publiziert: 24.08.2012 15:07 Uhr
aktualisiert: 26.08.2012 12:01 Uhr
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„Wir machen keine Hetzjagd auf Radfahrer“

Streitgespräch Kontrolliert die Polizei in Würzburg zu oft? Radkurier Volker Schneidereit diskutiert mit den Beamten Fritz Schneider und Wolfgang Glücker.

  • Keine freie Fahrt: Auch auf der Alten Mainbrücke sind Radfahrer und Fußgänger oft auf Kollisionskurs.THERESA MÜLLER
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  • Polizisten und Radkuriere: (von links) In der fairen Diskussion zwischen Wolfgang Glücker, Fritz Schneider, Sascha Melching, Felix Schäbler und Volker Schneidereit prallten verschiedene Meinungen über die Radsituation in Würzburg aufeinander.
    Foto: Thomas Obermeier
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Macht die Würzburger Polizei zu viele und zu harte Kontrollen unter den Radfahrern? Wo bleibt Raum für das letzte bisschen Freiheit, das das Lebensgefühl vieler Pedalritter ausmacht? Einer, der sich auskennt, weil er sowohl privat als auch professionell Rad fährt, ist Volker Schneidereit. 17 Jahre Erfahrung als Radkurier kann er in die Waagschale werfen. Er reagierte auf die vielen Kontrollen mit einer Forderung, gerichtet vor allem an die Stadt: „Nehmt etwas Geld in die Hand und schafft endlich für den Radverkehr eine Daseinsberechtigung mit einem schlüssigen Konzept. Schafft eine Identität für Radfahrer, die es möglich macht, dass man nicht mehr auf Gehwege ausweichen muss, weil man sich auf der Straße durch hupende, überforderte und ignorante Autofahrer in Gefahr sieht, sich einer weit größeren Gefahr auszusetzen.“ Es müsse doch, so Schneidereit, einen anderen Weg geben als bei Verstößen abzukassieren. Mit dem Verhältnis zwischen Radlern und Polizei setzten sich im Redaktionsgespräch die Polizeibeamten Wolfgang Glücker und Fritz Schneider sowie Volker Schneidereit und zwei seiner Kuriere, Sascha Melching und Felix Schäbler, auseinander.

Frage: Gibt es derzeit über Gebühr viele Polizeikontrollen bei Fahrradfahrern in Würzburg?

Fritz Schneider, Polizei: Eine außergewöhnliche Präsenz würde ich hier nicht sehen. Wir haben die Plicht, den Radverkehr zu überwachen. Das erfordert gerade auch die Beschwerdesituation.

Welche Beschwerdesituation?

Schneider: Vor allem Senioren und Fußgänger führen in der Stadt in jüngster Zeit Klage über das Verhalten von Radlern. Gerade ältere Menschen fühlen sich nicht mehr sicher auf den Fußwegen, da sie oft auch von Radlern genutzt werden. Manche Radfahrer nehmen sich Dinge heraus und setzen sich oft über die Straßenverkehrsordnung hinweg. Das können wir so nicht hinnehmen.

Glauben Sie, Radfahrer sehen sich nicht als Teil einer Straßenverkehrsordnung?

Schneider: Ja, bei manchen ist das so. Der Radfahrer hat ja den vermeintlichen Vorteil, ohne Kennzeichen unterwegs zu sein, im Gegensatz zu motorisierten Verkehrsteilnehmern. Viele nutzen den Schutz der Anonymität, um sich über Regeln hinwegzusetzen.

Wie oft kontrollieren Sie im Stadtgebiet?

Schneider: Gemeinsam mit der Stadt machen wir sporadische Schwerpunkt-Kontrollen. Wir standen beispielsweise jüngst in der Sanderstraße und haben alle angehalten, die aus Richtung Sanderring das Einfahrverbot missachtet haben. Radfahrer fahren gerne auf dem Gleiskörper der Straba in die City, was sie aber nicht dürfen.

