Kabarettist Mathias Tretter: Rübergemacht

Gegen den Strom: Der Würzburger Kabarettist Mathias Tretter zog von Würzburg nach Leipzig. Es war nicht nur die Liebe, die Mathias Tretter in den Osten lockte.
  • Mathias Tretter.
Bild von

Der Würzburger Kabarettist entschied sich ganz pragmatisch für den Umzug nach Leipzig: Die ICE–Verbindungen sind gut, die Mieten günstig, und Leipzig ist eine spannende Stadt, weil dort vieles noch anders läuft als im Westen.

Berlin wäre toll gewesen, aber zu weit entfernt von Süddeutschland. „Ich glaube, ich werde mich bis an mein Lebensende als Franke fühlen.“ Essen und Trinken, der ranzige Dialekt, die tendenzielle Unfreundlichkeit der Menschen zwischen Main und Rhön – einfach das tiefe Gefühl für die Befindlichkeiten in der Region. Tretter fällt einiges ein, warum er Würzburg im Herzen trägt.

Trotzdem, er wollte weg aus Würzburg. „Mir war alles zu klein geworden.“ Frankfurt stand zur Auswahl, die Freundin aus Sachsen brachte Leipzig ins Spiel. Die Stadt machte schließlich das Rennen. „Sie ist interessanter, einfach weil sie im Osten ist.“ Frankfurt hätte mehr Quantität bedeutet. „Aber Leipzig, das ist eine andere Qualität“, sagt Tretter. Dort ist er umgeben von alter Kultur, mittendrin in Entwicklung und Wandel. Und das zu günstigen Preisen. „Wenn ich Münchner Freunden erzähle, was wir für unsere Wohnung bezahlen – die flippen aus.“ Tretter erzählt von der großen Wohnung am Park, mitten in der Stadt, mit Stuckdecken für 870 Euro warm. „Wir haben eine fantastische Lebensqualität, aber die Lebenshaltungskosten sind so viel kleiner als im Westen.“ Das könnte die Städte im Osten für Arbeitgeber und Arbeitnehmer attraktiv machen, wenn da nicht Vorurteile und Eitelkeiten wären, glaubt Tretter. „Es ist mir ein Rätsel, warum viele es noch nicht kapiert haben. Warum etwa Internetfirmen, für die es völlig wurscht ist, wo sie arbeiten, in den Süden ziehen, nur damit München auf dem Briefpapier steht.“

Doch viele wüssten auch gar nicht, was sie im Osten wirklich erwartet. Er schwärmt von der alten Kultur- und Messestadt Leipzig. Die Kunstszene dort habe Namen von Weltruf hervorgebracht. Gleichzeitig sei der Charme der einstigen Subkultur zu spüren. „Das ist immer noch weniger kommerzialisiert als im Westen, wo alles zum Event gestylt wird.“ Tretter erzählt, wie unkompliziert in Leipzig ein Vergnügen organisiert wird. An der Rennbahn ist an Sommerabenden Open-air-Kino. Die Technik trägt ein alter Lkw der Nationalen Volksarmee, daneben steht eine Würstchenbude, keine Werbung, kein Schickimicki, aber viele Leute mit Spaß an der Sache. „Das gefällt mir so unheimlich gut.“

Der Blick von Osten lässt Tretter so manches anders sehen als Menschen im Westen. Beispielsweise die Verständnislosigkeit vieler in den alten Bundesländern für die einstmals neuen. „Für uns ist einfach nichts passiert 1989. Da waren Fernsehbilder, die Mauer ist gefallen, ab und zu ist ein Trabbi durch den Ort gefahren. Und dann kam der Solidaritätszuschlag. Mehr nicht.“ Für Jugendliche wie den damals 17-jährigen Mathias Tretter war die DDR schlicht ein anderes Land. „Den Schmerz der Teilung hatte ich nicht. Dass dieses Land geteilt ist, war für uns selbstverständlich.“ Dass sich damals zwei konkurrierende Systeme auflösten, war ihm nicht gleich bewusst. „Die weltgeschichtliche Bedeutung habe ich erst später kapiert.“

Neugierig auf den Osten wurde Tretter zwei Jahre später als Student. Er besuchte Leipzig und Dresden und fand die Aufbruchstimmung toll. „Ich ärgere mich heute noch, dass ich dort nicht studiert habe.“ Aber Familie und Freunde waren in Würzburg. Seit 2007 wohnt der Kabarettist in Leipzig und glaubt, dass eine andere Sprache eine neue Einstellung bewirkt. „20 Jahre nach der Wende sollte man nicht mehr sagen, ich bin nach Osten gezogen, sondern von Bayern nach Sachsen.“

Und natürlich hat er sich eine der Kleinkunststädte schlechthin ausgesucht. Allein fünf Kabarettensembles, die alle ihre eigene Bühne haben, gibt es in der Innenstadt. Stil und Publikum in diesen Theatern ist immer noch ganz anders als im Westen. Wie zu DDR-Zeiten stehe die Botschaft bei den Programmen im Vordergrund. „Damals war das eines der Biotope, wo man Kritik äußern konnte, auf eine sehr subtile Art natürlich.“ Entsprechend ist das Publikum. „Und das ist einfach großartig, weil die Leute genauer hinhören. Früher musste man ja alles zwischen den Zeilen hören.“ Kabarett habe im Osten eine größere gesellschaftliche Bedeutung als im Westen. Und so sind auch für Tretter die Auftritte mit den Leipziger „Academixern“ eine neue Erfahrung und ein Beitrag zum Perspektivwechsel. „Ich kriege die ostdeutsche Wirklichkeit mit.“

Die Erfolge der Linken bei den Wahlen sieht der Würzburger beispielsweise nicht als Ausdruck eines sächsischen Hangs zum Extremismus. „Die Linke ist im Osten eine Volkspartei, an Regierungen beteiligt, stellt Bürgermeister. Da läuft alles genauso, wie es bei anderen Parteien auch läuft.“ Weniger die politische Haltung als die Einstellung zu sich selbst und zum jeweils anderen Landesteil unterscheidet die Menschen im Osten und im Westen, beobachtet der Kabarettist. Minderwertigkeitskomplex und Trotz diagnostiziert er in der neuen Heimat, Arroganz in der alten. „Man muss sich das als Westdeutsche immer vor Augen halten: Da ist ein ganzes System einfach weggefegt worden. Biografien haben Brüche bekommen. Menschen haben ganz neu angefangen.“

Menschen aus dem Westen könnten Ostverhältnisse kaum bewerten, ist Tretter überzeugt. Kulturschaffende beispielsweise hätten naturgemäß engere Kontakte zum Staatsapparat gehabt. „Jemand, der dort nicht gelebt hat, kann meiner Meinung nach nicht nachvollziehen, wie sehr jemand in das System verstrickt war.“ Weder Justiz noch Medien aus dem Westen könnten das beurteilen. „Ob jemand Stasi-Mitarbeiter war oder nicht – ich finde, das sollte man den Leuten dort überlassen. Die Betroffenen sollten das für sich verarbeiten. Mich fasziniert das Selbstbewusstsein des Westens, zu entscheiden, du warst Verbrecher und du nicht.“

Und jetzt nach 20 Jahren sollten Menschen in Ost und West das Land so nehmen, wie es ist, fordert Tretter. Und zur Normalität übergehen. „Die Ossis dürfen ihre latenten Minderwertigkeitskomplexe und ihre Vorwürfe ein bisschen zurücknehmen, und der Westen sollte endlich anfangen, sich für das zu interessieren, was da drüben eigentlich ist.“



| Kontakt | Über GESCHICHTE

www.mainpost.de