publiziert: 05.07.2009 16:32 Uhr
aktualisiert: 05.07.2009 17:18 Uhr
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Die Orestie: Ausländer unter Ausländern

„Wir sind ein Asylantenheim“, sagt Hermann Schneider, der Intendant des Mainfranken Theaters, „und wir sind stolz darauf.“

  • Probe! In der sagenhaften Akustik des Amphitheaters war's, als wäre ein Sturm ausgebrochen, so knallte hier der Aischylos-Text in der Übersetzung von Peter Stein. Von links: Anne Simmering, Ursula Basler-Petsch, Anne Diemer, Christian Manuel Oliveira, Kai Christian Moritz, Philipp Reinheimer, Friederike Sinn und Edith Abels.
    Wolfgang Jung
  • Das Amphitheater von Epidauros. Die Kleinen ganz unten sind die vom Mainfranken Theater.
    Wolfgang Jung
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Neulich stieg einer mit mir in die Straßenbahn ein, der für die „Republikaner“ Wahlkampf macht. Einer mit Hütchen auf dem Kopf. Er sah einen Passagier sitzen, der dem Aussehen nach kein Deutscher war. Der Herr mit dem Hütchen rümpfte die Nase. Ich hörte auch eine Frau, auch sie mit einem Hütchen, klagen, man könne überhaupt nicht mehr auf die Straße gehen, wegen der Ausländer überall.
Die Zeiten sind schlecht für die Hütchenleute, ich weiß das. Vorvergangene Woche war ich selbst mit einer Truppe vom Mainfranken Theater unter die Ausländer geraten, in Griechenland. Ich weiß nicht, ob Hütchenleute ins Mainfranken Theater gehen. Wahrscheinlich nicht. Dort arbeiten Leute aus zwei Dutzend Nationen. „Wir sind ein Asylantenheim“, sagt Hermann Schneider, der deutsche Intendant, „und wir sind stolz darauf.“

Schlimmer als in Deutschland
Griechenland also, mit Ausländern unter Ausländern. Prompt passierte dieses: Im Amphitheater des Heiligtums von Epidauros probten die Theaterleute eine Szene aus dem antiken Tragödien-Dreiteiler „Die Orestie“. Drei Wärterinnen, griechische, verscheuchten sie. Das sei „ja wie in Deutschland!“, schimpften die Vertriebenen, und manche glaubten sogar, „das ist ja noch schlimmer als in Deutschland!“.
Ist das nicht eigenartig? Bist im Ausland und kriegst mit Ausländern zu tun, die deutscher tun als die Deutschen. Es kam noch krümmer.
Eine Griechin, für die Exkursion in Diensten des Theaters, machte Druck auf ihre Landsfrauen. Und erfuhr: Die Griechinnen hatten geglaubt, die Deutschen gehörten einer griechischen Sekte an, die die zwölf altgriechischen Hauptgötter anbetet. Antike Götter in einem antiken Heiligtum anbeten? Das geht nicht. Die Wächterinnen hatten die Schauspieler zum Schutz der Christenheit vertrieben.

Wie eine italienische Großfamilie
Nach energischen Verhandlungen siegte doch die Kunst über die Religion. Ein Schwung Amerikaner schaute der Probe zu, verstand kein Wort und war trotzdem aus dem Häuschen.
Endgültig Schluss mit der nationalen Orientierung war in den Tavernen. In die ist die Würzburger Truppe eingefallen wie eine italienische Großfamilie, laut, fröhlich, trubelig. Drei bis vier bestellten gleichzeitig bei einem Kellner (ein Yia mas!, ein Prosit, auf die griechischen Kellner!), manchmal sangen sie auch was. Dann legte der Intendant, der dabei war, vor Scham seinen Kopf in die Hände. Aber ich habe es gesehen: Er grinste dabei so breit wie ein Honigkuchenpferd. Der war wirklich stolz auf seine Leute. Apropos singen: Sie sangen ein mazedonisches Volkslied, dass ich glaubte, ich säße auf einem Dorfplatz mitten unter berauschten Mazedoniern. Sie lernten griechische Lieder. Bei der Rückkehr, nach Mitternacht am Würzburger Hauptbahnhof, stimmten sie ein senegalesisches Lied an; ich war hingerissen. Und in Epidauros sangen sie im mehrstimmigen Chor „Der Mond ist aufgegangen“. Das war das Schönste.

Schlechte Zeiten für Hütchenleute
Die Welt ist bunt. Es kommt nicht darauf an, was einer im Pass stehen hat. Es kommt darauf an, was er aus seinem Menschsein macht. Schlechte Zeiten für Hütchenleute. Wunderbare Zeiten für mich.

Wolfgang Jung
    
    

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