publiziert: 24.01.2011 13:35 Uhr
aktualisiert: 24.01.2011 15:33 Uhr
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Projekt am Siebold-Gymnasium beleuchtet Musikdichter Alfons Stier

  • Komponist und Chemielehrer: Alfons Stier, stehend, mit einem Lehrer-Kollegen.
    Repro: MP
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Der Würzburger Komponist und Chemielehrer Alfons Stier lebte nach seinem Tod 1952 nur noch in sporadischen Nennungen regionaler Musikgeschichten weiter. Dann stieß Musiklehrer Michael Buttmann beim Aufräumen auf die handschriftliche Partitur eines kompletten Oratoriums. Das Merkwürdige an diesem Fundort im Siebold-Gymnasium: Der Raum war bei Stiers Tod noch gar nicht gebaut. Jemand musste den Folianten gezielt für die Nachwelt abgelegt haben.

Die historische Flaschenpost machte Buttmann wissbegierig. Und in diesem Schuljahr konnte er elf Schülerinnen und Schüler für ein wissenschaftlich-propädeutisches Seminar – früher: Facharbeit – gewinnen. An diesem Mittwoch stellen die Jugendlichen ihre Stier-Forschungen der Öffentlichkeit vor.

Fruchtbares Schaffen

Je tiefer Buttmanns Gruppe nach Zeugnissen über Alfons Stier grub, desto fruchtbarer erschien dessen Schaffen. Das erwähnte Werk für Chor, Soli, Orchester und einen Sprecher existiert allein in drei Fassungen. „Mysterium vitae“ (Geheimnis des Lebens) trägt eine Opus-Zahl (47), womit Komponisten andeuten, dass das ausgezeichnete Stück dereinst zum Lebenswerk gehören solle. Und es wurde im Mai 1939 zum 75-jährigen Bestehen des damals so genannten Realgymnasiums aufgeführt.

Die Schulaula im Mainfränkischen war keineswegs der prominenteste Konzertsaal, in dem Stier-Werke aufgeführt wurden. Im Würzburger Dom wurden seine Notenbücher sehr häufig aufgeklappt, denn der Naturwissenschaftler befasste sich in allererster Linie mit geistlicher Musik. Der Domkapellmeister hielt große Stücke auf ihn, und so überschätzte Stier seine Geltung in Kirchenkreisen nicht, wenn er dem Bischof Matthias Ehrenfried eine Partitur widmete. Buttmann fasst über den Vergessenen zusammen: „Alfons Stier hatte seit 1930 einen ganz großen Fuß in der Kirchenmusik. Das war beileibe kein Sonntagskomponist.“

In Nürnberg, München, Salzburg, aber auch im katholischen Westfalen hörten Menschen Einstudierungen seiner Werke, von denen viele in Musikalienverlagen gedruckt wurden. Die Tonsetzerei studierte er privat, bei den beiden Wagnerianern Cyrill Kistler in Bad Kissingen und beim Würzburger Konservatoriumsprofessor Max Meyer-Olbersleben. Offenbar haben die Lektionen ein Stück weit genützt. Der heutige Musiklehrer Michael Buttmann versucht eine vorsichtige Einschätzung der Stierschen Klangwelt: „Manches ist sehr schön und auch modern, anderes ist geschmäcklerisch und in seiner Volksliedhaftigkeit vom Zeitgeist abhängig.“

„War er ein Nazi?“ Die Frage treibt die Schüler heute besonders um. In die NSDAP trat Stier bald nach dem Parteisieg bei der Reichstagswahl 1933 bei, brachte es in der Kulturszene bzw. ihrer Überwachung auch zum „Kunstbeauftragten“ und wurde 1945 dennoch als „entlastet“ entnazifiziert. Seinen Leumundszeugen zufolge ließ er im Biologieunterricht die Rassenlehre weg, 1942 machte er in dem Gesang „Frieden sei mit euch“ seiner Abneigung gegen den Krieg Luft.

Typische Zwischenstellung

„Er nahm eine typische Zwischenstellung ein, die ihn für uns heute als Kind seiner Zeit interessant macht“, sagt Buttmann. So war es für den Lehrer auch keine unangenehme Lektüre, als er die Jahrgänge des Würzburger Generalanzeigers von 1941 bis 1944 höchst ergiebig nach Musikrezensionen aus Stiers Hand durchforstete: In Alfons Stiers Artikeln fand er keine Spur von der Hetze, wie sie ihm aus den Leitartikeln entgegenschrie.

Zu hören sind am Mittwoch ein Auszug aus dem Oratorium „St. Michael“, arrangiert für Kammerbesetzung, und die Neubearbeitung einer Passage aus „Mysterium vitae“.

Die Veranstaltung beginnt am Mittwoch, 26. Januar, um 19 Uhr in der Mensa des Siebold-Gymnasiums, Rennweger Ring 11. Alfons Stier. Das Programm: Präsentation von zwei Hörbeispielen und neun Schülerarbeiten über die Biografie, das Werkverzeichnis und weitere Einzelaspekte zu dem Würzburger Komponisten. Der Eintritt ist frei.

Von unserem Mitarbeiter Joachim Fildhaut
    
    

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