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publiziert: 14.04.2011 19:30 Uhr
aktualisiert: 15.04.2011 20:28 Uhr
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Energiewende regional: Vom Strom ohne Atom

Umstieg geschafft: Die Schönauer Elektrizitätswerke verkaufen ausschließlich Ökoenergie

  • Foto: Theresa Müller
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Was wird es wohl kosten? Das fragen sich Politiker und Verbraucher im Zusammenhang mit dem Atomausstieg. Für Sebastian Sladek, Geschäftsführer der Elektrizitätswerke Schönau Vertriebsgesellschaft (EWS) im Schwarzwald, ist der Gewinn, den die Umstellung bringt, wichtiger als die Frage nach den Kosten.

Frage: Sie gelten als Rebellen. Was ist besonders an den Schönauer Elektrizitätswerken?

Sebastian Sladek: Den Titel Rebellen bekamen wir von den Medien. Manche im Haus haben damit Probleme. Er wirkt ihnen zu unseriös. Das Besondere ist aber unsere Unternehmensgeschichte. Wir sind aus der Anti-Atomkraft-Bewegung entstanden. Wir begreifen uns als politisches Unternehmen, wollen die Energiewende und eine dezentrale Struktur. Dazu beraten wir auch Kommunen in einem gewissen Rahmen kostenlos. Die EWS gehört einer Genossenschaft. Die Bürger können sich an unseren Unternehmungen beteiligen.

Wenn Sie nun nach Japan schauen – welche Gedanken drängen sich Ihnen auf?

Sladek: Das ist eine Mischung von Gefühlen. Im Moment ist auch Wut dabei. Ich denke: Das kann doch nicht wahr sein. Merkel hat unrecht, wenn sie sagt, durch Fukushima gebe es jetzt eine neue Diskussion um Atomenergie. Das ist keine neue Debatte. Die Atomkraftgegner haben auf bedauerliche Weise Recht bekommen. In den letzten 25 Jahren hätte viel mehr passieren müssen in Richtung umweltgerechter Energiegewinnung. Das ist das Zukunftsthema schlechthin. Bei Demonstrationen gegen Atomkraft sehen wir, dass daran ein guter Bevölkerungsdurchschnitt teilnimmt – vom 20-Jährigen mit Rastalocken bis zum Anzugträger.

Was hat sich geändert seit Tschernobyl?

Sladek: Jetzt wissen die Menschen viel mehr – über die Funktion eines Atomkraftwerks und über Alternativen. Ich war 1986 neun Jahre alt. Ich hatte Angst, als bei uns in der Schule plötzlich Katastrophenschutzübungen stattfanden. Ich war beunruhigt, als ich Polizisten sah, die auf dem Wochenmarkt Gemüse einsammelten. Sie wurden mit Fragen bedrängt und wussten keine Antworten. Jetzt sehe ich die vielbelächelte „German Angst“ überhaupt nicht. Die Deutschen diskutieren nun sehr reflektiert.

Und Sie wollen viele nicht nur an der Diskussion, sondern auch am Energiemarkt beteiligen.

Sladek: Schon die Genossenschaft, der die EWS gehören, besteht aus Bürgern. Außerdem beteiligen wir Bürger projektbezogen an Anlagen zu Energieerzeugung. Und wir fördern private Anlagen unserer Kunden zur Stromproduktion.

Wie wirkt die Dezentralisierung der Versorgung?

Sladek: Das ist auf mehreren Ebenen zu sehen. Dezentralisierung dient der Versorgungssicherheit, denn wenn beispielsweise ein Windrad ausfällt, ist das leicht zu ersetzen. Dezentrale Energieproduktion hebt zudem das wirtschaftliche Niveau der Bürger. Viele können sich an vielen Anlagen beteiligen. Das kann eine Form der Altersversorgung sein. So angelegtes Geld bringt fünf bis sechs Prozent Gewinn. Das bietet so risikolos keine Bank. Es wird noch viel zu wenig Geld in die Realwirtschaft investiert. Im Moment haben Investitionen in erneuerbare Energie noch den Ruch, nur etwas für Reiche zu sein.

Beliefern Sie auch industrielle Stromfresser?

Sladek: Zehn Prozent unserer Kunden sind Gewerbe- und Industriebetriebe. Der größte Einzelkunde ist die Schokoladenfirma Ritter Sport in Waldenbuch bei Bad Cannstatt. Sie war vom GAU in Tschernobyl über die türkischen Haselnusslieferanten betroffen.

Wenn Deutschland nur durch Ökoenergie versorgt wird – gehen ab und zu die Lichter aus?

Sladek: Einige umweltfreundliche Energietechnologien sind in der Tat wetterabhängig. Trotzdem sind die Energiequellen grundlastfähig zu bekommen. Pumpspeicher sind eine Möglichkeit. Mit überschüssigem Strom kann aber auch Methangas hergestellt und ins Erdgasnetz eingespeist werden. Das hat den Haken, dass die Umwandlungsverluste noch ziemlich hoch sind, ist aber allemal sinnvoller als bei Stromüberschuss ganze Windparks einfach abzuschalten. Ich denke, in Zukunft gibt es Kombinationen von Speichern. Wenn die Politik da jetzt etwas macht, können Forschung und Markteinführung rasend schnell gehen. Nach Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes hat sich der Ökoenergie-Sektor sehr schnell entwickelt.

Können Kleinfirmen aber auf dem Energiemarkt dauerhaft bestehen?

