Leben in „Klein-Berlin“

Mödlareuth im Landkreis Hof: Die kleine Ortschaft an der Grenze zwischen Thüringen und Bayern war ein Symbol der deutsch-deutschen Teilung.
  • Restauriert und weiß getüncht stehen Teile der ehemaligen Grenzanlage heute auf dem Freigelände des Deutsch-Deutschen Museums im oberfränkischen Mödlareuth.
  • Die Mauer ist offen: Neugierig strömten am 9. Dezember 1989 Hunderte Menschen in den Westteil der Ortschaft.
    FOTO Deutsch-Deutsches Museum, dpa, ddp
  • Der 20. Jahrestag des Mauerfalls wurde in Mödlareuth groß gefeiert.
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Dort, abseits der Autobahn 9, wo die Straßen schmal sind wie Feldwege. Dort, wo die Orte Zedwitz, Köditz oder Töpen heißen und das Auge nur noch Felder, Wälder und ein paar Windräder erblickt. Dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, im hintersten Winkel von Bayern – dort liegt Mödlareuth. 15 Kilometer von Hof und 20 Kilometer von Schleiz entfernt. Niemandsland, ehemals Grenzstreifen und Zonenrandgebiet.

Das Ortsschild – verblichen und windschief vor einer Scheune. 100 Meter Restmauer, antifaschistischer Schutzwall, stehen noch mitten im Dorfkern als Erinnerung an die Vergangenheit, als sichtbares Zeichen der jahrzehntelangen Trennung. In den 1980er Jahren führten viele Sonntagsausflüge in das geteilte Dorf. Ferngläser zücken und Grenzposten beobachten. Als „Little Berlin“ war Mödlareuth sogar deutschlandweit bekannt.

Heute kommen 60 000 Besucher im Jahr in den 53-Seelen-Ort nach Oberfranken. Das Deutsch-Deutsche Museum, ein schmucker Bau im ehemaligen Westteil, informiert über die Geschichte, erzählt Geschichten von Menschen, die in diesem geteilten Ort gelebt, gefeiert und gearbeitet haben. Grenzstreitigkeiten sind hier bereits seit dem 16. Jahrhundert bekannt, weiß Robert Lebegern, Leiter des Deutsch-Deutschen Museums. Getrennt ist Mödlareuth bereits seit 1810, der Tannbach war schon damals die natürliche Grenze. Ein Teil gehörte zum Königreich Bayern, der andere zu Thüringen. „Für den Alltag im Dorf spielte das keine Rolle.“ Man drückte gemeinsam die Schulbank auf der einen und besuchte den Gottesdienst auf der anderen Seite.

Mit Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 gehörte der thüringische Teil des Ortes zum Territorium der DDR, die bayerische Hälfte zur Bundesrepublik. Für die Bewohner zunächst nichts Besonderes. Bis zum 26. Mai 1952 war es noch möglich, mit Passierschein und „Kleinem Grenzschein“ den Tannbach zu überqueren. Doch dann kam über Nacht der Eiserne Vorhang. Zunächst in Form eines Holzbretterzauns. Der Grund: Es gab Tausende von illegalen Grenzgängern. Das wollte das DDR-Regime stoppen, mit einer totalen Abgrenzung gegen den Westen. Bis dahin bestellten die Dorfbewohner noch Felder auf der anderen Seite und die Kinder besuchten die Schule im benachbarten Thüringen. „Von heute auf morgen konnten die Kinder nicht mehr dort zur Schule gehen, die Grenze war zu“, berichtet Lebegern. Ein übermannshoher Holzbretterzaun wurde gebaut, der 1961 dreireihig mit Stacheldraht verstärkt wurde. Fünf Jahre nach dem Mauerbau in Berlin wurde 1966 auch in Mödlareuth eine Mauer mitten durch den Ort errichtet. Grenzübergang gab es keinen, die Bewohner mussten den Südtransit über Rudolphstein-Hirschberg nutzen.

