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Flammeninferno: Das Bild „Unser liebes Würzburg brennt“ mit der Alten Mainbrücke und den Domtürmen malte der pensionierte Oberlehrer Ludwig Göbel im Jahr 1946.
Herta Cleve.
Tilly Kupper
Karl-Heinz Wirsing
Der 16. März 1945 ist ein sonniger, warmer Tag. Es ist so warm, dass die Mädchen zum ersten Mal mit Söckchen ins Freie dürfen.
Die damals achtjährige Herta Cleve erinnert sich: „Es war ein herrlicher Tag, Sonne, wunderschön. Schule hatten wir sowieso schon lange nicht mehr, oder nur ganz wenig.“ Aus Augenzeugenberichten lassen sich die letzten Stunden vor dem Inferno und die Brandnacht selbst rekonstruieren.
Der 18-jährige Soldat Karl-Heinz Wirsing befindet sich am Nachmittag im Reservelazarett im Mutterhaus der Erlöserschwestern in der Ebracher Gasse: „Ich war am Bein verwundet, aber mit meiner Krücke kam ich gut zurecht.
Meistens war ich bei Fliegeralarm im Luftschutzkeller im Mutterhaus. Aber am 16. März 1945 ging ich in die Stadt. Das war meine Rettung.“
Als die Sirenen gegen 20 Uhr den Voralarm signalisieren, steigt Herta Cleve mit ihrer Mutter in den Keller des Hauses Semmelstraße 48 hinunter. Ihre wichtigsten Besitztümer nimmt sie mit, denn die erste heilige Kommunion steht bevor:
„An diesem Tag hatte ich Kniestrümpfe an, aber meinen weißen Pelz und den Muff habe ich nicht vergessen, ebenso wenig mein Köfferle mit meinen Kommunionsachen: Kränzchen, Kleiderstoff, die gute Unterwäsche, das Gebetbuch, das silberne Etui mit dem Rosenkranz.“
Soldaten haben freien Eintritt in jedes Kino. Karl-Heinz Wirsing will „wie immer ins Luli in der Domstraße, um den Film mit Willy Birgel 'Reitet für Deutschland' zu sehen. Ich stand noch am Luli, da heulten die Sirenen – Fliegeralarm. Am Himmel waren 'Christbäume' zu sehen. Ich dachte: 'Diesmal wird es ernst!'“ In den Luftschutzkeller des Kinos will er nicht. So humpelt er über die Alte Mainbrücke in den Bunker in der Tellsteige, unterhalb der Festung.
Der Raum ist schon bis zum Eingang gefüllt, am Himmel dröhnen die Flugzeuge. Erst nachdem die ersten Bomben gefallen sind, wird der Soldat noch hereingelassen. Wirsing: „Ich stand unmittelbar innen an der eisenstarken Tür.
Durch die ungeheure Druckwelle der Bomben bebte die Erde, es war furchtbar, ich glaubte, die Tür wird herausgerissen. Die Leute, die zum Teil mit Rucksäcken und sonstigen Teilen im Bunker waren, weinten und schrien durcheinander, es war eine Katastrophe.
Der Bunker war überbesetzt. Zum Glück fiel keine große Sprengbombe direkt darauf, sonst hätte es schreckliche Bilder gegeben. Alle haben gejammert und geheult.“
Die 20-jährige Tilly Kupper wohnt in Unterdürrbach: „Als wir die Flugzeuge hörten, gingen wir in unseren kleinen, gewölbten und muffigen Keller. Das Rauschen, Zischen und Pfeifen war so laut und nah, dass wir jedes Mal unsere Köpfe einzogen. Wir hatten alle sehr große Angst. Meine Mutter hielt ich im Arm, da sie am ganzen Körper zitterte und bebte.“
In der Semmelstraße herrscht um Herta Cleve blankes Chaos: „Wir Kinder hatten Pritschen im Keller, auf denen wir schlafen sollten. Doch auf einmal lagen wir alle in einer Ecke aufeinander. Staub, Krach, Gedröhne, dann war wieder alles still.
Wir wussten nicht, was über uns geschah. Von einem Keller zum anderen waren Hausdurchbrüche. Auf einmal hörten wir von Nr. 50, dass dieser Durchlass aufgebrochen wurde, da im Nebenhaus schon Feuer ausgebrochen war und der Rauch die Leute fast erstickte. Wir – hauptsächlich meine Mutter – tauchten Tücher oder Decken in die bereitstehenden Wannen mit Wasser und hängten sie vor den Mauerdurchbruch. Doch es half nicht lange, wir erstickten fast.“
Als die Bombardierung um 21.42 Uhr zu Ende ist, tritt Tilly Kupper ins Freie: „Wir standen vor der Haustüre und es war so hell vom Feuerschein der brennenden Stadt, dass man die Zeitung lesen konnte.
