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Ausgelöscht: Weil es zu nah an der Grenze lag, wurde die Dorfstelle Schmerbach bei Weimarschmieden 1973 vom SED-Staat geschleift. Ein Gedenkstein erinnert an den Ort, dessen Felder heute zum Teil die Familie Horsch bewirtschaftet.
Deutschland, ein weites Feld: Die Landwirtsfamilie Horsch aus Weimarschmieden betreibt nicht nur den nördlichsten Hof Bayerns. Bis zum Fall der Mauer reichten ihre Äcker bis direkt an die Grenze. Im Hintergrund ist schon die Hohe Geba auf Thüringer Seite zu sehen. Im Bild Dieter, Johanna, Michael, Barbara und der kleine Hannes Horsch.FOTos gerhArd fischer
Das Hofgut Weimarschmieden war im geteilten Deutschland kein begehrter Flecken Erde. Doch Dieter Horsch aus der Nähe von Ingolstadt ging 1979 den Weg ins bayerisch-thüringische Niemandsland und bestellte seine Felder. Die DDR-Grenzer hatten ihn immer im Blick. Zehn Jahre lang.
„Ich bin ein Grenzgewinnler“, das ist der erste Satz von Dieter Horsch. Es war ja auch das Kalkül und nicht das Herz, das den Oberbayern hierher nach Weimarschmieden führte. Als Dieter Horsch in die Rhön kam, fand er ein Dutzend Häuser vor. Dazu einen kleinen Teich und hinter dem Wald schon die verbotene Welt.
Der Wind kann übel fegen von der Hohen Geba im Thüringischen. Und der Sommer hat es oft genug schwer, das Quecksilber so steigen zu lassen, wie es etwas weiter unten im Streutal zwischen Fladungen und Mellrichstadt geschieht. Und doch ging hier am Ende der Welt Dieter Horschs Traum in Erfüllung.
„Ich wollte schon immer einen eigenen Hof betreiben. 25 Jahre war ich Pächter auf zwei Höfen bei Iphofen. Als Weimarschmieden zum Verkauf stand, habe ich die Gelegenheit genutzt“, erzählt Dieter Horsch. „Ohne die Randlage an der Grenze wäre das unmöglich gewesen“, fügt er an.
1978 hat Dieter Horsch das Gut gekauft, der Preis für den Hof in unleugbarer Randlage war entsprechend günstig. „Ich bin mit Frau, drei Kindern und der Oma nach Weimarschmieden gekommen. So haben wir die Einwohnerzahl um zehn Prozent erhöht, die Zahl der Kinder um ein Drittel“, schmunzelt Horsch, der mittlerweile den Betrieb an seinen Sohn Michael übergeben hat.
Zum Hofgut, dessen Wurzeln ins 14. Jahrhundert zurückreichen, gehörten auch 50 Hektar in Schmerbach in Thüringen. Die waren freilich von den Kommunisten nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet worden. Dieter Horsch kaufte den bayerischen Teil und war somit Eigner des nördlichsten Bauernhofes in Bayern. Jenseits der DDR-Grenze, die die Landschaft durchschnitt, wirkte eine landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft bis zum Ende der DDR.
Wenn Dieter Horsch seine Äcker bestellte, waren die DDR-Grenzer oft zur Stelle. „Ich wurde beobachtet und immer wieder fotografiert“, erinnert sich der Landwirt an die Arbeitsjahre an der Grenze. Auf drei Kilometern berührten seine Felder unmittelbar die DDR-Grenze. „Einmal war ich auf dem Feld und wurde gleich von drei Volkspolizisten beobachtet. Ich konnte 'Guten Morgen' sagen. Sie haben stumm ihre Bilder gemacht“, erzählt Dieter Horsch.
Drüben, auf DDR-Seite, konnte er in 300 Metern Luftlinien die Flächen sehen, die bis nach dem Weltkrieg zum Weimarschmiedener Hofgut zählten. Wenn Dieter Horsch noch etwas nach Osten blickte, dann musste er an Schmerbach denken. „Hier war ein Dorf, das 1973 wegen der Grenznähe von den Kommunisten geschleift worden ist“, erzählt der Rhöner Landwirt. Sechs so genannte Neubauern, die als Vertriebene aus Ostpreußen und Schlesien hier auf den Flächen, die früher zum Hofgut gehörten, angesiedelt worden waren, mussten von einem Tag auf den anderen ihre Häuser verlassen.
