publiziert: 01.02.2012 12:58 Uhr
aktualisiert: 01.02.2012 13:42 Uhr
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Europa vor Ort

Die LAG Wein, Wald, Wasser realisiert Projekte zur Stärkung des ländlichen Raums
  • Teilprojekt des Bachrundweges: Estenfelder weihen Wasserspielplatz ein.
  • Projekte zur Stärkung des ländlichen Raumes: Rund 300 Radfahrer begutachteten beim letzten Aktivtag der LAG Wein, Wald, Wasser den neuen Bachrundweg Kürnach-Pleichach.
    Fotos: LAG
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Auf den ersten Blick haben Kürnach und Brüssel nicht viel miteinander zu tun. Rund 500 Kilometer trennen die unterfränkische Gemeinde vom Sitz der Europäischen Kommission. Und die gefühlte Entfernung ist wohl mindestens genauso groß. Aber: Hin und wieder wird Europa sichtbar. Auch in Kürnach.

Im Juni 2011 wurde hier der Bachrundweg Kürnach-Pleichach eingeweiht. Es war das erste von verschiedenen Einzelprojekten der Lokalen Aktionsgruppe (LAG) Wein, Wald Wasser, die im Rahmen des europäischen Förderprogramms Leader (siehe Infokasten) in den Landkreisen Würzburg und Main-Spessart geplant und durchgeführt wurden. „Das Projekt ist beispielgebend“, sagt LAG-Manager Joachim Först.

Neben Kürnach waren auch die Gemeinden Estenfeld, Rimpar und Unterpleichfeld am Konzept des Bachrundweges beteiligt. Ziel sollte sein, die Wasser-Problematik auf der fränkischen Trockenplatte für die Bewohner der Region greifbar zu machen. „Die Kürnach und die Pleichach sind typische Bäche für die Region“, erklärt Först. „Der Rundweg sensibilisiert die Menschen für dieses Thema – ohne allzu akademische Sichtweise.“

Das Projekt greift eines der drei Hauptthemen der LAG auf: Wasser. Gleichzeitig erfüllt es eine der wichtigsten Zielvorstellungen des Vereins. „Wir wollen alle Gemeinden an einen Tisch bringen, um eine enge Vernetzung zu gewährleisten“, sagt Ernst Joßberger. Der Bürgermeister von Güntersleben ist Vorsitzender des Arbeitskreises „Interkommunale Zusammenarbeit“. 18 Mitglieder hat der Arbeitskreis – ein Vertreter für jede Gemeinde. „Auch unabhängig von Projekten soll hier ein Austausch stattfinden“, so Joßberger. Dabei sollen weder die Grenzen der Landkreise (Würzburg und Main-Spessart) noch politische Interessen eine Rolle spielen. „Wir wollen dem Kirchturmdenken entgegenwirken und die Gemeinden vernetzen.“

Insgesamt umfasst die LAG ein Gebiet von rund 560 Quadratkilometern. 76 000 Einwohner sind hier zu Hause – und sie spielen eine wichtige Rolle. „Die Bürger sollen von Anfang an in die Projekte miteinbezogen werden“, erklärt der LAG-Vorsitzende Wilhelm Remling. Schließlich laute das Motto „Bürger gestalten ihre Heimat“.

Diese Gestaltung begann vor etwa zehn Jahren. Die LAG – damals noch unter dem Namen „Energie und Kabel“ – erarbeitete ein erstes Regionales Entwicklungskonzept (REK). Acht Gemeinden waren zu diesem Zeitpunkt beteiligt. In zahlreichen Workshops und Veranstaltungen diskutierten mehr als 100 Bürger eine „Stärke-Schwäche-Analyse“ sowie Projekte, die ihre Region stärken könnten. „Das LAG-Management fasste die Ergebnisse zusammen und erstellte daraus ein Konzept“, so Manager Först. Und das Konzept überzeugte: Die LAG wurde in die erste Förderphase bis 2007 aufgenommen.

Nach ersten Erfolgen, wie zum Beispiel dem Walderlebniszentrum in Rimpar, schlossen sich weitere Gemeinden an. Das REK wurde weiter entwickelt und aktualisiert – und erhielt abermals die Zusage für eine fünfjährige Förderung mit einer Mindestfördersumme von einer Million Euro.

