aktualisiert: 13.11.2011 16:49 Uhr
Text
Text
OCHSENFURT
Musik und Lesung zum Thema „Jüdisches Leben in Ochsenfurt&ldquo
„Damit auch diese Geschichte ins Gedächtnis rückt“
Mittwoch, 9. November 1938, Reichs-Pogromnacht. In ganz Deutschland brennen die Nazis unzählige jüdische Synagogen, Betstuben und Schulen nieder. In den nächsten Tagen werden Tausende in Konzentrationslager gebracht. Unter ihnen auch Bürger aus Gaukönigshofen, Goßmannsdorf und Marktbreit.
Wieder an einem Mittwoch, wieder am 9. November, allerdings 73 Jahre später, sieht es – Gott sei Dank! – komplett anders aus. Fast 60 Menschen drängen sich in der Ochsenfurter Kemenate, ein altes Haus beim Ziehbrunnen links hinter dem Rathaus, durch die niedrige Tür in den engen Raum.
Auf einem runden Tisch spendet eine kleine Leselampe Licht, dazu die überall verteilten Kerzen. Dann wird es still, drei Männer nehmen auf einem kleinen Podest Platz. Jüdische Klezmer-Musik ertönt, gespielt auf einem Saxophon und einer Gitarre.
Es ist ein Vortrag im Rahmen der „Musikalischen und literarischen Herbstimpressionen“, organisiert von Berufsmusiker Rainer Schwander. Thema des Abends: „Jüdisches Leben in Ochsenfurt“.
„Auf die Idee kam ich, als ich die Geschichte des Hauses hier, der Kemenate, erfuhr,“ sagt Schwander. Denn die Kemenate hat jüdische Grundmauern aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Und im 13. Jahrhundert stand an diesem Platz vermutlich sogar eine Synagoge.
In diesen Wochen ist das Haus Veranstaltungsort für Schwanders Konzertreihe. Dadurch erfuhr der Musiker auch von dessen Geschichte. Spontan kam deswegen die Idee zustande, den Abend des 73. Jahrestages der Reichspogromnacht dem historischen Leben jüdischer Bevölkerung in Ochsenfurt zu widmen. „Davor war mir eigentlich nicht bewusst, dass es mal eine jüdische Gemeinschaft in Ochsenfurt gegeben hat.“
Hans Steidle, Würzburger Stadtheimatpfleger, erklärt in seinem Vortrag warum: In der Schule behandelt und in der Öffentlichkeit besprochen wird meistens nur der Holocaust. Zu Zeiten des Dritten Reiches gab es aber schon lange keine Juden mehr in Ochsenfurt.
Was davor lag, ist beinahe in Vergessenheit geraten. Mit viel Mühe hat Steidle die Fakten und Daten zusammengetragen, die auch das jüdische Leben vor dem 20. Jahrhundert beleuchten.
„Schon Ende des 13. Jahrhunderts fand ein erstes Pogrom gegen Ochsenfurter Juden statt. Über 30 Männer, Frauen und Kinder wurden erschlagen,“ erzählt der Historiker. „Ein weiteres Pogrom im 14. Jahrhundert löschte die restlichen Juden in Ochsenfurt aus, eine größere jüdische Gemeinde entwickelte sich hier nie mehr.“
Vom 16. bis 18. Jahrhundert durften sich keine Juden mehr in Ochsenfurt niederlassen, ein Handelsverbot vertrieb auch die letzten Viehhändler von den Zollstationen der Stadt. Das tat den Rest dazu, und bis zur Reichspogromnacht am 9. November 1938 lebte keine jüdische Familie mehr in Ochsenfurt.
Das bedeutete allerdings nicht, dass Ochsenfurter SS und SA-Leute am Abend des 9. Novembers 1938 frei hatten. Die Juden aus den umliegenden Dörfern wurden deportiert, 25 waren es alleine in Gaukönigshofen.
Rainer Schwander am Saxophon, Hackbrett und Ziehharmonika und sein Musiker-Kollege Bernhard von der Goltz an der Gitarre begleiteten den Abend mit ost-europäischer jiddischer Musik. Der Eintritt war frei, jedoch wurde um eine Spende gebeten.
Vom Geld soll ein Schild an der Kemenate angebracht werden, das auf die jüdische Vergangenheit der Gemäuer hinweist. „Denn auch diese Geschichte soll in Ochsenfurt ins Bewusstsein rücken.“

Wetter