Was sind so die größten Radlersünden?

Schneider: Fahren gegen die Einbahnstraße, fahren auf Gehwegen, hohe Geschwindigkeit in der Fußgängerzone und auch entgegen der Fahrtrichtung am Berliner Ring radeln. Das führt immer wieder zu schweren Unfällen. 2012 waren das dort vier Unfälle, drei Radler fuhren in falscher Richtung. Rote Ampeln und Alkohol spielen ebenfalls eine Rolle.

Alkohol und Radfahren ist kein Kavaliersdelikt?

Schneider: Nein, absolut nicht. In vielen Berichten wird immer wieder herausgestellt, dass sich der Radler erst ab einem Alkoholwert von 1,6 Promille strafbar macht. Das stimmt so nicht. Bereits ab 0,3 Promille macht er sich strafbar, wenn er auffällig wird durch einen Unfall oder durch Ausfallerscheinungen wie Schlangenlinien fahren. Darüber muss sich jeder im Klaren sein, der mit Alkohol fährt.

Das heißt, der Polizist muss erstmal für sich subjektiv entscheiden, ob der Radfahrer auffällig ist oder nicht. Ist das nicht schwer einzuschätzen?

Wolfgang Glücker, Polizei: Kontrollieren kann ich den ja immer als Polizeibeamter. Da geht es manchmal auch um Fragen, ob ihm das Rad überhaupt gehört. Der Polizeibeamte muss dann letztendlich entscheiden, ob der Betreffende Ausfallerscheinungen während der Fahrt gezeigt hat.

Herr Schneidereit, die Polizei kontrolliere zu hart, haben Sie uns geschrieben und sie würden für mehr Freizügigkeit Radlern gegenüber plädieren. Ist das möglich nach den gesetzlichen Zwängen, von denen wir gerade gehört haben?

VOLKER Schneidereit, Radkurier: Zunächst habe ich für viele angesprochene Probleme Verständnis. Es kann nicht alles durchgehen. Aber die Situation für uns Radfahrer ist ungleich ungerechter als für Beschwerdeführer wie die Fußgänger oder gar Autofahrer. Wissen Sie, meine Radfahrerseele hat hier in Würzburg das Gefühl, wir sind hier nicht erwünscht, wir dürfen gar nicht da sein. Es gibt keine Identität, es gibt kein schlüssiges Radverkehrskonzept, so dass wir sagen können, hier dürfen wir mit Recht sein. Wir sind immer darauf angewiesen, uns im kreativen Bereich der Straßenverkehrsordnung zu bewegen, weil Radwege irgendwo anfangen und irgendwo aufhören. Sie sind oft nicht klar benannt. Vielleicht ist auch unklar ob es ein Mischweg ist für Fußgänger und Radler. Die Radwege sind in einem katastrophalen Zustand wie in der Erthalstraße. Ist das dann überhaupt sicher, fragt sich da der Radler oft? Auf der Straße begibt man sich oftmals in Gefahr, auf den Gehwegen gibt es verbale und echte Kollisionen mit Fußgängern. Das ist das Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen.

Wie wollen Sie das aber ändern?

Schneidereit: Mein Impuls ist es immer für ein gutes Miteinander zu werben. Dazu gehören auch bauliche Veränderungen.

Wie viele Radkuriere fahren für Sie?

Schneidereit: Etwa 20.

Und Sie halten Sie regelmäßig dazu an, regelkonform zu fahren?

Schneidereit: Sicher. Es geht nicht, dass wir über rote Ampeln und entgegen der Einbahnstraßen fahren.

Auch nicht, wenn Zeit Geld ist bei den Kurieren?

Schneidereit: Da sind wir im Bereich der Auslegung. Wenn ich weiß, ich habe ein durchgehendes Radwegenetz, auf dem ich gut vorwärts komme, fahre ich eben nicht falsch in die Sanderstraße ein und riskiere Ärger mit der Polizei.