„Für die einzelnen Projekte müssen separate Anträge gestellt werden“, so Bürgermeister Joßberger. Die Projektentwicklung erfolge immer von unten nach oben, das heißt ausgehend von den Bürgern. Der Lenkungsausschuss der LAG entscheidet, welche Förderanträge eingereicht werden. Höchstens die Hälfte seiner Mitglieder darf aus der Politik kommen. Die andere Hälfte muss von Bürgern oder Vertretern gesellschaftlicher Gruppen gestellt werden.

Vier ständige Arbeitskreise bearbeiten Themen wie Natur, Jugend, Tourismus und Landwirtschaft bearbeitet. Für einzelne Projekte wie den Bachrundweg bilden sich vor Ort eigene Arbeitsgruppen, die die Planung, Durchführung und auch langfristige Betreuung übernehmen. So sei die Nachhaltigkeit gewährleistet, betont der Vorsitzende Remling: „Wir bauen nicht einfach irgendetwas und überlassen es dann seinem Schicksal.“

Auch nach Abschluss interessiert die LAG, wie die Projekte angenommen werden. „Wir beobachten die Reaktionen und die Nutzung“, so Manager Först. „Der Bachrundweg wird zum Beispiel gut genutzt.“ Über 190 000 Euro kostete die Umsetzung. Bei einer Netto-Förderquote von 50 Prozent kamen 80 000 von der EU. Die andere Hälfte mussten die Projektträger auf andere Weise stemmen. Das ist mitunter ein Problem. „Einige Projekte scheitern an der Kofinanzierung“, so Först. „Deswegen können wir nicht alle Ideen realisieren.“ Vor allem bei privaten Projektträgern, hinter denen keine Kommune und kein Verein steht, müsse man immer wieder auf die Bremse treten.

Doch insgesamt könne sich die Bilanz der LAG sehen lassen. „Hinter den Ideen steckt oft eine beachtliche Eigenleistung der Beteiligten“, weiß Joßberger. „Wenn die Bürger wissen, dass ein Projekt tatsächlich umgesetzt wird, sind sie Feuer und Flamme“. In der aktuellen Förderphase konnte unter anderem die Waldwerkstatt im Gramschatzer Wald und die Lernort Synagoge in Arnstein realisiert werden. Weitere Projekte wie der Gesundheitsgarten in Retzbach oder das Alte Pfarrhaus in Binsbach befinden sich in der Planung. Oft regen die abgeschlossenen Projekte weitere Ideen an. So soll im Rahmen des Bachrundweges eine Ausstellung zum Thema „Tiere unserer Flur und Auenlandschaft“ erstellt werden. „Solche Aktionen wären früher undenkbar gewesen“, glaubt Remling.

Das gilt auch für die Kooperationsprojekte mit anderen LAG. In Zusammenarbeit mit der Region Bamberg arbeiten die Unterfranken beispielsweise an einem Main-Konzept, das den Fluss als Freizeiteinrichtung und Naherholungsgebiet bekannt machen soll. Und auch am europaweiten Projekt „Jakobuswege“, das den Pilgerweg in allen beteiligten Ländern attraktiver machen soll, beteiligt sich die LAG Wein, Wald, Wasser. „Die Vernetzung spielt hier eine ebenso große Rolle wie auf regionaler Ebene“, sagt Manager Först.

Eine Vernetzung, die auch Kürnach und Brüssel ein wenig näher zusammen rücken lässt – und überall in der Region seine Spuren hinterlässt.

Das EU-Förderprogramm

Die französische Abkürzung LEADER steht übersetzt für „Verbindung zwischen Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft“. Es handelt sich um ein Förderprogramm der Europäischen Union, das 1991 ins Leben gerufen wurde. Es soll modellhaft innovative Projekte zur Förderung des ländlichen Raumes unterstützen.

 

Vor Ort erarbeiten Lokale Aktionsgruppen (LAG) Regionale Entwicklungskonzepte und konkrete Projektvorschläge. In Deutschland sind die einzelnen Bundesländer für die Durchführung des Programm zuständig. In Bayern werden unter der Leitung des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten aktuell 58 Regionen gefördert. Sie haben sich zuvor in einem landesweiten Wettbewerb mit ihren jeweiligen Konzepten durchgesetzt.

 

Die aktuelle Förderphase begann 2008 und läuft noch bis 2013. Die LAG Wein, Wald, Wasser erhielt bisher Fördergelder in Höhe von rund 800 000 Euro.

Die nächste Leader-Förderphase beginnt 2014 mit einem erneuten Wettbewerb.

Von unserem Redaktionsmitglied Regine Beyss
    
    

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