aktualisiert: 27.12.2011 11:49 Uhr
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WÜRZBURG
Diakonie und Christophorus-Gesellschaft weisen auf Wohnungsnot hin
Sie heißen nicht Maria und Joseph, sie leiden selbst auch keine Not. Dennoch sind Anna Wirsing (22) und Maximilian Göß (19) zur Weihnachtszeit auf Herbergssuche gegangen. Sie wollten erleben und dokumentieren, wie schwierig es für ein schwangeres Paar ist, in Würzburg eine Wohnung zu finden.
Im richtigen Leben studiert Anna Wirsing soziale Arbeit, aktuell macht sie ein Praktikum bei der ökumenischen Christophorus-Gesellschaft, die sich um Menschen in Notlagen kümmert. Dort absolviert auch Maximilian Göß ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ). Als Cathrin Holland, Sozialarbeiterin beim Diakonischen Werk, die Idee hatte, „mal auf etwas andere Weise“ auf fehlenden preiswerten Wohnraum hinzuweisen, waren sie zum Mitmachen bereit. Die Probleme seien nicht neu, so Holland, aber sie hätten sich zuletzt verschärft. Mit Hartz-IV-Beziehern konkurrieren wegen der doppelten Abitur-Jahrgänge derzeit noch mehr Studenten als sonst um bezahlbare Wohnungen in Würzburg.
Ziel des Rollenspiels war es, eine Drei-Zimmer-Wohnung (75 Quadratmeter) zum maximalen Mietpreis von 499 Euro (inklusive „kalter Nebenkosten“ wie Wasser, Müllabfuhr, Kaminkehrer...) zu finden. Das ist nämlich exakt die Summe, die die Stadt Würzburg einer dreiköpfigen Hartz-IV-Familie zugesteht. Hinzu kommen 112,50 Euro für Heizung und Wassererwärmung.
Wohnungssuche beginnt beim Studieren von Immobilienanzeigen – in der Zeitung und im Internet. „In unserer Preiskategorie war so gut wie nichts dabei“, bilanziert Anna Wirsing drei Wochen intensive Suche. Lediglich ein Angebot sei einen Telefonanruf wert gewesen. Zu einer Wohnungsbesichtigung hat es aber nicht geführt. Wirsing: „Als ich der Vermieterin sagte, ich arbeite nicht und auch mein Partner lebt von Hartz IV, hat sie aufgelegt.“ „Ganz schön heftig“, findet Maximilian Göß diese Reaktion. Dabei sei das Risiko von Zahlungsausfällen doch gering, wenn die Stadt oder der Jobcenter die Miete übernimmt.
Gar nicht erst reagiert haben die zwei Herbergssuchenden auf Maklerangebote. Meistens seien die Wohnungen zu teuer. Wenn der Preis aber doch mal passt, können Hartz-IV-Empfänger in der Regel die Maklerprovision nicht aufbringen, weiß Sozialarbeiterin Holland aus Erfahrung. Die Übernahme solcher Kosten durch den Jobcenter sei allenfalls eine „Kann-Leistung“, auf die sich niemand verlassen könne.
„In unserer Preiskategorie war nichts dabei.“Anna Wirsing, „Wohnungssuchende“
Also machten sich „Maria“ und „Joseph“ auf den Weg direkt zu einzelnen Wohnungsbaugesellschaften. Insgesamt verwalten in Würzburg neun Unternehmen von der städtischen Stadtbau über das kirchliche St.-Bruno-Werk bis zur Heimathilfe (Übersicht im Internet: www.wohnen-in-wuerzburg.de) knapp 9000 Wohnungen zu in der Regel moderateren Mietpreisen als sie der übrige Markt bietet.