Wie viele Einsätze fahren Ihre Radkuriere im Stadtgebiet am Tag?

Schneidereit: 150 bis 300 in Grombühl, Sanderau, Zellerau und Innenstadt.

Ihre Leute sind Profis. Die kennen die Knackpunkte. Nennen Sie doch mal ein paar.

Schneidereit: Richtung Residenz an der Stelle, an der der Radweg auf der Straße mündet. Am Berliner Ring ist es immer gefährlich und in der Mergentheimer Straße Richtung Sportzentrum ist es auch eng.

Aber da gibt es auf der anderen Straßenseite doch einen Radweg.

Schneidereit: Das ist ein Schotter-, Schlamm-, Matschweg, der immer wieder durch kreuzende Straßen unterbrochen wird. Ich möchte gleichberechtigt sein als Radfahrer und nicht ständig anhalten müssen, wenn ich schnell unterwegs bin.

Dürfen Radfahrer überhaupt selbst entscheiden, ob sie in der Mergentheimer Straße die Straße nutzen oder den Radweg?

Glücker: Wenn die Strecke mit einem blauen Schild gekennzeichnet ist, dürfen sie nicht selbst entscheiden. Sie müssen den Radweg nutzen.

Die Qualität, hinderliches Wurzelwerk, Steine oder Schlamm, des Radweges im Verhältnis zur Straße spielt dabei überhaupt keine Rolle?

Glücker: Nein, überhaupt nicht.

Schneider: Da gibt es nur die Möglichkeit, über die Straßenverkehrsbehörde der Stadt einen Antrag zu stellen, um an diesen Orten die Situation zu verbessern.

Wo gibt es Ermessensspielräume? Beispielsweise beim Fußgängerweg auf der Löwenbrücke?

Glücker: Wenn ich den als Radfahrer nutze, habe ich meistens kaum Fußgänger, da habe ich niemanden wie in der Sanderstraße, der urplötzlich aus einem Geschäft tritt. Auf der Löwenbrücke könnte es bei einer kostenlosen Ermahnung bleiben, in der Sanderstraße ist es eine Gefährdung.

Was muss in Würzburg passieren, damit die Situation besser wird, Herr Schneidereit?

Schneidereit: Wenn nur geringe Mittel im Stadtsäckel für eine Verbesserung der Radwege vorhanden sind, würde ich auf eine andere Bewusstseinsbildung setzen. Die Autofahrer müssen wissen, Radler sind schlechter dran, haben weniger eigene Strecken. Und auch der Fußgänger muss wissen, dass die Radler, wenn sie mal auf dem Fußweg abkürzen, das oft aus Unwissenheit tun. Ist das jetzt ein Mischweg oder ist das schon wieder aufgehoben? Oft fehlt die Klarheit bei der Beschilderung. Die Wirkung der Kontrollen ist einfach: Wir haben eine schwierige Situation und werden auch noch bestraft. Da stimmt die Verhältnismäßigkeit nicht mehr, wenn es 15 Euro kostet falsch in die Sanderstraße einzubiegen und den Gleiskörper zur Innenstadt zu nutzen.

Die Polizei wird schon unruhig?

Schneider: Ja. Es ist nicht so, dass wir eine Radler-Hetzjagd gestartet hätten. Das sind ein paar Schwerpunkt-Aktionen, die wir auch fortsetzen werden. Es kann nicht sein, dass der Radfahrer in Würzburg frei entscheidet, welche Verkehrsflächen er gerade nutzt, egal was die Straßenverkehrsordnung dazu sagt. Die Unfallbilanz gibt uns Recht.

Herr Schneidereit, ein Schlussappell?

Schneidereit: Weniger abkassieren von Seiten der Polizei und die Stadt sollte noch mal überdenken, ob es nicht die Möglichkeit gibt, vorhandene Lösungen für Verbesserungen zu realisieren, auch im Hinblick auf eine autofreiere Innenstadt. Wir sind gerne bereit, unsere langjährige Erfahrung als Radkuriere konstruktiv mit einzubringen.

