publiziert: 06.06.2010 19:01 Uhr
aktualisiert: 01.06.2011 11:30 Uhr
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Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text NÜRNBERG
Eine Gummipuppe weist den Weg

Durstig dreinblickende Rock-im-Park-Besucher erweichen Föbis und Simis Herz. Die beiden 19-Jährigen aus Rödelmaier bei Bad Neustadt (Lkr. Rhön-Grabfeld) sitzen, an einen Zaun gelehnt, auf dem Gehweg vor dem Rock-im-Park-Gelände und verschenken Bier.

  • Love-Peace-Harmony-Einstellung? Eine gewisse freizügige Art zu leben, Alkohol und Unmengen an Musik machen Rock im Park aus.
    Alle Fotos: Chris Weiss, Susanne Rosenfeld
  • Kiss zeigten mal wieder Kussfestigkeit.
  • Der Springinsfeld von Rise Against.
  • Slash, einstiger Gitarrist von Guns N' Roses, beim Auftritt in Nürnberg.
  • Zack de la Rocha, Sänger der Crossover-Institution Rage Against The Machine.
  • Till Lindemann von Rammstein mit Hut.
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Es ist Freitagmittag. Die Sonne brennt aufs Nürnberger Zeppelinfeld. Manch einer wär' bereit, das kühle Nass zu bezahlen. „Verkaufen kommt nicht in Frage“, erklären die Jungs, „das wär' gegen die Gesinnung.“

Drei Paletten Dosenbier haben sie im Supermarkt erstanden. Doch der Weg zum Zeltplatz ist weit. So haben sie sich im Schatten niedergelassen und harren der Leute, die da kommen. „Alter, die hat nur ein T-Shirt an!“, entfährt es Simi, als ein Mädel leicht bekleidet vorbeistolziert. Blick zwei enthüllt dann doch noch schwarze Shorts.

„Das Tolle an Rock im Park ist dieses wunderbare soziale Miteinander“, meint Simi, der die Berufsoberschule (BOS) in Bad Neustadt besucht. Beim Festival träfen sich Leute, die ähnlich denken: die, die Rock lieben. Und vor allem das Chaos. „Menschen wie wir, mit Love-Peace-Harmony-Einstellung“, sagt Foebi, im wirklichen Leben Azubi bei Siemens.

Es ist Tag zwei des Festivals – Föbi und Simi sind bereits sichtlich geplättet. Kein Wunder, schließlich ist ihr persönliches musikalisches Highlight – Rage Against The Machine – bereits Vergangenheit. Die Band eröffnete als Headliner das Festival am Donnerstag.

Die Rhön-Grabfelder waren mitten drin im Geschehen, Pogo tanzend rund um die Hauptbühne. „Die Musik von Rage reißt einfach mit“, sagen sie. Dass die Band ein Klassiker ist und die Musiker mehr als doppelt so alt wie sie selbst sind, stört sie nicht. „Die Musik ist genial, die geben alles. Andere Bands verschwimmen im Laufe der Jahre. Rage nicht. Die Menge tobt und dampft, und du bist dabei.“

Dampfen tut an diesem Freitagmittag auch der 21-jährige Björn aus Kiel, der in der Hitze seine Einkäufe – Getränke, Lebensmittel, eine Wasserpistole – über den Zeltplatz schleppt. „Zelt, mach mal piep!“, ruft er und versucht, im Meer aus Zelten seines ausfindig zu machen. 600 Euro hat Björn bar in der Tasche. Damit, sagt der Wehrdienstleistende, hätte er auch Urlaub im Süden machen können. „Aber Rock im Park ist der Hammer, viel besser als der Süden.“ Hier könne er sein, was er sein möchte. „Keiner sagt mir, was ich machen muss. Das absolute Freiheitsgefühl.“

Genial seien auch die vielen Bands, die man geballt geboten bekomme: Rammstein, Kiss, Muse, Them Crooked Vultures, Jay-Z, The Hives, Motörhead. Björn hat sein Zelt entdeckt. Eine aufgeblasene Gummipuppe, von den Nachbarn gehisst, weist ihm den Weg. Ein anderes Zelt steht gefährlich schepps in der Landschaft. „Made by Melli“, lobt die Nürnbergerin ihr Konstrukt. 17-jährige Jungs seien in der Nacht besoffen auf ihre Schlafstätte gestürzt. Sie und ihr Freund haben daraufhin den Zeltplatz gewechselt und das Lager notdürftig neu aufgebaut. Zu Hause schlafen kommt für die Festival-Besucherin, die Heimspiel hat, nicht in Frage.

