aktualisiert: 01.06.2011 11:37 Uhr
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NÜRNBERG
Eine persönliche Bilanz: Überleben bei Rock im Park
Eine sehr persönliche FestivalbilanzSchieben, drücken, ziehen, hüpfen: Mit 162 Zentimetern tut frau sich schwer, bei einem Festival zu bestehen – und was zu sehen.
Die Füße stecken knöcheltief im Schlamm. Die Hände fühlen sich klamm und taub an. Es ist Samstagabend, es ist Rock im Park, als mich die Erkenntnis wie ein Schlag trifft: Ich werde alt. Meine Füße brennen, obwohl ich festes, ausgelatschtes Schuhwerk anhabe. Der Rücken schmerzt, weil ich in der tobenden Menge an der Alternastage die Füße eines Typen abbekommen habe, der sich unbedingt über die Köpfe hinweg bis ganz vor an die Bühne tragen lassen wollte.
Es ist Abend, kurz nach elf. Eigentlich kann ich nicht mehr, obwohl mit Korn noch eine Band auf dem Plan steht, die ich unbedingt sehen will. Aber das Überleben in der Menge hat Kraft gekostet. Schieben, drücken, ziehen und immer wieder in die Höhe hüpfen, um mit einhundertzweiundsechzig Zentimetern Lebensgröße wenigstens mal einen Blick auf Marilyn Manson, den US-Gruselrocker, zu erhaschen, oder um den Ellenbogen der Nachbarn auszuweichen. Es stinkt bestialisch nach Bier und Schweiß. Entweder ist mir das früher nicht aufgefallen, oder ich habe selber so gerochen.
Die meisten Kids sehen mindestens drei Tage lang kein Wasser, es sei denn es kommt – wie heuer auch – von oben. Ich gestehe: Ich schlafe dieses Mal im Hotel. Anfangs war mir die Vorstellung ein Graus. Kein Zelten, keine Ravioli vom Gaskocher, kein echtes Festivalfeeling. Dachte ich. Bis ich mich um zwei Uhr morgens zwischen weiche Kissen kuschele und dem Regen lausche, der sanft gegen die Scheiben prasselt.
In einem Zelt wäre es jetzt kalt und klamm. Zum Frühstück gäbe es Hamburger, Hot-Dogs oder drei Hühnchen-Spieße mit Asia-Nudeln für 6,50 Euro und ein mitgebrachtes Dosenbier. Auf die Morgentoilette vor dem Zelt oder in einem der 550 Dixi-Klos auf dem Festivalgelände kann ich inzwischen auch verzichten. Da putze ich mir lieber – ganz spießig – in einem weiß gekachelten Badezimmer die Zähne. Die meisten Festivalbesucher wollen das nicht, und man kann den Eindruck gewinnen, sie werden immer jünger. Während Billy Talent von seiner „Red Flag“ singt, reitet ein Elfjähriger auf Papas Schultern im Takt. Der nimmt's gelassen, erst als auch noch der ältere Sohn aufspringen will, streikt er: „Du bist doch noch schwerer als der.“ Billy Talent sind also etwas für die ganze Familie. Das Konzept, mit angesagten Bands das Publikum zu verjüngen und auf Rock-Oldies zu verzichten, geht für Veranstalter Marek Lieberberg auf. Gut 62 000 tummeln sich am Dutzendteich in Nürnberg, es ist zwar nicht ausverkauft, aber gemeinsam mit dem Schwesterfestival am Nürburgring lockt das Programm immerhin über 142 000 Menschen an.
Auch für die zahlreichen Händler läuft das Geschäft gut. Vom Intimpiercing bis zur Handtasche mit Totenschädel gibt's fast alles. Lederhalsbänder mit Nieten, T-Shirts mit Slogans wie „Ich bin Meister im Dreikampf: Saufen, Ficken, Schlafen“. Sogar das Neue Testament gibt's – kostenlos als Paperback. „Unser Verkaufsschlager“, sagt ein bärtiger Typ. Man weiß nicht so recht, ob er scherzt, angesichts der Menge, die sich vor ihm vorbeischiebt. Einer hat sich ein Eisernes Kreuz auf den Hintern tätowieren lassen und präsentiert ihn stolz jedem, der vorbeiläuft. Eine Blondine mit kurzem Rock und blauem Müllsack auf dem Kopf zieht eine quietschgelbe Badeente durch eine schlammige Pfütze und kriegt sich dabei vor Lachen nicht mehr ein.
Die Alkoholleichen landen in den Sanitätszelten, wo im Akkord Zeckenstiche, Schnittwunden und andere Wehwehchen behandelt werden. Zwischen 50 und 60 ehrenamtliche Stunden schieben Ärzte, die bei Rock im Park im Einsatz sind.
Die Taxifahrerin, die mich nachts zu meinem Hotel bringt, sagt, dass sie nicht besonders viel von den Festivalteilnehmern profitiere. „Das sind doch alles junge Leut'. Die haben ja kein Geld.“ Aber sie hat Verständnis fürs wilde Treiben. „Mei Idol war der Presley, der Elvis Presley. Allmächt, waren das noch Zeiten.“ Vielleicht bin ich mit meinen 31 Jahren ja doch noch nicht so alt . . .

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