Zehn Jahre nach den Terroranschlägen

Wie der 11. September 2001 die Welt veränderte
9/11
    
publiziert: 09.09.2011 19:33 Uhr
aktualisiert: 10.09.2011 11:34 Uhr
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Unter Generalverdacht

Leben mit dem Argwohn

Islam ist gleich Terror ist gleich Gewalt? Nach dem 11. September schlug den Muslimen in Würzburg erst Misstrauen entgegen – dann bald ehrliches Interesse. Reden und Erklären hilft gegen Vorteile, erzählen sie.

  • 9/11
    Robert Zimmermann
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Sie wissen alle, wo sie damals waren. Yener Yildirim saß im Büro und stellte das Radio laut. Sema Kuzucu war zu Hause bei den Kindern und starrte geschockt auf das Unbeschreibliche, das über den Bildschirm flimmerte. Hodscha Zahir Durakovic war irgendwo in der Stadt unterwegs, und als er die Bilder sah, spürte er den Krieg. Acht Jahre zuvor war er aus Bosnien nach Deutschland geflohen. Am 11. September 2001 kam die Erinnerung zurück. Erinnerung an Granaten, Bomben, tiefes Leid. Dr. Latif Celik sollte auf einer Tagung über die Bildungs- und Schulprobleme von türkischstämmigen Jugendlichen in Deutschland sprechen. Es ging, erzählt er, auf der Konferenz auch um die Frage, wie man der Radikalisierung unter Jugendlichen entgegentreten könne. Mit Bildung, Integration und verstärkten Förderangeboten, da seien sich die Teilnehmer einig gewesen, würde man allen Strömungen und Tendenzen an radikalen Ideen am besten begegnen. Dann kam die Nachricht aus New York. Die Konferenz wurde unterbrochen.

Vier Muslime aus Würzburg – und sie erinnern sich alle genau an den 11. September 2001. Vor allem erinnern sie sich daran, was sie im ersten Schock sofort dachten. Das ist extrem. Das wird Folgen haben. Oder, wie es Yener Yildirim, der Betriebswirt und Vorstand der Würzburger DITIB-Moschee, formuliert: „Da hatte sich mit einem Schlag etwas verändert.“

Sema Kuzucu fühlte Trauer. Und zugleich die Befürchtung: „Was passiert jetzt? Was machen wir jetzt?“. Die Muslima war in der Zeit vor 9/11 – „das ist ein einschneidendes Datum fast wie vor Christus und nach Christus“ – bereits zu vielen Vorträgen eingeladen gewesen. Sie hatte Drohungen erhalten, anonym. Am Tag vor jedem Vortrag lag ein böser Brief im Postkasten. „Warum erzählst Du hier Lügen?“ Und: „Wir beten zu Gott, dass ihr euch alle selbst umbringt und auslöscht.“ Oder: „Wage es ja nicht, heute wieder aus dem Haus zu gehen.“ Sie wagte es unverdrossen. Aber es war eine bittere Zeit, erzählt die Würzburgerin im Rückblick. „Wir standen selbst unter Bedrohung – und wurden plötzlich als Bedrohung wahrgenommen.“

Zurück von der Konferenz, merkt auch Latif Celik, der Chefredakteur von „Alp Media“ und Kopf des „Instituts für Kultur-, Geschichts- und Integrationsstudien“, das sich etwas verändert hat. Am Tag nach den Anschlägen auf das World Trade Center fragt ihn der Nachbar aufgebracht, wie Celik zu diesem „Angriff von Muslimen auf den Westen“ stünde. Und ob er sie denn als Muslim gutheißen würde. „Die Art der Formulierung dieser Frage hat mich besonders irritiert.“ Eine Belanglosigkeit? Nicht für Latif Celik. Ihn kränkt die Frage. „Da anscheinend mit einem derartigen Ereignis plötzlich die vielen Jahre des friedlichen Zusammenlebens und der gegenseitigen Freundschaft einem Gefühl der kollektiven Angst wichen und eine allgemeine Atmosphäre der Skepsis und Generalisierung sich breitmachte.“ Spätestens, als am 13. September jemand aus dem Rathaus nachfragt, ob sie sich als Muslime fürchteten, wird dem Journalisten und Historiker „die Dimension dieser allgemeinen Angststimmung bewusst“.

Muslime unter Generalverdacht? Yener Yildirim, der in Würzburg geboren ist, den deutschen Pass hat und aktiv ist bei DITIB, der „Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion“, spürt keine Angst unter Kollegen, Nachbarn, Freunden. „Keiner hat gesagt: Ihr seid schuld!“ Aber er selbst ist irritiert. „Wer beruft sich da auf meinen Glauben und trägt die Verantwortung für diese Anschläge?“ Im Islam geht es um das friedliche Zusammenleben, sagt Yildirim. „Dass das Moslems waren, das war inakzeptabel, das konnte ich nicht mit meinem Glauben vereinbaren. Von theologischer Seite gibt es absolut kein Argument für diese Anschläge.“

Auch Hodscha Zahir Durakovic, der Imam und Vorbeter im Bosnisch-Islamischen Verein, kann es nicht fassen. „Der Islam ist eine Religion des Friedens. Es gibt im Koran überhaupt nichts, was man mit Terrorismus in Verbindung bringen kann. Der 11. September – das hat mit Islam nichts zu tun.“ Der Bosnier hört in den Tagen nach 9/11 entsetzt, was „sogenannte Islam-Experten“ im Fernsehen erzählen. Islam gleich Terror gleich Anschläge gleich Gewalt. „So wie der Islam da dargestellt wurde, nein, das hat mit Islam nichts zu tun.“

