Rechtsextreme Mordserie

Fakten, Hintergründe, Reaktionen
Polizist1
    
publiziert: 01.12.2011 19:37 Uhr
aktualisiert: 29.11.2013 13:55 Uhr
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Auch unter Frauen gibt es fanatische Neonazis

Extremismus-Expertin Andrea Röpke über die weibliche Seite des rechten Terrors
  • Foto: Roland Geisheimer/attenzione
    Öffentlicher Auftritt: Frauen marschierten am 1. Mai 2010 bei einer Neonazi-Demonstration in Schweinfurt.
  • Hat Neonazis unterstützt: Gudrun Burwitz, die noch lebende Tochter des SS-Führers Heinrich Himmler. Foto: Karwasz/teamwork
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„Neonazi, männlich, Anhänger des Neonazismus“. Das Wort steht seit 1986 im Rechtschreibduden. Doch ist Neonazismus ein männliches Phänomen? Wie stark ist die weibliche extrem rechte Szene, gerade auch in Franken? Wir sprachen darüber mit der Journalistin Andrea Röpke. Ihre aufwändigen Inside-Recherchen im Neonazi-Milieu wurden in TV-Magazinen wie „Panorama“, „Monitor“ oder „Stern“ veröffentlicht.

Frage: Glatze, männlich, Springerstiefel – das ist das Bild, das wir im Kopf haben, wenn wir von Neonazis sprechen. Stimmt das noch?

Andrea Röpke: Nein. Mittlerweile ist jeder fünfte Neonazi weiblich, der Frauenanteil liegt bei etwa 20 Prozent. In Bayern sollen laut offiziellen Angaben rund 16 Prozent der rechten Szene weiblich sein. Der Kreisverband der Aschaffenburger NPD besteht wohl zu einem Drittel aus Frauen. Auch in der unterfränkischen Kameradschaftsszene sind vor allem junge Frauen präsent.

Wie sieht eine Neonazi-Frau aus?

Röpke: Rechte Frauen sind ein Spiegel unserer Gesellschaft. Zum einen sind da die Extreme: die klassischen rechten Skingirls, die modernen Pop-Nazis, die autonomen Nationalistinnen in schwarzer Kluft und Gang-Style-Habitus sowie Völkische, im Erscheinungsbild traditionell gekleidete Ökosiedlerinnen, die sich zum Neuheidentum bekennen. Zum anderen gibt es die vielen ganz normalen Frauen aus der Mitte der Gesellschaft, die ein geschlossenes politisches Weltbild vertreten. Sie sind in der Öffentlichkeit kaum als Neonazi erkennbar. Sie outen sich allein durch ihre Einstellung und ihre Aussagen.

Gibt es Symbole, an denen sich rechte Frauen untereinander erkennen?

Röpke: Neonazi-Frauen tragen gern die Farben des Deutschen Reiches Schwarz, Weiß, Rot, oft in Kombination mit einschlägigen Runen oder keltischen Symbolen. Auch antichristliche Zeichen wie das „Adler-Fisch-Symbol“ werden benutzt.

Welche Rolle spielen sie in der Szene?

Röpke: In den obersten Gremien der Kameradschaften und der NPD sitzen Männer. Allerdings hat sich die rechte Szene Frauen gegenüber geöffnet. Der Sexismus hat abgenommen, dennoch sind sie nicht gleichberechtigt. Frauen stehen heute beide Optionen offen: Sie können die braune Politik nach außen tragen, zum Beispiel im Ring Nationaler Frauen, einer Unterorganisation der NPD. Dann treten sie bewusst in der Öffentlichkeit auf. Aber es gibt auch die zweite Option: Frauen wirken strategisch im Hintergrund. Das Parteibuch ist nicht wichtig, denn sie tragen ihre rassistische Ideologie gezielt in die Gesellschaft hinein, ohne sich als Neonazistin erkennen zu geben.

Welche Frauen sind in Franken aktiv?

Röpke: Eine junge Frau aus dem Landkreis Miltenberg beispielsweise. Sie hat einen nationalen Sanitätsdienst, eine Nachfolgeorganisation des Braunen Kreuzes, mit aufgebaut. Diese Gruppe – sie nennen sich Ersthelfer – kümmert sich bei Demos und Aufmärschen ausschließlich um die Kameraden.

Wissen Sie von einer Frau, die sich gesellschaftlich besonders etabliert hat?

Röpke: Ja, zum Beispiel die „nationale Kabarettistin“ Sigrid Schüssler aus dem Landkreis Aschaffenburg. Die diplomierte Schauspielerin spricht mehrere Sprachen und machte sich 2004 mit ihrem Theater Hollerbusch selbstständig. Als Hexe Ragna tourte sie durch Kindergärten. 2005 war sie für den Aschaffenburger Existenzgründerpreis nominiert. Sie ist Autorin der NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“ und mit Falko Schüssler verheiratet, der als einer der extremsten deutschen Neonazis gilt.

Welche Aufgabe haben rechte Frauen?