Was musste das für ein großes Feuer sein, dass es in Unterdürrbach, das in einem tiefen Tal hinter dem hohen Steinberg liegt, noch so leuchtet?“
Sie geht den Weg zur Steinburg hoch: „In Scharen kamen mir die hastenden Flüchtlinge entgegen, das blanke Entsetzen in den Gesichtern. Sie hatten teilweise noch das Tuch für den Atemschutz umhängen.“ Nach ein paar Schritten weiter in Richtung Würzburg bleibt die 20-Jährige stehen: „Wie zu einer Salzsäule erstarrt schaute ich von der Steinburg auf die brennende Stadt. Ein einziges Flammenmeer. Meterhohe Flammen loderten aus den Fenstern, ein unbeschreiblicher, schockierender Anblick.“ Tilly Kupper nimmt viele Ausgebombte mit nach Hause, wo ihre Eltern ihnen ein Nachtlager bereiten.
Unterdessen sitzt Herta Cleve noch im Keller: „Einige Zeit später kamen Leute von der gegenüberliegenden Straßenseite in unseren Keller, die berichteten, wie es draußen aussah: katastrophal. Unser Haus war nicht getroffen, auch das Hinterhaus Nr. 46 war nicht beschädigt. Als der Rauch zu schlimm wurde, brachen wir durch in den nächsten Keller; es wurden immer mehr Menschen.
Doch nach und nach wurde es auch in diesem Keller unerträglich und wir liefen wie eine Viehherde ins Vorderhaus in den Keller, in dem es noch erträglich war. Dieser Weg wird mir unvergessen bleiben. Ich schaute zu unserer Wohnung im ersten Stock.
Durch das zerstörte Fenster flatterte der Vorhang heraus und fing in diesem Moment Feuer. Aus der Semmelstraße konnten wir nicht heraus, sie war ein Feuermeer. Also gingen wir wieder in den Keller im Hinterhaus.“
Erst lange nach dem Angriff verlassen die Menschen den Luftschutzkeller an der Tellsteige. Unter ihnen ist Karl–Heinz Wirsing: „Nach einigen Stunden, nachdem es etwas ruhiger wurde, versuchte ich, die schwere Eisentür zu öffnen.
Alles stand in Flammen, überall Brandbomben. Pferde aus der in der Nähe befindlichen Reithalle sprangen kreuz und quer, soweit das noch möglich war. Man hörte immer wieder Detonationen von Blindgängern. Die Hitze war unerträglich.“
Später erfährt er, dass viele Menschen im Keller des Klosters, den er gemieden hat, umgekommen sind.
„Um halb 8 Uhr früh gelang es uns endlich, aus unserem Feuergefängnis zu kommen“, erinnert sich Herta Cleve. „Meine Mutter, die bis dahin unermüdlich geschafft hatte, tröstete mich, hängte mir eine nasse Decke über den Kopf und sagte: 'Jetzt gehen wir zur Tante Dora ins Mainviertel, da können wir schlafen und uns ausruhen.' Zu zweit versuchten wir, am Bahnhof entlang zum Main zu kommen.
Ich sehe noch die herrlichen alten Patrizierhäuser am Röntgenring. Balkone, Erker, alles stürzte ein, Bäume brannten. Am Kranenkai schleppte man die Toten vor die Häuser, sie lagen nebeneinander auf dem Gehsteig.“
Doch auch das Mainviertel steht in Flammen. Mutter und Tochter werden noch am selben Tag in den Landkreis evakuiert. Den Koffer hat Herta nie losgelassen; Mitte April geht sie in Unterpleichfeld zur Kommunion.
Das Buch
Wir entnahmen die Bilder und Texte auf dieser Seite dem Buch „Zukunft, die aus Trümmern wuchs. 1944 bis 1960: Würzburger erleben Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau“ von Main-Post-Redakteur Roland Flade. Beschrieben wird darin der Untergang Würzburg und wie in den folgenden 15 Jahren eine neue Stadt entstand.
Der Band bietet auf 336 Seiten Augenzeugenberichte, 151 meist unveröffentlichte Fotos (49 davon in Farbe) und ergänzende Texte des Autors über typische Würzburger und ihre Erlebnisse.
Die DVD Die DVD „Hoffnung, die aus Trümmern wuchs“ von Roland Flade und Main-Media-Redakteurin Angelika Kleinhenz (Laufzeit 105 Minuten) bietet Filme des unzerstörten Würzburg, der Bombardierung, der Situation im Mai 1945 (in Farbe) und der Trümmerräumung, dazu Interviews und illustrierte Zeitzeugenberichte.
Geschichte im Internet
Videos, historische Filme, Interviews, Berichte, Fotos: www.mainpost.de/geschichte