Heute noch ist Durakovic verärgert, wenn er die Schlagzeilen vom „islamistischen Terrorismus“ oder – schlimmer noch – „islamischen Terrorismus“ hört und liest. „Islamistischer Terrorismus! Da reagiere ich allergisch.“ Frauen mit Kopftuch und Männer mit Bart – sie werden im Herbst 2001 öfter als sonst schief angesehen. Werden auf der Straße angepöbelt. Manche bespuckt. Der Generalverdacht offenbart sich latent. „Die Leute konnten richtig loslegen, was sie über Muslime denken“, sagt Sema Kuzucu. Kurz nach „Nine Eleven“ soll die Muslima bei der Volkshochschule einen weiteren Vortrag halten. Sie hat wieder eine anonyme Morddrohung erhalten. Sie geht zur VHS, begleitet von einer Streife, hält den Vortrag unter Polizeischutz und beginnt ihn unter Tränen. Fast das ganze Leben hatte sie sich bis dahin für den Dialog zwischen Christen und Muslimen, für Verständigung eingesetzt, erzählt Sema Kuzucu im Rückblick. Nach 9/11 verfolgt sie nur ein Gedanke: „Jetzt sind meine Bemühungen dahin.“ Zwei Wochen lang versteckt sie sich fast, geht sie kaum aus dem Haus.

Dann ist der erste Schock vorbei. Vor allem der evangelische Pfarrer Theo Wettach geht auf die Würzburger Muslime zu. Es gibt Gespräche nicht über-, sondern miteinander, gibt christlich-muslimische Friedensgebete. Oberste Stadtvertreter besuchen – zum ersten Mal – die muslimischen Vereine. Islamische Gläubige organisieren eine Pressekonferenz, um ihr Entsetzen über die Anschläge auszudrücken. Sie berichten von pauschaler Verunglimpfung und Argwohn, der ihnen auf offener Straße begegnet. Ende September 2001 laden deutsche und türkische Muslime in die Diyanet-Moschee ein. Die nicht wenigen Besucher, die kommen, werden mit Tee und Kaffee empfangen.

„Ich wollte nicht in einer Gesellschaft leben, in der die Menschen Angst vor uns haben“, sagt Sema Kuzucu. Sie und ihr Mann überlegen: Wollen wir weg? Zurück in die Türkei? Sie geben den Gedanken wieder auf. Wollen weitermachen, in Würzburg. „Jetzt erst recht. Wir brauchen uns für nichts zu schämen.“ Es wird eine belebte Zeit: Die Kuzucus werden eingeladen von Kirchengemeinden, Vereinen. „Erzählen Sie doch mal! Wir waren keinen Abend mehr zu Hause.“ Auch Latif Celik ist viel unterwegs. „Ich habe gemerkt, dass sich mit Reden und Dialogveranstaltung viele Ängste abbauen lassen.“

Was hat sich verändert in den vergangenen zehn Jahren? Hat 9/11 etwas verändert? Hodscha Zahir Durakovics Tochter erzählt von einem pakistanischen Klassenkameraden, der „Bomber“ genannt wird. „Aus Spaß. Aber da stehen doch viele Vorurteile dahinter.“ Muslimische Mädchen, die Kopftuch tragen wollen, werden noch immer schräg angeschaut und gefragt: „Wirst Du jetzt zwangsverheiratet?“ Vor sechs Jahren gründet sich die Arbeitsgemeinschaft für christlich-muslimische Begegnung in Würzburg. Sema Kuzucu ist heute Integrationsberaterin. Und irgendwann kam das Rathaus nicht mehr umhin, auch muslimische Würdenträger zu städtischen Festakten oder zum Mozartfest einzuladen. „Viele Türken fühlen sich nach 40 Jahren ihrer Ankunft zum ersten Mal wirklich ernst genommen, weil man sich nun für sie interessiert und sie kennenlernen möchte“, sagt Latif Celik.

„Das Interesse am Islam ist größer geworden“, sagt Yener Yildirim, der DITIB-Vorstand, mit Blick auf das vergangene Jahrzehnt. Er freut sich darüber. „Bei uns ist jeder willkommen, nicht nur am Tag der offenen Moschee. Jeder!“

Die Angst der Deutschen

Sieben Prozent der Menschen in Deutschland sind Muslime. Eine europäische Vergleichsstudie, die das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld vor drei Jahren durchführte, zeigte das Misstrauen in der Gesellschaft ihnen gegenüber: 50 Prozent der Befragten in der Bundesrepublik gaben an, sie fürchteten sich davor, „dass islamistische Terroristen Deutschland angreifen“. Immerhin 29 Prozent befürchteten, „selbst Opfer islamistischer Terroristen zu werden“. 17 Prozent der Befragten meinten, die Mehrheit der Muslime „findet den Terrorismus gerechtfertigt“. 30 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu: „Muslime finden, Terroristen sind Helden.“ Studien unter Muslimen zeigen das Gegenteil.

Von unserem Redaktionsmitglied Alice Natter
    
    

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