Das Gespräch moderierte Ernst Jerg
    
    

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»Alle 26 Kommentare anzeigen Die neuesten Kommentare

citybike (73 Kommentare) am 26.08.2012 11:30

Affentheater

Jedes mal die gleiche Posse wenn es um das Thema Radfahrer geht. Die Autofahrer schildern ihre Probleme mit den Radfahrern, und umgekehrt.
Es gibt aber ein paar punkte die nicht von der Hand zu weisen sind:

- alle Verkehrsteilnehmer sind gleichberechtigt. Würzburg macht es dem Radfahrer mangels Radweg schwer sich gleichberechtigt zu fühlen. Der Autofahrer hingegen der die Luft verpestet kann seinen*******durch bzw. in die tiefste Innenstadt schieben. Das ist unverhältnismäßig und schon Antik. Aber Würzburg lebt gern in der Steinzeit!

- Radfahrer sollten nicht nur 3-Gangmühlen haben und wenn, dann mit funktionierender Lichtanlage.

- der Sprit scheint immer noch nicht teuer genug, sonst wären schon mehr Leute auf die Idee gekommen die Karosse zu Hause zu lassen. Die Autos verstopfen die Stadt, nicht der Fußgänger oder Radfahrer. Wenn das mal jemand kapiert hat, sinkt das Konflikpotenzial weil man sich einfach nicht mehr so stark in die Quere kommt.

PS:Warum hat man so wenig Zeichen?
(5)
Hingucker (1940 Kommentare) am 26.08.2012 10:40

Hetzjagt

die Polizei sollte lieber mal mehr die B19 kontrollieren zwischen Estenfeld und Heidingsfeld, da wären die Kontrollen angebrachter. Dabei sollten sie allerdings den Radiosendern verbieten, daß sie die Kontrollstellen schon vorab bekanntgeben. Macht endlich mal was den Schwerlastverkehr auf dieser Strecke, oder ist die Lobby so stark, daß nicht kontrolliert werden darf.
(1)
xantippse (12 Kommentare) am 26.08.2012 08:12

der gemeine radfahrer

es gibt ihn. ist nicht abzustreiten. nach oben buckeln und nach unten treten.
wie überall in der gesellschaft leiden die darunter, die sich rücksichtvoll und umsichtig verhalten. am lautesten aber krakelen oftmals die, die nur ihre situation sehen und die der anderen nicht nachvollziehen können oder auch schlicht ignorant sind.
mal innehalten auf alle fälle! (:
(0)
waldhorn (46 Kommentare) am 26.08.2012 00:47

z.B. Münzstrasse

Viel schlimmer als die (übersichtliche) Situation in der Sanderstrasse finde ich die Situation in der Münzstrasse. Da ist es wirklich unübersichtlich, besonders im Bereich Peterplatz, und trotzdem fahren manche Radler NEBENEINANDER gegen die Einbahnstrasse. Wo ist das Problem den Weg durch die Sanderstrasse stadtauswärts und die Münzstrasse stadteinwärts zu nehmen?
Der Zustand der Radwege ist allerdings bedauernswert, diesbezüglich hat die Stadt die Zeichen der Zeit verpennt und pumpt lieber Geld in Großereignisse wie das Mozartfest !
(2)
klausburkard (1172 Kommentare) am 25.08.2012 15:47

es ist schon

wirklich nervig wenn man mit fahradfahrern konfrontiert wird. ich erlebe immer wieder, aber nicht nur hier bei uns ganz egal wo, dass manche (nicht alle!) einfach rücksichtslos auf die pedale treten und ihren vorteil suchen. am unverschämtesten finde ich, wenn sie auf der straße fahren, dann die chance nutzen auf dem gehsteig weiter radeln und einfach rot ignorieren. oder bei engen gehwegen die fußgänger beim laufen behindern und zu faul sind, um abzusteigen und zu schieben!
(7)
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