen auf der Liste für ein Spenderorgan. Viele warten vergeblich, weil ein lebensrettendes Organ nicht rechtzeitig zur Verfügung steht. Umso bemerkenswerter ist es, dass Christina bereits die zweite Lebertransplantation hinter sich hat. Wer es nicht weiß, sieht ihr nicht an, was sie hinter sich hat. Fröhlich blättert die schlanke Zwölfjährige in den Fotoalben, die ihre Krankengeschichte dokumentieren. Unter ein Bild hat sie geschrieben: „Mein drittes Leben beginnt.“

Vor diesem dritten Leben liegen Jahre voller Leid, langer Krankenhausaufenthalte, Hoffnung und kritischer Augenblicke. Als Baby wird Christina zunächst der Teil einer fremden Leber transplantiert – an der medizinischen Hochschule Hannover, die auf Christinas Erkrankung spezialisiert ist. „Anfangs verlief alles recht gut“, sagt Christinas Mutter Elisabeth Beetz.

Dann aber tritt ein Ereignis ein, das die Ärzte in Hannover in helle Aufregung versetzt: Ein anderes Kind verblutet – die Pfortader, ein großes Blutgefäß, das die Leber versorgt, hatte sich verschlossen und zur Bildung zahlreicher Krampfadern geführt, die schließlich platzten.

Schleunigst werden alle anderen operierten Kinder untersucht. Bei ihnen ist, von außen nicht erkennbar, ein ähnlicher Verlauf eingetreten. Auch bei Christina. Und das heißt: Eine weitere Lebertransplantation ist nötig. Anderthalb Jahre muss Christina diesmal warten – in einem labilen Zustand, denn jederzeit hätte es auch bei ihr zu lebensbedrohlichen Blutungen kommen können. Die letzten dreieinhalb Monate verbringt die damals Achtjährige mit ihrer Mutter in der Klinik in Hannover. Der Vater, Hugo Beetz, reist an den Wochenenden an.

Die Fotos, die Christina so unbekümmert herumreicht, sind bedrückende Dokumente. Sie zeigen ein Mädchen mit Nadeln und Schläuchen in Hals und Armen. Medikamente und Blutkonserven sind anders nicht in den Körper zu bekommen. Und doch sieht man auf diesen Fotos das kleine Mädchen lachen, mit anderen Kindern und der Lieblingskrankenschwester scherzen.

Zwei Tage nach Christinas neuntem Geburtstag wird Elisabeth Beetz nachts in ihrem Apartment im Krankenhaus geweckt: Eine Spenderleber sei endlich verfügbar, sagen die Ärzte. Es ist höchste Zeit. Lange hätte Christinas Körper nicht mehr mitgemacht. Am nächsten Morgen sieht Elisabeth Beetz ihr Kind im OP verschwinden. „Und ich wusste nicht, ob ich sie zurückbekomme“, erzählt die Mutter. Die risikoreiche Operation gelingt. Aber das Kind muss eine Woche im künstlichen Koma bleiben.

Als die erschreckend hohen Leberwerte endlich sinken, wird Christina aus dem Koma geholt. Einige Wochen später entsteht das Foto, unter dem steht: „Mein drittes Leben beginnt.“ Christina fühlt sich wohl in diesem Leben. Sie geht in Würzburg aufs Gymnasium und verbringt so viel Zeit wie möglich im Reitstall bei den geliebten Pferden.

Aber niemand in der Familie hat vergessen, wie Christinas drittes Leben möglich wurde. Dass ein anderer Mensch sterben musste. Vermutlich sei es ebenfalls ein Kind gewesen, sagt Elisabeth Beetz. Denn Christina erhielt eine ganze Leber. Die eines Erwachsenen wäre zu groß für sie gewesen. „Wir haben anonym einen Brief an die Angehörigen geschrieben“, sagt Christinas Mutter. Eurotransplant, die Vermittlungsstelle für Organspenden, hat ihn weitergeleitet. Der Empfänger und die Familie eines Organspenders dürfen sich nicht kennen. Emotional wäre das für beide Seiten kaum zu verkraften.

„Christina geht es gut“, sagt ihr Vater. Sie muss zwar ihr Leben lang Medikamente gegen die Abstoßung einnehmen, täglich mindestens anderthalb Liter trinken und darf nicht jeden Sport treiben. Ansonsten aber führt sie ein Leben wie andere Mädchen ihres Alters auch. Dank einer Organspende.

Elisabeth Beetz findet es deshalb wichtig, dass alle Menschen sich mit dem Thema zumindest auseinandersetzen. „Ich selbst habe seit 18 Jahren einen Spenderausweis“, sagt sie.

Von unserem Redaktionsmitglied Claudia Schuhmann
    
    

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