Röpke: Neonazistinnen leisten braune Pionierarbeit und wirken politisch früh auf den Nachwuchs ein. Sie versuchen auf die sanfte Tour, in die Gesellschaft hineinzuwirken. Als sogenannte „bürgerliche Andockstellen“ tragen sie – oft mit Familien-, Erziehungs-, oder Umweltthemen gepaart – ihr rechtsextremes Gedankengut nach außen. Erziehung betrachten Neonazi-Frauen als ihre „nationale Lebensaufgabe“.

Sind sie weniger radikal als die Männer?

Röpke: Nein. Man geht davon aus, dass zehn Prozent der rechten Straftaten von Frauen begangen werden. Überwiegend sind das Propagandadelikte. Frauen stiften aber auch an. Tatsächlich beteiligen sie sich auch an Gewalt, Brandstiftungen und Überfällen. Nur werden sie oft von der Justiz zu wenig wahrgenommen.

Auch im Fall des Zwickauer Mörder-Trios um Beate Zschäpe?

Röpke: Ja. Frauen werden schneller sexualisiert und als harmlose Mitläuferinnen abgetan. Sie werden nicht als das wahrgenommen, was sie sind: fanatische Neonazis.

Hat diese Sichtweise Tradition?

Röpke: In der Tat. Jahrzehntelang wurde die politische Arbeit von Frauen wie Gudrun Burwitz, der Tochter des früheren SS-Führers Heinrich Himmler, zu wenig wahrgenommen. Es gab zahlreiche Altnazistinnen, die belasteten Kameraden nach Kriegsende zunächst die Flucht ermöglichten und später Kriegsverbrechern Anwälte verschafften oder Gnadengesuche einreichten. Burwitz ist Idol und Aushängeschild der Organisation „Stille Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte“. Sie engagierte sich für NS-Täter.

Wie gefährlich ist die Szene in Franken?

Röpke: Auch die Untermain-Region gilt als Siedlungsgebiet von Hardlinern der Neonazi-Szene. Es sind oft gut bürgerliche Akademiker oder mittelständische Unternehmer, im Fußballverein und Elternvertretungen engagiert. Sie wollen die politische Ausgrenzung aufheben und eine homogene rassistische Gesellschaft, die „Volksgemeinschaft“ schaffen. Eine rechte Erlebniswelt in Unterfranken bietet das neonazistische „Freie-Netz-Süd“. Dieses als auch die NPD oder andere völkische Gruppen veranstalten nicht nur Demos und Märsche, sondern auch Wanderungen, Volkstanzabende, Konzerte, Jugend-Zeltlager und Brauchtumsfeiern. Frauen locken weibliche Sympathisantinnen und junge Männer an. Es ist vor allem ein Verdienst überzeugter Frauen und Mütter, dass sich die Neonazi-Szene längst als selbstbewusste Bewegung stabilisieren kann.

Wie sollte man der Gefahr begegnen?

Röpke: Für wichtig halte ich vor allem die Stärkung einer offenen Gesellschaft und kultureller Vielfalt. Dort, wo wir uns gemeinsam wohl fühlen, haben weder Alltagsrassismus noch Neonazis eine Chance. Zivilgesellschaftliche Präventionsstellen sollten nachhaltig gesichert sein und nicht ständig um ihre Existenz fürchten müssen. Beherzte Aufklärung ist wichtig. Politisches und soziales Engagement kann auch Spaß machen. Das sollte nicht dem Verfassungsschutz überlassen werden.
 

Nazi-Strategien im Internet

Das Internet ist das wichtigste Medium der Szene, sagt die Fachjournalistin Andrea Röpke. Neonazis haben ihre eigenen digitalen Radiosender, Videoportale und Webseiten. Meist lassen sie ihre Seiten über ausländische Server laufen, um dem Abschalten zu entgehen. Sie wollen „aus der Schmuddelecke herauskommen und sich in der bürgerlichen Gesellschaft etablieren“, so Röpke. Der Verfassungsschutz zählte im August 2010 etwa 1800 deutschsprachige Seiten.

Gerade soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter oder Wer-kennt-wen werden von Neonazis als digitale Dorfplätze missbraucht, um ihr rassistisches Gedankengut zu verbreiten und es salonfähiger zu machen, heißt es in einer Broschüre der Amadeu Antonio Stiftung. Vom Bundesjustizministerium gefördert, untersuchen die Autoren die Strategien der „Neonazis im Web 2.0“. Ihr Fazit: Neonazis wollen sich als „nette Rechte von nebenan präsentieren, lokale Kontakte knüpfen und die NPD als wählbare Partei darstellen“. Umso wichtiger sei es, dass menschenverachtende Propaganda im Netz nicht unwidersprochen bleibe.

ONLINE-TIPP

Aufklärung, Kampagnen und Workshops für jede Altersgruppe bietet das:
www.netz-gegen-nazis.de


Eine Bilderserie, die zeigt, welche Profile und Symbole Neonazis im Netz nutzen: 


    
»Fotostrecke starten Fotogalerie
    

 

Die Broschüre „Neonazis im Web 2.0“ zum Herunterladen:

Neonazis im Internet
  
Neonazis im Internet

 Angelika Kleinhenz

Angelika Kleinhenz

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