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Kampfpause: Amerikanische Soldaten am Vormittag des 5. April 1945 am Eck Zwinger/Peterpfarrgasse in Würzburg. In der Mitte sitzend mit Kapuze: Donald Carner
Verteidiger: Rudolf Decker
Eroberer: Donald Carner
Freunde: Rudolf Decker (links) und Donald Carner bei ihrer Begegnung 1995.
Die beiden alten Männer sitzen nahe beieinander. Der eine hat dem anderen freundschaftlich den Arm um die Schulter gelegt; der wiederum fasst ans Bein des Ersten. So berühren sich gute Freunde, die seit Jahrzehnten miteinander vertraut sind, denkt der Betrachter. Tatsächlich haben die Männer eine gemeinsame Geschichte. Das Bild ist am 25. Juni 1995 in Salt Lake City aufgenommen worden, fast genau 50 Jahre nach ihrem ersten Aufeinandertreffen. Damals standen sie sich als Gegner gegenüber.
Rudolf Decker, der heute in München lebt, ist 17 Jahre alt und Unteroffiziers-Anwärter, als er zu Beginn des Monats April 1945 mit seiner Einheit zur Verteidigung Würzburgs abkommandiert wird. Der Befehl lautet: Jedes Haus und jede Straße muss bis zum letzten Mann gehalten werden. Der 24-jährige Donald Carner gehört zu den Soldaten des 232. Infanterieregiments der 42. amerikanischen Infanteriedivision („Rainbow Division“), die die Stadt einnehmen soll.
Obwohl von Würzburg nach dem 16. März kaum etwas übrig geblieben ist, wird um kaum eine andere deutsche Stadt so erbittert gekämpft. Decker und Carner kommen dabei immer wieder in lebensgefährliche Situationen.
Der Amerikaner überquert mit seinem Trupp die von Deutschen kurz zuvor gesprengte und von US-Pionieren notdürftig reparierte Löwenbrücke und kämpft sich vom Main aus durch die Innenstadt vor; links und rechts von ihm fallen die Kameraden. Eine Nacht verbringt er im dritten Stock eines noch teilweise intakten Hauses. Hier entdeckt er zwei Fahnen, eine mit der Aufschrift „Würzburg“ und eine mit einem großen Hakenkreuz. Carner: „Da ich ohnehin schon zu viel mit mir herumschleppte, beschloss ich, nur eine mitzunehmen. Ich entschied mich für die, die das verkörperte, was wir bekämpften.“ Jahre später wird er noch einmal die längst zu eng gewordene Weltkriegsuniform anziehen und für ein Foto mit der Fahne in seinem Vorgarten posieren.
Am Morgen überrascht ein deutscher Gegenangriff die GIs. „Eine Panzerfaust weckte uns“, erinnert sich Carner, inzwischen 89 Jahre alt. „Alle Einheiten wurden von den Deutschen angegriffen. Unser befehlshabender Offizier ging hinunter; er und ein anderer Mann wurden im Bein von derselben Kugel getroffen.“ Vom Dach des Hauses verfolgt Carner eine Szene von außergewöhnlicher Symbolkraft: „Ich sah hinüber zur Festung und beobachtete, wie der Schriftzug 'Heil Hitler‘ und das Hakenkreuz durch den Namen unserer Division und Regenbogen auf beiden Seiten ersetzt wurden.“ Die linke Mainseite und somit auch die Festung sind zu diesem Zeitpunkt längst in amerikanischer Hand.
Der Deutsche Rudolf Decker rückt unterdessen mit seinem Trupp von Osten in Richtung Hauptfriedhof vor, bis ihn heftiges Maschinengewehrfeuer stoppt. Deckers Einheit weicht in Richtung Grombühl aus und bezieht am Bahndamm, in der Nähe der Unterführung Schweinfurter Straße, Stellung. Hier gerät sie unter schweres Artilleriefeuer, das zahlreiche Tote und Verletzte fordert. „Durch den Ausfall von Verwundeten, Toten oder in Gefangenschaft geratenen Kameraden bestand unsere Kompanie nach wenigen Tagen nur noch aus ein paar Gruppen“, notierte Decker, der heute 82 Jahre alt ist, in seinen Erinnerungen.
