Der Menschenjäger

Erich Mielke und das StasimuseumStasi-Chef Erich Mielke war ein passionierter Waidmann, der gern kapitale Hirsche erlegte. Am liebsten aber jagten er und seine Mitarbeiter Menschen.
  • Mielkes Hinterlassenschaft.
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Von außen ist das Haus in der Berliner Ruschestraße ein typischer DDR-Zweckbau, kalt und funktional, ideal geeignet für die Verwaltung eines Volkseigenen Betriebes, denke ich. Doch dann verrät die pompöse zweistöckige Eingangshalle mit den rotbraunen Marmorsäulen, dass hier keine Firmenlenker gearbeitet haben.

Durch diese Halle ist Erich Mielke jeden Morgen geschritten, der Minister für Staatssicherheit, Armeegeneral und „Held der DDR“, vorbei an der muffigen Portiersloge, in der ich jetzt meine Eintrittskarte kaufe. Mielke war passionierter Jäger. Am liebsten aber jagte er im Hauptquartier des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) Menschen.

Im inzwischen stillgelegten Paternoster mit dunkelbraunem Holzimitat ist er in den ersten Stock gefahren, hat sich womöglich in seinem „Individualbereich“ im Badezimmer mit den hellblauen Kacheln noch etwas frisch gemacht, bevor er über den Perserteppich ins angrenzende Büro mit den drei Telefonen auf dem Schreibtisch ging. In Griffweite hinter sich wusste er den Stahlschrank mit den wichtigsten Akten, verborgen hinter Holztüren.

Obwohl ein Protokoll des Gesprächs, das ich am 1. September 1989 mit dem Pressereferenten des Bezirks Suhl geführt habe, nach Berlin in die Stasi-Zentrale geschickt wurde, ahne ich, dass es nie in diesem Stahlschrank gelandet ist.

Drei inoffizielle Stasi-Mitarbeiter (IM) waren damals in Suhl auf mich angesetzt gewesen, habe ich später meinem 71-seitigen Stasi-Akt entnommen. Eine „Sofortinformation“ sollte „bei operativ besonders bedeutsamen Verhaltensweisen“ an die Stasi-Bezirksverwaltung gehen. Ich blieb allerdings operativ unauffällig. Mielke hatte ohnehin Wichtigeres zu tun, als sich um einen Würzburger Lokalredakteur zu kümmern, der über die Städtepartnerschaft Würzburg-Suhl berichtet hatte und der jetzt den Anfang vom Ende der DDR miterleben wollte.

Ich stelle mir vor, wie kurz nach dem Minister die ersten Mitarbeiter zur Lagebesprechung in sein Büro kommen. Im September 1989 ist die DDR bereits ein fragiles Gebilde, Mielke und seine Leute sind unentbehrlicher denn je. Ihre Aufgabe ist es, Schrecken zu verbreiten und einen Unrechtsstaat zu stabilisieren.

Man begibt sich zur Sitzecke und öffnet einen anderen Schrank; ein Tonbandgerät mit großen Lautsprechern kommt zum Vorschein. Mielke lauscht den systemkritischen Äußerungen eines DDR-Bürgers, der geglaubt hat, offen sprechen zu können, aber einem IM mit verstecktem Mikro gegenübergesessen hat. Der Minister betrachtet die heimlich aufgenommenen Fotos; in der Krawatte des IM war eine winzige Kamera verborgen.

Das MfS ist die Geheimpolizei der SED und das wichtigste Instrument zur Aufrechterhaltung der kommunistischen Diktatur. 91 000 hauptamtliche und 189 000 inoffizielle Mitarbeiter sorgen bis zuletzt für flächendeckende Überwachung. Wer Widerstand leistet oder zu flüchten versucht, kommt in eines der 17 MfS-Untersuchungsgefängnisse. Eines befindet sich in einem ehemaligen Gestapo-Bau in Suhl, das wichtigste in Berlin Hohenschönhausen.

In Hohenschönhausen wird Mielke selbst einige Monate später in der Zelle sitzen, und es ist eine Ironie der Weltgeschichte, dass er auf Antrag seines Anwaltes wegen „zu schlechter Haftbedingungen“ die Verlegung in die komfortablere JVA Moabit erreicht.

Marianne Birthler, heute Chefin der Stasi-Unterlagen-Behörde, wehrt sich gegen den Eindruck, die DDR-Bürger seien ein Volk von Spitzeln gewesen. 189 000 inoffizielle Mitarbeiter – das ist schlimm genug, aber die Zahl kommt nicht annähernd an die wüsten Vorstellungen heran, die viele Westdeutsche haben. Birthler: „Es gab in der DDR das ungeschriebene Gesetz: Man arbeitet nicht mit der Stasi zusammen.“ Die meisten hielten sich daran.

Die ehemalige Stasi-Zentrale in der Berliner Ruschestraße, die unter ihrer anderen Adresse Normannenstraße berühmt und berüchtigt ist, steht heute Besuchern als „Stasimuseum“ offen. Ich staune über den perversen Erfindungsreichtum der MfS-Leute. Ausgestellt sind Minikameras in Gießkannen und Benzinkanistern, in Baumstümpfen und Betonpfeilern.

