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Der Lengfelder Heinz Kordowich hat den 16. März 1945 als Sechsjähriger in der Reibeltgasse erlebt. Aus der Erinnerung der Bombennacht heraus hat er erst dieser Tage in Eiche dieses Bild geschnitzt – mit der Festung im Hintegrund; mit Main-Schiffen und einem brennenden Haus im Vordergrund. Die Flammen hat er als Extra-Elemente geschnitzt; sie können per Magnet auf das Holzbild gesetzt werden. Das Bild hatte Kordowich mit zur Meditation ins Neumünster gebracht und dort aufgestellt.Ein Vierteljahr lang hat Alexander Jansen nach Berichten von Menschen gesucht, die am 16. März 1945 den verheerenden Angriff auf Würzburg als Kinder und Jugendliche überlebten. Mehr als 100 Menschen meldeten sich. Jansen, künstlerischer Betriebsleiter des Mainfranken Theaters, destillierte aus ihren Geschichten eine Meditation und stellte sie im Neumünster vor. Ministranten sprachen die Texte, Stefan Schmidt, der Domorganist, begleitete die Aufführung an der Orgel.
Ein Mädchen freut sich, weil es die neuen roten Halbschuhe anziehen darf. Dort laufen Kinder fröhlich auf Rollschuhen, hier radelt ein Mädchen, zwei schieben ihre Puppenwägen um einen Brunnen herum. An den Gleisen treiben Buben Schabernack. Die Sonne lockt die Kinder Würzburgs vor die Haustüren. Ihre Mütter gehen einkaufen, sie putzen und kochen. Ihre Väter kämpfen fürs untergehende Nazi-Deutschland.
Jansen unterteilte die Erinnerungen in zwölf Stationen, vom Geschehen vor dem Angriff bis zum neuen Leben danach. Zeit und Raum zum Innehalten wolle er mit dieser Meditation schaffen, kündigte er an, fernab einer Täter-Opfer-Diskussion, allein aus der Sicht der überlebenden Kinder und Jugendlichen. Der Theatermann fügte aus einer Sammlung von Einzelsätzen aus den Erinnerungen etwas Neues zusammen. Ein „Mosaik“ nannte er es. „Das Große soll sich aus dem Kleinen ergeben.“
Weit über 300 Zuhörer waren ins Neumünster gekommen, die deutliche Überzahl augenscheinlich jenseits der 70. Sie sahen im gedämpften Licht die Jugendlichen erhöht vor Mikrophonen stehen, den Altar hinter sich. Sie hörten die Jugendlichen lesen, in der immer gleichen Sprechmelodie, egal was sie vortrugen.
Es gab Hinweise darauf – Jansen spricht von „Vorahnungen“ –, dass an diesem schönen Freitag Schreckliches passieren könnte. Kinder hören Warnungen von Kriegsgefangenen, aber ihre Eltern geben nichts drauf. Dann der Alarm, ab in den Keller. Kinder protestieren, wollen ihr Spiel nicht unterbrechen, wollen Spielsachen mitnehmen und dürfen nicht. Andere gehen ohne Murren, im Glauben, es dauere nicht lang. Vier Buben suchen lieber Schutz im Weinberg, sie trauen den Kellern nicht (ihre Familien werden dort sterben).
Jansen baut den Schrecken langsam auf, vom (meist) unbeschwerten kindlichen Alltag zur mörderischen Katastrophe. Die Bomber der Royal Air Force, 282 Besatzungen in ihren Maschinen beenden Kindheit und Jugend in Würzburg binnen 17 Minuten, von 21.25 bis 21.42 Uhr. Aus der Ferne schaut ein Mädchen Richtung Würzburg und glaubt, Himmel und Erde würden brennen.
Eine Mutter ruft ihren Kindern zu: „Lauft! Lauft! Lauft!“ Vor und hinter ihnen explodieren Bomben, Fontänen spritzen im Fluss. Ein Mann stürzt sich auf zwei Kinder, schleudert sie in den Straßengraben und wirft seinen Mantel über sie. Er löscht die Flammen auf ihren Kleidern; sie hatten sie nicht bemerkt. In den Kellern wird die Luft knapp.
„Das Große soll sich aus dem Kleinen ergeben“Alexander Jansen Autor der Meditation
Ein Mädchen sieht einen alten, großen Birnbaum in Flammen stehen, ein Junge entdeckt die verkohlten Leichname seiner Nachbarn vor der Kellertür. Einem Mädchen versengt die Hitze die Schuhsohlen. Eine andere sieht eine ältere Frau, die ist wie von Sinnen; sie hat gesehen, wie ihr Enkelkind verbrannte. Zwei Kinder stehen neben einer alten Frau, in deren Kopf ein keilförmiger Holzsplitter steckt. Die Kinder weinen: „Das ist unsere Oma.“ Ein Mann fragt verwirrt, wo er Frau und Kind begraben könne. Er trägt ihre Leichname mit sich, in einem Rucksack. Ein Junge ruft nach seiner Mutter. Doch die ist nicht mehr da.
Zwischen die Stationen hat Jansen Sätze aus der neutestamentlichen „Offenbarung des Johannes“ gesetzt. So erscheint der vernichtende Angriff auf Würzburg nicht als mörderische Handlung in einem mörderischen Krieg, sondern als göttliches Strafgericht, in dem Engel feurige Kohlen gegen die Erde schleudern. So wird die Zerstörung Würzburgs im Neumünster zur Karthasis, zur notwendigung Reinigung, damit das neue Jerusalem erstehen könne.
Mit zahlreichen Veranstaltungen wird am Dienstag des Krieges und der Zerstörung gedacht. Eine Auswahl: • 10 Uhr, Hauptfriedhof: Kranzniederlegung an der Gedenkstätte.
• 10.15 Uhr, Versöhnungsglocke: Übergabe des Nagelkreuzes an das Ökumenische Zentrum (ÖZ) Lengfeld.
• 10.30 Uhr, ehemaliger Verladebahnhof Aumühle: Gedenkfeier für die von hier deportierten Juden.
• 16 Uhr, Rathaus: Gedenkfeier der Trümmerfrauen im Rathaus
• 18 Uhr, Mainfranken Theater: „Vergeltung - was ist ein Menschenleben“.
• 19.30 Uhr, Dom: „Oratorium „Der Sohn des Zimmermanns“
• 21.20 Uhr, Innenstadt: 20-minutiges Mahnleuten aller Kirchenglocken; Marienkapelle anschließend geöffnet.