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Personalausweis reicht. Die mit Flüchtlingen überfüllte deutsche Botschaft in Prag leert sich noch in der Nacht. Auf den Straßen wälzt sich bald ein steter Strom von Trabis über Dresden Richtung Süden.
Was ist eigentlich, so fragen wir uns bei einer kurzen Besprechung am Morgen im Rathaus Schöneberg, wenn diese DDR-Bürger sich wie normale Touristen ein paar Tage München oder Nürnberg anschauen, und dann in Bayern, Hessen oder Niedersachsen wieder an der Grenze zur DDR anklopfen: Hallo, wir wollen zurück. Waren nur mal gucken. Kann und wird die DDR sie dann abweisen? Sicher nicht.
Die Regelung bedeutet im Grunde schon Reisefreiheit, nur eben mit einem riesigen Umweg. Sie ist absurd. Übermorgen werden der Regierende Bürgermeister Walter Momper und ich selbst nach Prag fahren, um uns ein Bild von der Lage zu machen.
Ich verbringe diesen Samstag im Büro. Das DDR-Fernsehen überträgt die Großdemonstration vom Ost-Berliner Alexanderplatz live. Das hat es noch nie gegeben. Es soll der Beweis für die neue Offenheit der Führung unter Egon Krenz sein. Eine Million Menschen sind auf den Straßen. Friedlich und mit sehr fantasievollen Transparenten. Wir kennen im Westen Demonstrationen als eher aggressive Veranstaltungen, mit lautstarken Parolen, Trillerpfeifen und Megafonen. Manchmal auch mit Steinen. Dies ist anders, es ist die Poesie der Massen. Ironische Plakate tragen sie durch die Stadt, mit Sprüchen wie „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, ehe er nicht mit der Lüge bricht, auch wenn er jetzt ganz anders spricht“. Es reden Schriftsteller und Schauspieler. Vorsichtig sprechen sie, kein Wort von Abrechnung und schon gar nicht von Wiedervereinigung. Demokratie und Pressefreiheit fordern sie. Nicht das Ende des Sozialismus, sondern seine Reform.
Christa Wolf sagt: „Stell dir vor, es ist Sozialismus und keiner geht weg.“ Friedrich Schorlemmer ruft den Bürgern zu: „Jetzt wird es spannend, bleibt hier.“ Alle erhalten großen Beifall. Nur die beiden „Politiker“, die hier reden, der SED-Bezirksvorsitzende Günter Schabowski und der frühere Spionagechef Markus Wolf, werden ausgepfiffen. Den Beteuerungen der Partei, den Sozialismus von oben reformieren zu wollen, wird nicht mehr geglaubt.
Aber wird die Oppositionsbewegung fähig sein, ihre neue Stärke nicht nur in Pfiffe, sondern auch in einen eigenen Machtanspruch zu verwandeln, der das Monopol der SED herausfordert? Erst dann fällt das System. Wir organisieren eine öffentliche Stellungnahme Walter Mompers. Er sagt, dass es nach diesem Tag kein Zurück mehr geben könne für eine Entwicklung hin zur Demokratie in der DDR. „Zum ersten Mal seit 1918 gibt es in Deutschland eine wirkliche demokratische Revolution von unten, bei der das Volk selbst die Macht ergreift und eine führende Gruppierung nicht mehr braucht.“
Unser Hauptstadt-Korrespondent Werner Kolhoff (Foto MP) war zur Zeit des Mauerfalls Sprecher des Senats von Berlin und Vertrauter des damaligen Regierenden Bürgermeisters Walter Momper (SPD). Er schildert in dieser Serie bis zum 12. November täglich seine persönlichen Erlebnisse rund um den 9. November 1989.