Zehn Jahre arbeitete Dieter Horsch mit seiner Familie in der Abgelegenheit von Weimarschmieden. Während die Einheimischen dem Fladunger Ortsteil immer mehr den Rücken kehrten, zog es Großstädter aus dem Rhein-Main-Gebiet hierher. Ein Frankfurter Ehepaar mit Jazz-Vorliebe verbrachte die Zeit mit Jam-Sessions. Daraus erwuchsen schon bald die Weimarschmiedener Jazz-Konzerte, die bis heute einen legendären Ruf genießen.
Hunderte Musikfreunde pilgerten in jedem Sommer zu dem Ort in Grenznähe. Rock und Jazz gab es dann auch für die Menschen in Gerthausen und Wohlmuthausen in Thüringen zu hören, wenn der Wind in die richtige Richtung wehte.
Die Scheune und der Hof der Familie Horsch wurden mit jedem Jahr voller. Zehn Jahre gab es diese Konzerte. „Die Angelegenheit nahm immer größere Ausmaße an. Sechs Wochen vor der Wende, von der wir nichts wissen konnten, haben wir im Jazz-Verein Weimarschmieden einstimmig beschlossen, mit den Konzerten aufzuhören“, erzählt Dieter Horsch.
Eine Tafel mit einem Foto vom geöffneten Grenzzaun bei Weimarschmieden, durch den sich die ersten DDR-Bürger zwängen, steht in der Ortsmitte von Weimarschmieden. Weimarschmiedener haben sie mitaufgestellt, um an den größten Tag in der jüngeren Geschichte des Dorfes zu erinnern.
Als die Grenze fiel bei Weimarschmieden, waren die Bürger aus dem thüringischen Gerthausen am 9. Dezember 1989 auf das Hofgut gekommen, um mit den Weimarschmiedenern die Freiheit zu feiern.
Nach zwanzig Jahren haben die drei Dörfer dieses Fest im Oktober wiederholt. 75 Männer, Frauen und Kinder waren dazu nach Wohlmuthausen gekommen. Auch Dieter Horsch und seine Familie feierten mit. „Wir Deutsche haben in Leipzig, Berlin oder hier auf dem Land mit dem weltgeschichtlichen Ereignis des unblutigen Mauerfalls großes Glück gehabt“, sagt Dieter Horsch.
Nach der Wende hat Horsch die ehemaligen Besitztümer des Hofguts auf Thüringer Seite zurückerworben beziehungsweise gepachtet. Er wusste von sechs Bauern, die beim Schleifen von Schmerbach zwangsumgesiedelt wurden und die eigentlich Grundbesitzer waren.
Dieter Horsch machte die Familien in Ostdeutschland ausfindig. „Die waren natürlich völlig überrascht, dass sie eigentlich noch Ackerbesitzer waren und ich ihre Flächen pachten wollte“, erzählt der Landwirt. Alle hatten sie geglaubt, die Flächen gehörten ihnen nicht mehr. Eine Frau mit preußischem Dialekt habe ihm gesagt: „Und wir dachten: Der Staat hat's gegeben, der Staat hat's uns genommen“. Die Familie Horsch bewirtschaftet heute Flächen in Bayern und Thüringen. Auf dem ehemaligen Todesstreifen wächst seit Jahren Getreide und Raps für Brot und Öl.
Im Sommer wogt der Dinkel im Wind, der von Ost nach West und von West nach Ost weht, wie er gerade will. Manche Weimarschmiedener lassen sich davon anstecken. „Wir werden immer weniger, das ist unser großes Problem“, sagt Großvater Dieter Horsch. Sechzig Einwohner zählt der kleine Gemeindeteil von Fladungen.
Andererseits: Weimarschmieden hat seine schon jeher schwierige Lage am Ende der Rhöner Welt noch immer gemeistert.