Sladek: Wir vier unabhängigen Anbieter – EWS, Greenpeace-Energy, Lichtblick und Naturstrom – haben zusammen schon eine Stimme. Auch viele kleine können sich organisieren. Das Geschäft beruht viel auf Zusammenarbeit. Konzerne tun sich da manchmal schwerer, weil die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut. Sie sind manchmal zu schwerfällig.

Aber diskutiert wird vor allem über große Anlagen. Schafft das Abhängigkeiten wie beim Öl?

Sladek: Die Politik ist auf Großprojekte fokussiert. Die muss es geben, aber eben auch die vielen kleinen. Das sollte man nicht gegeneinander ausspielen. Wir brauchen jeden, der mitmachen will. Im Übrigen gehe ich davon aus, dass Abhängigkeiten abnehmen werden. Energieproduktion wird sich zunehmend dezentralisieren. Und wenn das riesige Reservoir der Bürgerinnen und Bürger genutzt wird, kann die Politik überzogene Forderungen der Großen leichter abwehren.

Es heißt, wenn Deutschland Kernkraftwerke abschaltet, wird Atomstrom eben importiert.

Sladek: Dieses Argument, das einen Weg als bedenklich empfindet, nur weil viele andere ihn nicht einschlagen, ist ja wie bei Kindern in der Vorschule. Wir sind seit Jahrzehnten bei der Entwicklung erneuerbarer Energieproduktion gut dabei. Wir können jetzt in die Vollen gehen und zeigen, dass ein Industrieland das kann. Deutschland könnte sich jetzt die Weltmarktführerschaft darin sichern. Der Umstieg ist also auch wirtschaftlich aus nationalem Interesse wichtig. Wenn wir das jetzt massiv angehen, hat Deutschland in den nächsten 100 Jahren keine Sorgen mehr wegen fehlender Arbeitsplätze. Es muss und sollte aber keine Insellösung sein. So sollten wir möglichst schnell mit den skandinavischen Ländern zusammenarbeiten, um Strom dort zu speichern.

Gegen Anlagen zur ökologischen Energieproduktion wird mit Landschaftsschutz argumentiert.

Sladek: Ich kann alle Seiten verstehen. Allerdings muss man die Wichtigkeit des Themas vermitteln. Irgendwo muss man nachgeben, sonst geht es nicht voran. Aber es gibt selten eine reine Dagegenhaltung. Meistens legen Initiativen alternative Konzepte vor. In Thüringen beispielsweise wird nur gegen neue oberirdische Starkstromleitungen protestiert. Die Bürger wollen die Erdverkabelung. Die ist teurer, dafür aber weniger störanfällig. Die Belastung durch Elektrosmog nimmt ab. Sie ist damit für Mensch und Tier gesünder. Die EWS haben beispielsweise alle ihre Leitungen nach und nach in die Erde verlegt.

Wie viel teurer wird die Energie auf Ökobasis?

Sladek: Die Angst, dass die Versorgung dann teuer wird, ist irreal. Natürlich müssen wir kurzfristig investieren. Das wird viel privatwirtschaftlich organisiert. Umgelegt auf den Verbraucher wird es allenfalls kurzfristig teurer. Mittelfristig werden die Energiepreise fallen, und langfristig wird Energie viel billiger werden. Wahrscheinlich werden wir in 30 Jahren den billigsten Strom in Europa haben. Atomstrom ist nur für Unternehmen in der Herstellung billig, wird aber nicht billig verkauft. Schauen Sie sich die vergangenen zehn Jahre an. Da stiegen die Preise permanent. Die erneuerbaren Energien haben an den Börsen aber schon jetzt über wirtschaftliche Mechanismen eine preisdämpfende Wirkung.

Sebastian Sladek

Der 33-Jährige ist Geschäftsführer der Elektrizitätswerke Schönau (EWS) Vertriebsgesellschaft im Schwarzwald. Schon als Kind hat er an der Entwicklung der EWS Anteil genommen. Seine Eltern gründeten die Genossenschaft 1997 mit einer Bürgerinitiative, die nach dem Atomunfall in Tschernobyl entstand. Ihr Ziel ist der Ausstieg aus der Kernkraft. Die EWS verkauft nur ökologisch erzeugte Energie und unterstützt private Anlagen. Sie hat inzwischen über 100 000 Kunden, 40 Mitarbeiter und macht 65 Millionen Euro Umsatz. FOTO: bea

Das Gespräch führte Angelika Becker
    
    

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Die neuesten Kommentare

hel-d (142 Kommentare) am 17.04.2011 14:43

Danke

für diesen Bericht - zeigt er doch deutlich was alles geht!

Was beim Atomstrom auch immer außeracht gelassen wird ist die Umweltverschmutzung bei der Urangewinnung - alles andere als sauber!
(2)
Du_di_ned_oo (2934 Kommentare) am 15.04.2011 21:31

sehr guter Beitrag...

Eine Investition in die Realwirtschaft die dieses Land voranbringt
ist allemal sinnvoller als:
- "Investitionen" in immer neue Finanzblasen (Beispiel HRE, Landesbanken)
- Konjunkturstützprogramme wie die Abwrackprämie

Warum hat man das Geld für Konjunktur-Stütz-Programme wie die "Abwrackprämie" nicht in den Ausbau der Netze gesteckt?
Diese verkommen seit Jahren. Jedes Mal wenn es etwas mehr schneit als üblich brechen die Masten zusammen.
Aber so wie es aussieht ist dies kein Zufall sondern hat Methode...

Was mich besonders interessiert:
Woher bekomme ich Infos wie man sich konkret beteiligen kann?
(1)
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