Dennoch, nach den Besuchen machte sich bei der werdenden Familie Ernüchterung breit. Die zuständigen Mitarbeiter hätten sie zwar freundlich begrüßt, ihnen aber gleich Hoffnung auf schnelle Hilfe genommen. Maximilian Göß: „Die haben unsere Daten notiert, uns auf Wartelisten gesetzt und vereinzelt auch mal Mitleid geäußert. Mehr ging aber leider nicht, der Wohnungsmarkt ist dicht.“
Bei Gesellschaften, die genossenschaftlich organisiert sind, komme erschwerend hinzu, dass man, nur um als Interessent registriert zu werden, Anteile zeichnen muss. „Geld, das man zwar irgendwann zurückbekommt. Aber woher soll man es nehmen, wenn man keines hat.“
Was also tun? Cathrin Holland und Günther Purlein, Geschäftsführer der Christophorus-Gesellschaft, sagen, sie wollen Schuldzuweisungen vermeiden, aber das Experiment zeige, „dass etwas passieren muss“. Die Erfahrungen von „Maria“ und „Joseph“ seien kein Einzelfall. Purlein kann sich die Wiedereinführung einer „Art sozialen Wohnungsbaus“ vorstellen, der Investoren Steuervorteile bietet, wenn sie zumindest eine Zeit lang Wohnraum zu günstigen Preisen an Hartz-IV-Empfänger vermieten. Aktuell sollte die Stadt die Obergrenze für bezahlte Miete (499 Euro für Drei-, 419 Euro für Zwei- und 318 Euro für Ein-Zimmer-Wohnungen) anheben, meint Holland.
Anna Wirsing ergänzt: „Manchmal würde es schon reichen, wenn die Mitarbeiter im Jobcenter mehr Ermessensspielraum hätten. Und ein paar Euro drauflegen, wenn sich jemand schon lange um eine günstige Wohnung bemüht, aber keine findet. Oder ein Auge zudrücken, wenn die Wohnung etwas größer ist als der Gesetzgeber eigentlich erlaubt.“
Bliebe ansonsten für das schwangere Paar im Rollenspiel, wie einst in Bethlehem, nur die Niederkunft in einem Stall? Cathrin Holland und Günther Purlein sind sich trotz aller Schwierigkeiten sicher: „Im Ernstfall werden unsere Hilfsorganisationen dies gemeinsam mit der Stadt verhindern.“
Hilfe zur Unterkunft
Hartz-IV-Bezieher bekommen als Haushaltsvorstand ab Januar 2012 die monatliche Regelleistung von 374 Euro. Der volljährige Partner innerhalb einer „Bedarfsgemeinschaft“ erhält 337 Euro. Für Kinder im Haushalt der Eltern gibt es je nach Alter zwischen 219 und 287 Euro.
Darüber hinaus finanzieren die Kommunen die Kosten für Unterkunft und Heizung, und zwar abhängig vom regionalen Wohnungsmarkt. In der Stadt Würzburg werden einem Alleinwohnenden (50 Quadratmeter Wohnfläche) 318 Euro für Kaltmiete und „kalte Nebenkosten“ gezahlt; für Heizkosten gibt es 65 Euro dazu. Die Beträge steigen mit der Größe der Bedarfsgemeinschaft: Zwei Personen (65 Quadratmeter): 419 Euro für Kaltmiete (plus 84,50 Euro Heizkosten); drei Personen (75 Quadratmeter): 499 Euro für Kaltmiete (plus 97,50 Euro Heizkosten); vier Personen (90 Quadratmeter): 581 Euro für Kaltmiete (plus 117 Euro Heizkosten) ...
Beim Jobcenter Würzburg sind aktuell 3700 Bedarfsgemeinschaften, die Anspruch auf Wohnunterstützung haben (zum Teil nur auf Teilbeträgen), registriert. 2400 davon sind Ein-Personen-Haushalte, 800 Zwei-Personen-Haushalte, so Gunther Kunze. Auch wenn die Zahl der Hartz-IV-Empfänger zurückgeht (vor einem Jahr waren es 4200 Bedarfsgemeinschaften), bestätigt Kunze den „Druck auf dem Markt für günstige Wohnungen“. Der Jobcenter gehe deshalb dazu über, Wohnungssuchenden die Maklerprovision zu bezahlen. micz
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kastex (13 Kommentare) am 29.12.2011 23:14
Soziale Gerechtigkeit?Während meines Grundstudiums wohnte ich in einem 20 Quadratmeter Appartement, zum Ende des Studiums residierte ich meines Erachtens fürstlich in einer 32 Quadratmeter Zweizimmer-Wohnung. Als Werktätige bewohnen meine Lebensgefährtin und ich heute gemeinsam 50 Quadratmeter. Wozu benötigt ein Hartz-IV-Bezieher für sich alleine eine Wohnfläche von 50 Quadratmeter? |
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evakurt (2618 Kommentare) am 30.12.2011 00:03
