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Die Szene findet sich in dem Buch „..froh, dass der Scheißkrieg vorbei war“, das begleitend zur Landesausstellung „Wiederaufbau und Wirtschaftswunder“ im Verlag Königshausen & Neumann erschienen ist.
Der Band beschreibt anhand zahlreicher Augenzeugenberichte und analysierender Texte, wie sich die Würzburger mit Improvisationstalent, Ausdauer und auch Glück dem täglichen Überleben in der weitestgehend zerstörten Stadt stellten und wie sie sich mit den Besatzern arrangierten.
Unterstützt von der Unterfränkischen Kulturstiftung des Bezirks begannen Mitarbeiter von Christoph Daxelmüller, Inhaber des Uni-Lehrstuhls für Europäische Ethnologie/Volkskunde, im Jahr 2006, Zeitzeugen zu befragen und zu filmen.
Die mehr als 100 Interviewten stellten bereitwillig auch Gegenstände und Dokumente zur Verfügung; viele davon sind in der Landesausstellung in der Residenz zu sehen, ebenso wie einige Filmausschnitte aus den Gesprächen.
In seinem einleitenden Beitrag wird der Herausgeber Daxelmüller persönlich: „Wer die Not der Nachkriegsjahre unmittelbar erlebte oder als Kind durch seine Eltern vermittelt bekam, isst seinen Teller bis heute auf, auch wenn sich der Magen dagegen sträubt, und wirft keine Lebensmittel weg“, schreibt er.
„Wir wären froh gewesen, etwas auf dem Teller zu haben“, lautete ein von Daxelmüller zitierter gefürchteter Erziehungsspruch, den auch der Rezensent gelegentlich zu hören bekam.
Eine Besonderheit des reichbebilderten Buches ist seine thematische Gliederung. So geht es im Kapitel über „Würzburg im Jahr 1945“ unter anderem um die Frage, warum die Stadt noch so kurz vor Kriegsende zerstört wurde.
Im Abschnitt „Recht und Ordnung nach dem Krieg“ wird die Arbeit der zunächst unbewaffneten deutschen Hilfspolizisten behandelt, die, nur durch ihre weiße Armbinde erkennbar, beispielsweise gegen Plünderer vorgehen sollten.
Das „Organisieren“ (Stehlen) von lebensnotwendigen Dingen gehörte damals zum Alltag und war kaum zu unterbinden.
Besonders verdienstvoll ist, dass die Autoren außer den Wurfzetteln des Oberbürgermeisters, die zunächst die nicht vorhandene Zeitung ersetzten, auch die Tagesbefehle der Polizeidirektion herangezogen haben, die viele plastische Details liefern.
Ausführlich beleuchtet wird das Verhältnis der Würzburger zu den amerikanischen Besatzungssoldaten, die beispielsweise die strenge Ausgangssperre zu überwachen hatten. Diese zu umgehen schilden manche der Befragten geradezu als Abenteuer.
Nicht zu unterschätzen ist auch die Bedeutung der meist jungen GIs in Liebesdingen. Daxelmüller-Mitarbeiter Sebastian Joosten beschreibt die Situation so:
„Viele hatten Ehefrauen oder Freundinnen in den USA zurückgelassen, nicht wenige dieser Beziehungen waren zerbrochen. Nun, im besiegten Deutschland, bot sich ihnen die Möglichkeit zu flirten und sich zu verlieben.“
Sie schlossen damit eine Lücke, so Joosten: „Millionen junger deutscher Männer waren gefallen oder in Gefangenschaft. Unter den 20- bis 40-Jährigen gab es in Deutschland circa 60 Prozent mehr Frauen als Männer!
Viele Frauen – vor allem jüngere oder Kriegswitwen, die nicht auf Heimkehrer warteten – zeigten also verständlicherweise Interesse an den Besatzern“ – auch wenn bis zum Herbst ein – leicht zu umgehendes – offizielles Kontaktverbot existierte.
Aufschlussreich sind auch die Kapitel zur äußerst mangelhaften Lebensmittelversorgung, die zu „Hamsterfahrten“ und mancherlei Notbehelfen wie „Blunze“, einer Art Wurst aus Tierblut, führte, und zum Freizeitverhalten.
Die Autoren ermittelten, dass die Besatzer großen Wert auf die zügige Eröffnung eines Kinos legten, um Aufklärungs- und Umerziehungsfilme zeigen zu können.
Es entstand noch 1945 in der Mozartschule in der Annastraße (heute Englische Fräulein), obwohl Stadtschulrat Gustav Walle den Saal lieber für pädagogische Zwecke nutzen wollte.
Enorme Bedeutung erlangten auch Tanzveranstaltungen, in denen häufig die zwölf Jahre lang verbotene amerikanische Musik zu hören war, und das im August 1946 eröffnete Theater in der Lehrerbildungsanstalt am Wittelsbacherplatz.
Fazit: Das Buch schließt manche Lücke in unserer Kenntnis der unmittelbaren Nachkriegszeit und ist auch für jene lesenswert, die glauben, sich in dieser turbulenten Periode der Stadtgeschichte gut auszukennen.
Christoph Daxelmüller (Hrsg.), „...froh, dass der Scheißkrieg vorbei war!“ Alltag in Würzburg nach 1945, 250 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Verlag Königshausen & Neumann, 16,80 Euro. Erhältlich in der Landesausstellung und im Würzburger Buchhandel.
Alles zur Landesausstellung sowie Filme, Fotos und Augenzeugenberichte aus der Kriegs- und Nachkriegszeit: www.mainpost.de/geschichte