publiziert: 13.10.2010 11:55 Uhr
aktualisiert: 13.10.2010 14:30 Uhr
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Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text UNTEREISENHEIM/ASTHEIM
Die Rückkehr der Quitten

Der Kampf gegen das Artensterben: Wie Marius Wittur eine ungewöhnliche Rettungsaktion startete
  • Nachwuchs: In der Baumschule.
  • Lecker: Fränkische Hausquitte (links) trifft Volkacher Riesenquitte.
  • Duftet sie schon? Marius Wittur prüft die Erntereife.
    Fotos (3): Frank Weichhan
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Für Marius Wittur ist gerade Weihnachten. Was zum einen an der laufenden Erntezeit liegt. Vor allem aber lassen die vielen angelieferten Pakete weihnachtliche Gefühle aufkommen. Der Inhalt ist immer gleich: Quitten kommen zum Vorschein. Und die Absender haben immer die gleiche Frage: Um welche Sorte handelt es sich? Möglicherweise um eine, die längst in Vergessenheit geraten ist und auf ihre Rettung wartet?

Dass die fruchtigen Pakete bei Marius Wittur landen, ist alles andere als Zufall: Der Mann stieg in den vergangenen zehn Jahren zum Quitten-König auf. Durch den Erfinder des vier Kilometer langen Astheimer Quittenlehrpfades wurde die Mainschleife zum Quittenland. Beliefert wird mittlerweile ganz Deutschland mit allem, was die Quitte hergibt – sowie mit längst verschollen geglaubten Quittenbäumen.

Schatzkammer entdeckt

Dass sich Marius Wittur nach Würzburg und Kitzingen eines Tages an der Mainschleife niederlassen würde, war klar. Weil er hier vor rund zehn Jahren „eine Schatzkammer alter Quittensorten“ entdeckt hatte und wohl schon damals ahnte, dass er seine Lebensaufgabe finden würde. Vor fünf Jahren stieß er schließlich auf ein nettes Häuschen in Untereisenheim, begann mit der Veredelung von Quitten und seither gibt es kein Halten mehr.

Wie dringend die Quitte auf einen wie Marius Wittur gewartet hat, zeigt dieses Beispiel: Von der Volkacher Riesenquitte gab es genau noch einen Baum, als der Quittenmann 2003 mit der Nachzucht begann. Veredelte der Neu-Untereisenheimer im ersten Jahr zunächst 400 Bäume, sind es derzeit 4500. Was nichts anderes bedeutet als eine Verdoppelung Jahr für Jahr. Mittlerweile ist Wittur mit seiner Quitten-Baumschule bei einer Größe von drei Hektar angelangt.

Auch was den Nutzbestand anbelangt, explodierte das Quitten-Projekt zusehends: Pro Jahr werden mittlerweile um die 15 000 Flaschen mit Saft, Wein, Secco oder Bränden erzeugt. Musste Wittur in den Anfangsjahren die Bäume – bildlich gesprochen – mühsam „mit dem Fernglas“ suchen, um entsprechende Quittenwiesen zu pachten, ist das heute wesentlich einfacher: So wie die Pakete kommen längst auch die Pachtangebote zu ihm. Dazu immer wieder Tipps: Er möge doch mal schnell vorbeischauen, ehe Bäume gerodet werden. Oder auch: „Am Schwanberg stehen alte Quitten – guckt euch die doch mal an!“

Weshalb längst die Kräfte gebündelt sind: Seit zwei Jahren ist Ehefrau Leonie mit im Boot und organisiert vor allem den Vertrieb. Im vergangenen Jahr gab der gelernte Baumpfleger seine Halbtagesstelle auf, um sich ganz dem Quittengelb zu verschreiben. Neuerdings unterstützt das Paar ein fest angestellter Gartenbauingenieur, der seine Prüfungsarbeit passenderweise zum Thema Quitte geschrieben hat. Und dennoch weiß Marius Wittur oft gar nicht, was er zuerst machen soll – und das trotz einer Sieben-Tage-Woche und Arbeitstagen, die „selten vor dem Heute-Journal enden“.