Da ist was dran,zumal ich selber auch als Student 2 Jahre lang in einem Zimmer gewohnt habe, das 6,5 m lang und 1,40 m (!) breit war (Tisch, Bett, Ofen, Waschbecken, Klo im Gang). Hat gelangt, weil man abends für pauschal 5,- DM in Oper oder THeater war und ansonsten in der Mensa gegessen hat. Wir haben damals einfach weit, weit weniger gebraucht als heute und dafür Bildung ohne Ende in uns hineingezogen haben (galt damals als cool)Zu klären wäre, ob das wirklich stimmt, dass (bei Hartz) EINE Person tatsächlich Anrecht auf 50qm Wohnfläche hat. Bei Elter(n) mit Kind(ern) sollte allerdings wirklich grosszügig Platz sein - man sollte seitens des Staates alles tun, um Hartz nicht zu vererben. |
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evakurt (2618 Kommentare) am 29.12.2011 22:07
Ein Problem besteht auch darin,dass man den 35jährigen Säufer, der zu faul zum arbeiten ist, in diesselbe Schublade steckt wie die geschiedene Frau mit zwei Kindern und unterhalts-zahlungs-unfähigen Vater. |
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45acp (194 Kommentare) am 29.12.2011 10:32
an die eigene Nase fassen!......waren die Herrschaften auch mal bei kirchlichen Wohnungsbaugesellschaften. Stadtbau Würzburg und Stadtverwaltung tut immer noch mehr als Brunowerk und Konsorten. "Maria & Josef" müßten doch in jedem Kloster Hilfe erfahren - oder? Immer nur auf andere zeigen und fordern ist unredlich !!!!! Das ganze halte ich für überflüssiges Kasperltheater!und.......auch der junge Arbeiter der seine Familie mit eigenen Händen ernährt, kann oft hohe Mieten in Großstädten nicht bezahlen und zieht aufs Land oder in weniger beliebte Stadtteile- wie ich im Freundeskreis erlebt habe, auch in ausreichender Zahl.........der Hartz IV-Empfänger muß sich endlich einmal damit abfinden, wie die arbeitende Bevölkerung Buse und Bahnen zu nutzen und nicht unmittelbar neben Media-Markt und Aldi oder der Lieblingsdisco wohnen zu können.........Es gibt Menschen die pendeln jeden Tag viele, viele Kilometer zur Arbeit. Die einen fordern immer nur die anderen Deppen arbeiten sich für deren Ansprüche den Ar..... ab - nervig! 2 Junge Leute ohne Arbeit, die ein Kind erwarten müssen nicht sofort auf 3 Zimmern mit 75 qm wohnen ....In der Not würde da einem redlichen Menschen, der versucht sein Leben selbst zu finanzieren auch für die ersten Monate eine 1-Zimmerwohnung reichen! Eine Forderung an die zahlende Algemeinheit in dieser Größenordnung ist (auch wenn der Gesetzgeber da für mich unverständlich mitspielt) dreist, frech und unverschämt! Zumal ich erst für eine Wohnung sorgen sollte bevor ich ein Kind mache, für das andere zahlen! Ich selbst habe -obwohl der Kinderwunsch groß war- gewartet bis ich mit ein Kind "leisten" konnte. |
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DMA (696 Kommentare) am 29.12.2011 08:19
Wenns nicht gerade Würzburg sein musssondern eine Gemeinde in der Nähe mit sehr guter Verkehrsanbindung (mit dem Bus in die Innenstadt keine 15 Minuten), dann ist für das Geld auch eine der gesuchten Wohnungen zu haben (war selbst erst vor kurzem auf Wohnungssuche und habe auch ähnliche Wohnungen zu dem Preis gefunden, keine davon war "einsturzgefährdet". In eine dieser Wohnungen bin ich auch eingezogen). Man muss halt einfach etwas genauer vorgehen bei der Suche, sich nicht auf eine bestimmte Örtlichkeit festlegen (z.B. muss es nicht zwingend Innenstadt sein) und nicht nur in die Tageszeitung schauen. Das Problem ist hier also offensichtlich nicht die zu geringe Zahlung der Behörde sondern die irrationale Stigmatisierung der Suchenden als Hartz IV - Empfänger gewesen. Dagegen kann auch ein höherer Satz nicht helfen, da auch - wie vor kurzem erlebt - unnötig. Meine Nachbarn leben übrigens zu viert auf 60qm - ohne Hartz IV. Warum also 75qm? |
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