Widerliche Markklößchensuppe

Auch Mellis neue Nachbarn sind dem Alkohol nicht abgeneigt. Statt auf volle haben es die Jungs aber auf leere Bierdosen abgesehen. „Wir wollen daraus 'ne Bierdosen-Stange fürs Vorzelt basteln.“ „Waldorfzeltplatz“, kommentiert der 25-jährige Maschinenbaustudent Andy das Geschehen. Er verschenkt Nussecken, von Muttern gebacken. Etwas hilflos blicken zwei Mädels aus Bayreuth in die Runde, in den Händen jeweils eine geöffnete Dose Markklößchensuppe. „Was würdest Du damit machen?“, fragen sie. Verzweiflung klingt in der Stimme. Die als widerlich befundene Suppe landet im Dixi-Klo.

In einer der mobilen Chemie-Toiletten, die der 48-jährige Helge gerade gesäubert hat. Seit früh um vier ist der Münchner unterwegs. Helge ist professioneller Dixi-Klo-Reiniger. Seit 19 Jahren arbeitet er für die Firma Toi Toi Dixi. Rund 50 der 550 mobilen Toilettenhäuschen bei Rock im Park werden von ihm täglich auf Vordermann gebracht. Zwei Mal am Tag, berichtet er, würde so ein Häuschen einer Grundreinigung unterzogen. „Rock im Park ist das Sahnehäubchen meines Jobs“, sagt Helge, der sonst Toiletten auf Baustellen und in der Münchner Innenstadt reinigt. „Weil es mal etwas völlig anderes ist.“ „Du bist der Wichtigste“, rufen ihm einige Camper zu. „Neun von zehn Rückmeldungen von Rock-im-Parklern sind positiv“, sagt der Dixi-Mann. Das sieht die 21-jährige Security-Frau nebenan etwas anders. Die Blondine mit neongelber Warnweste kontrolliert Camper am Zeltplatz-Eingang auf Eintritts-Bändchen und Tascheninhalt. Eigentlich ist sie Krankenschwester. „Ein Mal und nie wieder“, schnaubt sie über ihren Aushilfsjob. Dosen ja. Flaschen nein. Zelte ja. Pavillons nein. „Die sind natürlich angepisst, wenn sie ihre Taschen aufmachen müssen.“ Zu ihren Füßen sammeln sich konfiszierte Nutella-Gläser. „Dass die auf dem Zeltplatz nicht gehen, versteht kein Mensch.“

Zwei Mädels im Einkaufswagen

Mit dem Verstehen tut sich auch der junge Mann schwer, auf den Harald Endlich und Wolfgang Heubeck, beide Pressesprecher beim Bayerischen Roten Kreuz, während ihres Rundgangs treffen. Platt liegt der Junge in der Nähe der Zeltplätze in der Sonne. Rechts ein angebissen Brötchen. Links Erbrochenes. „Biste fit?“, fragt Heubeck und rüttelt den Schlafenden. Als der in den Schatten robbt, sagt Heubeck: „Gut, darfste weiterschlafen.“ Durch die „gewisse freizügige Art zu leben“ und den Alkoholkonsum der Festivalbesucher käme es natürlich zu Zwischenfällen, sagt Endlich. 1100 ehrenamtliche Helfer und Ärzte der Nürnberger Hilfsorganisationen seien beim Festival im Einsatz, um im Notfall einzugreifen.

„Eine Insel mit zwei Bergen“, singt ein Typ mit Glitzerperücke und BH. Tanzend schiebt er zwei Mädels im Einkaufswagen am Rot-Kreuz-Auto vorbei. Er dreht sich um die eigene Achse, wird schneller, singt lauter. Shalalalala. Die Mädels kreischen.

Von unserem Redaktionsmitglied Ines Renninger
    
    

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