Einen der Angeschossenen will Decker mit einem Kameraden am Nachmittag des 5. April 1945 zum Standortlazarett am Mönchberg bringen. In dessen Nähe ist seit kurzem Donald Carner postiert. Er steht im obersten Stockwerk eines ausgebrannten Hauses und überblickt die Straße, die zum Krankenhaus führt. „Kurz vor dem Lazarett, als wir keine Deckung hatten, wurden wir erneut beschossen“, berichtet Decker. In seiner Nähe spritzt die Erde auf. Der Schütze ist Donald Carner. Er hat nicht bemerkt, dass die Deutschen einen Verwundeten in ihrer Mitte haben. „Ich zielte erneut und schoss zum zweiten Mal. Diesmal sprangen sie hinter einige Büsche.“ Rudolf Decker weiß noch heute, was ihm in diesen Augenblicken durch den Kopf ging: „Jetzt schießen sie auf uns, doch Gott sei Dank zu kurz!“ Auch der Gedanke seines Gegners ist überliefert: „Ich dachte nur, dass ich ihnen wenigstens einen schönen Schrecken eingejagt hatte.“
Es gelingt Rudolf Decker, den Verwundeten im Lazarett abzuliefern. In den folgenden Wochen zieht er sich mit den deutschen Truppen immer weiter zurück, bis sein Heimatort Dasing bei Augsburg am 28. April von den Amerikanern überrollt wird. Ein GI verzichtet darauf, den 17-Jährigen als Kriegsgefangenen mitzunehmen. Die Ereignisse in Würzburg, die weit über 1000 Menschen das Leben kosten, lassen Decker nicht los; jahrelang träumt er davon und von der schicksalhaften Begegnung. Bei einem Besuch am Main findet er 1990 in der Stadtbücherei ein Buch, in dem die US-Einheit benannt ist, die ihm 1945 gegenüberlag. Er wendet sich an den Präsidenten der Rainbow-Veteranen-Vereinigung; als dieser Deckers Bericht in der Veteranenzeitung veröffentlicht, passiert Überraschendes. In Deckers Briefkasten liegt eines Tages ein Brief aus Kalifornien; er stammt von Donald Carner. „Lieber Rudolf“, schreibt der, „als ich an die Stelle kam, wo Du sagst, dass Du beschossen wurdest, bekam ich überall Gänsehaut.“
Im Juni 1995 treffen sich die ehemaligen Kriegsgegner in Salt Lake City zum ersten Mal; bei dieser Gelegenheit entsteht auch das Foto unten. Die beiden erzählen einander von ihrem weiteren Lebensweg. Carner hat 1947 geheiratet, Decker elf Jahre später. Der Amerikaner hat eine Tochter und zwei Enkel, der Deutsche zwei Söhne und einen Enkel. Donald Carner war unter anderem 31 Jahre lang Vertreter für Haustüren und Holz, Rudolf Decker erst Sparkassenangestellter in Friedberg bei Augsburg, dann Industriekaufmann in der Finanzabteilung bei Siemens in München. Weitere Begegnungen folgen, auch mit anderen ehemaligen GIs. „Alle berichten vom Kampf um Würzburg und dem dort vorgefundenen guten Wein und Sekt“, sagt Decker. Inzwischen besitzt er 90 Briefe und zwei Ordner voll mit Berichten und Fotokopien über den blutigen Kampf um Würzburg.
Rudolf Decker und Donald Carner haben Freundschaft geschlossen. Der Krieg, wenn auch auf unterschiedlichen Seiten erlebt, verbindet beide. Sie haben eine gemeinsame Erfahrung gemacht, die sich Außenstehenden nur schwer mitteilen lässt. Ein Ex-GI hat diese Nähe in einem Brief an Decker so ausgedrückt: „Ich habe weder meiner Frau und meinen Enkeln noch irgendjemand anders von meinen Kampferfahrungen in Würzburg erzählt. Ihnen würde ich gern ein Band besprechen und schicken.“
„Es ist toll, dass wir auf solche fürchterlichen Ereignisse unseres Lebens, als wir Jugendliche waren, zurückblicken können, ohne gegenseitigen Hass“, schreibt ein anderer Rainbow-Veteran. Aus der Nähe ist Versöhnung gewachsen.
Bilder und Texte auf dieser Seite stammen aus Roland Flades Buch „Zukunft, die aus Trümmern wuchs. 1944 bis 1960: Würzburger erleben Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau“. Beschrieben wird darin der Untergang Würzburgs kurz vor Kriegsende und wie in 15 Jahren eine neue Stadt entstand. Der Band bietet auf 336 Seiten Augenzeugenberichte, 151 meist unveröffentlichte Fotos (49 davon in Farbe) und ergänzende Texte des Autors über Würzburger und ihre Erlebnisse. Das Buch ist für 16,95 Euro in allen Main-Post-Geschäftsstellen und im lokalen Buchhandel erhältlich.
Augenzeugenberichte, Videos und Bilder unter www.mainpost.de/geschichte