aktualisiert: 07.02.2012 16:25 Uhr
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FRAUENLAND
Die Pädagogin in der Handschuh-Werkstatt
Wer im Kaufhaus keine Handschuhe findet, ist bei Gerlinde Ballin-Huth richtig
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Bei der Arbeit: Gerlinde Ballin-Huth stanzt die Lederstücke für ein Paar Handschuhe aus.Fotos: Theresa Müller -
Lange Familiengeschichte: Ballin-Huth präsentiert die zweite Generation des Familienbetriebs mit den Mitarbeitern.
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Altes Werkzeug: Eine der Nähmaschinen, mit denen die Handschuhmeisterin arbeitet.
Lederduft strömt in die Nase, wenn man die Werkstatt von Gerlinde Ballin-Huth in der Voglerstraße betritt. Auch fallen gleich die vielen Papierschablonen von Händen ins Auge, die an der Wand hinter dem Arbeitstisch hängen. Mehrere schwarze Maschinen, die schon einige Jahre auf dem Buckel haben müssen, und eine große Presse, die neben der Türe steht, ziehen außerdem die Blicke auf sich.
In diesem Umfeld arbeitet die 54-jährige Handschuhmachermeisterin mit den brünetten Haaren und der Brille, die sie beim Werkeln immer wieder abnimmt, um jedes Detail ihres Schaffens zu überprüfen.
„Eigentlich bin ich studierte Diplom-Pädagogin“, erzählt Ballin-Huth, die 1984 in den Betrieb, den damals ihr Schwiegervater Ferdinand Huth leitete, eingestiegen ist. „Die Berufsaussichten als Diplom-Pädagogin waren allerdings schlecht und die Arbeit als Handschuhmacherin gefiel mir“, berichtet sie weiter.
In der vierten Generation fertigt Ballin-Huth nun wärmende Handschuhe für das 1881 gegründete Unternehmen. Menschen, die passgenaue Handschuhe möchten, kommen bei ihr vorbei, aber ihre Kunden sind vor allem die, die in normalen Läden keine Handschuhe finden, weil ihre Finger durch Unfälle eine andere Form haben oder ganz fehlen. „Hier in meinem Betrieb ist es möglich, orthopädische und genau an die Hand angepasste Stücke zu bekommen – da kann auch kein Warenhaus mithalten, so günstig es die Kleidungsstücke dort geben mag“, weist die Fachfrau auf die Nische, die sie für sich gefunden hat, hin.
Massenware hatte dem Familienunternehmen starke Konkurrenz gemacht, doch mit dieser Spezialisierung hat sie einen ganz eigenen Kundenstamm, den Fließbandproduktionen eben nicht bedienen können.
Umriss auf Papier nachgezeichnet
Wie entsteht eigentlich ein Handschuh? Gerlinde Ballin-Huth richtet ihren Arbeitskittel und verschafft sich auf dem großen Arbeitstisch in der Mitte des Raumes Platz, um ihr Vorgehen zu erklären. „Zuerst muss der Umriss der Hände auf Papier nachgezeichnet und dann der Umfang der Hände vermessen werden.“
Das Lineal und das Maßband, das sie benutzt, sehen irgendwie anders aus, und auch die Maßeinheit, in der die Daten notiert werden, ist ungewöhnlich. „Die Messung erfolgt in französischen Zoll. Das ist noch ein Überbleibsel aus der Anfangszeit des Handschuhwerks, das die Hugenotten überhaupt erst nach Deutschland brachten und nur langsam an Deutsche weitergaben“ erläutert Gerlinde Ballin-Huth. Ein Zoll entspricht etwa 2,7 Zentimetern – deshalb wirkten die Messstriche auf ihren Utensilien auf den ersten Blick willkürlich und unlogisch.
Alle Daten sind erfasst und der Kunde ist an der Reihe, die Materialien für sein Handschuhpaar auszuwählen. Die 54-Jährige schafft auf ihrem Arbeitstisch nochmals Platz und präsentiert zuerst verschiedene Ledersorten. So stehen beispielsweise Wildleder, Schweinsleder und Rindsleder zur Wahl. Auch beim Innenfutter gibt es mehrere Möglichkeiten. Die Fachfrau erläutert: „Lammfell, Schafsfell, Ziegenfell oder auch Seide – der Kunde hat das Sagen, wie sein Kleidungsstück werden soll.“ Die Materialauswahl bestimmt letztlich auch den Preis – ab rund 100 Euro gibt es Handschuhanfertigungen.
Sind die Fragen nach Leder und Futter geklärt, sucht Ballin-Huth vorgefertigte Stanzvorlagen aus, die den Händen, für die Handschuhe gemacht werden, möglichst nahe kommen. „Keine Hand ist wie eine andere, deswegen kann ich die Metallschablonen auch zurechtbiegen und abändern“, sagt Gerlinde Ballin-Huth, bevor sie an der großen Handpresse aus dem Leder erst ein großes Stück in Handform mit vier Fingern und dann ein extra Stück für den Daumen ausstanzt. Die zierliche Frau benötigt einige Kraft, um die alte, massive Maschine zu betätigen, präsentiert aber kurz darauf lächelnd die Lederstücke, die jetzt zusammengenäht werden können.
Je nach Leder und Futtereinsatz hat die Handschuhschneiderin drei unterschiedliche Nähmaschinen zur Auswahl, die nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurden und in ihrer Form heute selten geworden sind. „Die Maschinen nähen unterschiedliche Materialstärken“, macht Gerlinde Ballin-Huth klar. Nun kann sie die einzelnen Teile zusammenfügen und auch das Futter einnähen.
Reine Handarbeit zu teuer
Ballin-Huth erzählt, dass früher die meisten Handschuhe in reiner Handarbeit hergestellt und ohne jegliche Maschine gefertigt worden sind. Dieses Vorgehen kann sie sich heute im großen Stil nicht mehr vorstellen – Zeit- und Arbeitsaufwand wären einfach zu groß.
Im nächsten Arbeitsschritt wechselt die Meisterin wieder an ihren Arbeitstisch und holt mit einem kurzen Handgriff eine Art „Bügelbrett für Handschuhe“ aus einer Schublade. Sie schraubt die Eisenplatte, auf die ein Handschuh gezogen werden kann, in die dafür vorgesehene Halterung und gibt dem fertigen Handschutz den letzten Schliff. Gerlinde Ballin-Huth verrät: „Je nach Größe gibt es verschiedene Eisenplatten, auf die man die Handschuhe ziehen kann.“
Die 54-Jährige hofft, den Betrieb auch in die nächste Generation weitergeben zu können. „Die Freundin unseres Sohnes könnte sich durchaus vorstellen, das Handwerk eines Tages fortzuführen“, berichtet die Handschuhmacherin glücklich.
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