Besonders perfide waren die „Zersetzungsmaßnahmen“ der Stasi: Tatsächliche oder vermutete Regimegegner wurden durch falsche ärztliche Diagnosen, anonyme Briefe und geplante berufliche oder schulische Misserfolge psychisch terrorisiert. Viele dieser Aktionen lenkten Mielkes Männer in der Ruschestraße.

Berlin ist voll von solchen dunklen Orten. In der Niederkirchnerstraße entsteht auf dem Gelände des ehemaligen Reichssicherheitshauptamtes der Gestapo gerade das Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“. Doch darf man Stasi und Gestapo überhaupt in einem Atemzug nennen? War die DDR ein Unrechtsstaat? Immerhin glauben 38 Prozent der ostdeutschen Schüler, Mielkes Behörde sei ein ganz normaler Geheimdienst gewesen.

Marianne Birthler hat eine eindeutige Antwort: „Es gab keine freien Wahlen, keine Gewaltenteilung, keine Meinungsfreiheit, keine kritische Öffentlichkeit. Gegenüber dem Staat waren die Menschen rechtlos. Ganz zu schweigen davon, dass sie im eigenen Land eingesperrt waren und viele bei Fluchtversuchen erschossen wurden. Und das soll kein Unrechtsstaat gewesen sein?“

Es sei weltweit bisher einzigartig, dass die Hinterlassenschaften der Geheimpolizei einer Diktatur vorhanden sind und verwendet werden können, sagt Birthler. Die Gestapo beispielsweise hat ihre Akten weitgehend zerstört; nur in Würzburg unterblieb dies, und daher lagern im Staatsarchiv in der Residenz fast 20 000 Akten über bespitzelte, verfolgte und ermordete Unterfranken, die mustergültig erschlossen sind und der Forschung zur Verfügung stehen.

Das ist viel und doch nichts gegen das Vermächtnis der Stasi: 112 Kilometer Papierakten, verfilmte Schriften, Fotos, Negative, Film- und Tonmaterial sowie fast 16 000 Säcke mit zerrissenen Dokumenten, die in mühseliger Handarbeit wieder zusammengefügt werden.

Diese Akten haben im wiedervereinigten Deutschland manchen Karriere-Knick bewirkt. Bis Ende 2006 gingen bei der Stasi-Unterlagen-Behörde rund 1,75 Millionen Ersuchen auf Überprüfung von Mitarbeitern im öffentlichen Dienst ein.

Allerdings sind die Täter insgesamt oft weich gefallen, beklagt Birthler. Schon 1990, beim Einigungsvertrag, habe man eine Politik der Integration verfolgt: Stasi-Mitarbeit wurde straffrei gestellt, und viele Beschäftigte aus der DDR-Administration wurden in den öffentlichen Dienst von Bund und Ländern übernommen. Birthler: „Niemand, auch nicht Stasi-Chef Erich Mielke, hatte sich vor Gericht für die Verbrechen der Staatssicherheit zu verantworten.“

Nach 1945 war das anders gewesen. Wer eine herausgehobene Stellung in der NSDAP innegehabt hatte, wurde interniert, oft zu langen Haftstrafen verurteilt. Auch einfache Parteimitglieder verloren zunächst ihre Posten und durften keine Firmen leiten. Ende der Vierzigerjahre, als der Kalte Krieg einsetzte und die Amerikaner das Interesse an der „Entnazifizierung“ verloren, folgte dann freilich eine Amnestiewelle auf die andere und die ungeliebten Spruchkammern beendeten ihre Arbeit.

Dass die meisten Stasi-Akten noch vorhanden sind, ist das Verdienst der DDR-Bürger. Beispiel Suhl: Am 4. Dezember 1989 beendeten Einwohner der Würzburger Partnerstadt die Aktenvernichtung im Stasi-Hauptquartier und ließen zahlreiche Räume versiegeln. Am nächsten Tag blockierten Busfahrer die Zufahrt, weil sie den Abtransport von belastendem Material befürchteten.

Aus der spontanen Aktion außerhalb der Arbeitszeit entwickelte sich ein regelrechter kleiner Streik, als einige der Fahrer nach Beginn ihrer Dienstzeit mit ihren Bussen noch vor dem Stasi-Haus blieben.

Das ehemalige Suhler Stasi-Gefängnis, ein düsteres Gebäude, dient inzwischen als Außenstelle des Thüringischen Staatsarchivs. Die ehemalige Suhler SED-Funktionärin Ina Leukefeld, deren Tätigkeit als „IM Sonja“ aktenkundig ist, hat – allerdings erfolglos – für den Posten des Suhler OB kandidiert und sitzt heute als Linken-Abgeordnete im Thüringer Landtag.

Erich Mielke wurde 1993 doch noch verurteilt, allerdings wegen eines Doppelmordes, den er 1931 begangen hatte. 1995 auf Bewährung entlassen, starb er im Mai 2000 im 93. Lebensjahr in einem Altenpflegeheim.

Am 8. Januar 1990 war ich der erste West-Journalist, der die Suhler Stasi-Zentrale betreten durfte. Da wusste ich noch nicht, dass dort auch Akten über mich lagerten. Der Stasi-„Sicherungsvorgang“ Roland Flade, „Reg.-Nr. XI/376/77“ wurde vier Tage später, am 12. Januar 1990 , beendet, zwei Monate nach der Maueröffnung.

Aber Ordnung muss sein, auch in einem untergehenden Staat. Zumindest wenn es ein deutscher Staat ist.



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