Genau in diesem Jahr zog Karin Mergner nach Mödlareuth, freiwillig, der Liebe wegen. „Die Grenze hat mich eigentlich nicht gestört“, sagt die 62-Jährige. „Schließlich habe ich nicht die Grenze, sondern meinen Mann geheiratet.“ Karin Mergner schmunzelt, wenn sie an ihre erste Zeit in „Little Berlin“ zurückdenkt. Gemeinsam mit ihrem Mann bewirtschaftet sie einen Hof. „Wir haben immer gewusst, was drüben los ist und umgekehrt.“ Heimlich hätten die Männer zum Gruß den Hut gelüftet oder die Frauen versteckt gewunken. An Silvester hat Mergner einer Nachbarin im Osten über die Mauer weg ein gesundes neues Jahr gewünscht. „Wir haben richtig rüber gebrüllt“, erinnert sie sich. Die Frau hätte zurückgegrüßt und stand daraufhin unter Stasi-Beobachtung. Grüßen und Winken war strengstens verboten. „Unvorstellbar, wenn man das heute erzählt.“

Die Mergners hatten keine Verwandten im Ostteil des Ortes. Zum Glück. Anders war das bei den Gebrüdern Goller. Max Goller lebte im Westen, sein Bruder Kurt im Osten. Beide sind mittlerweile tot. Doch Lebegern kennt die Geschichte aus seinem Museumsarchiv. Kurt Goller war Rentner und erhielt bisweilen eine Reisegenehmigung. Dann kam er über Schleiz, Plauen, Gutenfürst, Hof – also einen Umweg von 80 Kilometern – auf die andere Seite des Dorfes. Der direkte Weg wäre 80 Meter gewesen. Max konnte Kurt und sein Elternhaus 37 Jahre nicht besuchen. Er erhielt keine Einreiseerlaubnis für den Ostteil, der sich im DDR-Grenzgebiet befand.

Am 25. Mai 1973 gelang die einzige Flucht über die Mauer in Mödlareuth. Ein Berufskraftfahrer hatte täglich Schichtarbeiter im Pendlerdienst nahe an die Grenze gebracht. So war er den Grenzposten bekannt. Eines Nachts passierte er die Grenzkontrollen und fuhr ganz dicht an die Mauer heran. Im Auto hatte er eine selbst gebaute Eisenleiter versteckt. Er stieg auf das Dach des Autos und von dort mit der Leiter auf die Mauerkrone. Erst dann entdeckten ihn die Beobachtungsposten. Er sprang, durchquerte den Tannbach und kam unversehrt im Westen an.

Lebegern erzählt diese Geschichte gerne. Und fast genauso gerne schwärmt er von der Prominenz, die sich in dem kleinen Nest die Ehre gab: Helmut Kohl, Angela Merkel, Horst Seehofer, Kurt Biedenkopf, Edmund Stoiber, Karl-Theodor zu Guttenberg, zählt er auf und hofft, keinen vergessen zu haben. 1983 kam George Bush senior, als er noch Vizepräsident unter Ronald Reagan war.

Der Alltag im Dorf war geprägt durch die Grenze. „Es war für beide Seiten der Alltag einer nicht alltäglichen Situation.“ Auch heute ist in Mödlareuth noch vieles anders: Jede Seite hat ihren eigenen Bürgermeister, ihre Postleitzahl, ihr Autokennzeichen, ihre Telefonvorwahl – so dass ein Telefongespräch zwischen Ost und West zum Ferngespräch avanciert. Jeder Ortsteil hat seine Feuerwehr und seinen Löschteich. Die Bundesländergrenze bringt andere Feiertage, unterschiedliche Schulferien, andere Wahltermine und Gewählte mit sich.

1990 hätte eine Einheitsgemeinde gebildet werden können, doch die Bewohner sprachen sich dagegen aus. „Auch heute noch gibt es eine Sprach- und Dialektgrenze innerhalb des Ortes“, erläutert Lebegern. So sagen die Ost-Mödlareuther „Guten Tag“, während der West-Mödlareuther ein „Grüß Gott“ schmettert. „Ich geh mal kurz rüber“, sagt Karin Mergner auch heute noch, wenn sie über die Brücke in den Ostteil des Ortes geht. Und umgekehrt sei das genauso.

Am ersten Advent 1989 war Karin Mergner das erste Mal in Mödlareuth-Ost. „Das war so schön“, schwärmt sie. „Wir sind in jedes Haus rein und uns um den Hals gefallen.“ Ein Film im Deutsch-Deutschen Museum dokumentiert diesen Tag und seine Feierlichkeiten. Am 17. Juni 1990 wurde die Mauer abgerissen. Nur ein Rest des „antifaschistischen Schutzwalls“ steht heute noch. Als Mahnmal erinnert er an die Zeit des Eisernen Vorhangs, der den Ort durchschnitt.



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