Die Rastlosigkeit kommt nicht von ungefähr. Weil die letzten Quittensorten zu verschwinden drohen, ist Wittur so etwas wie Retter, Pionier und Getriebener in einem. Es musste und muss schnell gehen, um die Astheimer Perlquitten, die Fränkische Hausquitte oder eben auch die Volkacher Riesenquitte nicht untergehen zu lassen. Was jetzt nicht gesichert wird, ist wohl für immer verloren.

Am Anfang seiner Quittenkarriere waren Wittur gerade einmal noch zwei Sorten bekannt. Wobei kaum noch nach Sorten, sondern nach Formen unterschieden wurde – die Bezeichnungen Apfel- und Birnenquitten hatten sich durchgesetzt und bei Wittur die Nackenhaare aufstellen lassen. Inzwischen stehen die Sorten wieder im Mittelpunkt: 20 regionale Sorten sowie 35 weitere Sorten aus aller Welt konnte Wittur bisher im Rahmen seines Rekultivierungsprojekts ausfindig machen.

„Die Quitten sind im Kommen. Ein In-Obst.“

Marius Wittur Quitten-König

Nachdem „die Quitte in den vergangenen 150 Jahren ignoriert wurde“ und alles nur auf Äpfel und Birnen schaute, scheint das Obst gerade noch einmal die Kurve bekommen zu haben. Und das an ihrem angestammten Platz. Die Mainschleife war seit jeher Quittenland, wie ein Blick in das Volkacher Salbuch zeigt. Darin erwähnte der Stadtschreiber Niklas Brobst die Quitte bereits 1504, wie der Kitzinger Historiker Prof. Dr. Klaus Arnold herausfand.

500 Jahre später sind die Quitten wieder zurück und Wittur sieht sich belohnt. Es läuft besser als erträumt: Die Quitte ist angesagt, ein In-Obst, das sich immer mehr zum Renner entwickelt. Die Nachfrage wächst schneller als das Angebot.

In Berlin weiß man die Mainschleifen-Quitten ebenso zu schätzen wie in der heimischen Gastronomie, wo inzwischen gerne mal Gans mit Quitte gefüllt oder Wildschweinrücken mit Quittenkruste angeboten wird. Oder Bionade: Die Geschmacksrichtung Quitte hat sich inzwischen durchgesetzt. Müßig zu erwähnen, dass sich die Macher der Limonade bei Marius Wittur informiert haben.

Und weil das alles noch nicht reicht, hält der Quittenmann auch noch Vorträge, wie demnächst bei einem Quittentag im Deutschen Gartenbaumuseum in Erfurt und beteiligt sich an Direktvermarkter-Ausstellungen.

Wenn überhaupt, gibt es im Moment bei der Quitten-Erfolgsgeschichte nur einen Wermutstropfen: Die diesjährige Ernte fällt eher bescheiden aus. „Ein Drittel weniger“ werde es am Ende sein, wie Wittur schätzt. Weil dieses Jahr nicht viel gepasst hat: Zu kalt während der Blüte im Mai, dann eine lange Trockenperiode und schließlich ein verregneter August – nichts, was man als gestandene Quitte mag.

Wo das alles hinführt und wann die rasante Entwicklung enden könnte, ist derzeit noch völlig offen. Fest steht eigentlich nur: Für Marius Wittur und die Quitten hört Weihnachten im Moment irgendwie gar nicht mehr auf.

Internettipp: www.mustea.de, www.quittenmost.de Buchtipp: Monika Schirmer, „Die Quitte – eine fast vergessene Obstart", IHW - Verlag. Veranstaltungstipp: Marius Wittur ist beim Aktionstag Streuobst in Margetshöchheim am 16. und 17. Oktober mit dabei (www.streuobst-mainfranken.de).

Von unserem Redaktionsmitglied Frank Weichhan
    
    

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