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Nach ihrem Überraschungssieg bei der „Miss Würzburg“-Wahl von 1948 trat Ilse Schiborr bei Modenschauen im In- und Ausland auf. Das war harte Arbeit; das Foto zeigt sie erschöpft im Tourneebus.
Ilse Schiborr als Mannequin
Die Schärpe hat Ilse Schiborr aufbewahrt.
Im Herbst 1948 sieht es für das junge Ehepaar Ilse und Gerd Ruthe in Würzburg nicht gut aus. Der Ehemann, Schauspieler am Stadttheater in der Turnhalle der Lehrerbildungsanstalt am Wittelsbacherplatz, muss eine Gehaltskürzung auf 200 DM im Monat hinnehmen.
Hintergrund ist die Währungsreform im Juni zuvor, die zwar für volle Schaufenster gesorgt hat, durch die drastische Geldentwertung aber auch die D-Mark zunächst zu einem raren Gut werden lässt. Die Menschen haben dringendere Bedürfnisse als ins Theater zu gehen. Die 21-jährige Ehefrau, die heute Ilse Schiborr heißt, hat im Juli die Tochter Helga zur Welt gebracht und kann zunächst nichts zum Familieneinkommen beitragen.
Dann kommt der Tag im Oktober 1948, der eine Wende bringt. An diesem Herbstabend soll in den teilweise renovierten Huttensälen im Stadtteil Sanderau ein gesellschaftliches Ereignis stattfinden, die Wahl der ersten „Miss Würzburg“.
„Gerd hatte Theatervorstellung“, erinnert sich Ilse Schiborr, „zum x-ten Male spielte er den Sigismund im 'Weißen Rössl‘ und ich wollte eigentlich zu Hause bleiben. Da meinte Mutti am Nachmittag: 'Willst du da nicht mal hingehen, so etwas interessiert dich doch. Es wird sicher schön und wegen Helgalein brauchst du dir keine Sorgen zu machen, ich bin ja da.‘“
Ilse lässt sich überreden, geht zum Friseur und zieht das einzige Kleid an, das sie für solch einen Anlass besitzt: ein „kleines Schwarzes“, dazu eine Jacke, die aus einer Wehrmachtsdecke geschneidert ist.
Nun braucht sie nur noch eine Eintrittskarte. Eine richtige Kasse haben die Huttensäle damals nicht. So begibt sich die 21-Jährige ins Büro, in dem Hila Wolz, die Schwester des Besitzers der Huttensäle und des Deutschen Theaters in München, sitzt.
Hier geschieht das Unerwartete: „Ich bat um eine Eintrittskarte. Sie blickte mich prüfend von oben bis unten an und sagte dann überraschend: 'Ich hätte Sie aber sehr gerne als Mitwirkende unserer Veranstaltung, nicht als Zuschauerin! Ich bitte Sie sehr, sich bei der austragenden Firma Opal-Strümpfe hinter der Bühne vorzustellen.‘ Ihre Worte verhallten und ich stand perplex und etwas ungläubig da, als Fräulein Wolz mir noch mal aufmunternd zunickte.“
Ilses Abenteuer beginnt. Hinter der Bühne warten mehr als 20 nervöse junge Frauen, die an sich herumzupfen und einander taxieren. Sie erhält die Nummer zwei und hat auf dem Laufsteg ihre beiden Auftritte, den zweiten im „kleinen Schwarzen“ ohne Jacke. Der Saal, bis auf den letzten Platz gefüllt, spendet ihr tosenden Beifall.
Dann kommt die Preisverleihung. Die Bühne erstrahlt in hellem Licht, die Menschen im Saal verstummen, auch die Musiker.
In ihren unveröffentlichten Lebenserinnerungen hat Ilse Schiborr die folgenden Ereignisse beschrieben: „Mit der Vergabe des dritten Platzes begann diese entscheidende Runde. Nein, den hatte ich leider schon mal nicht, und auch nicht den zweiten Platz. 'Die Gewinnerin des heutigen Abends, unsere erste Nachkriegs-Miss Würzburg, ist die Nummer zwei – Frau Ilse Ruthe.‘ Ich glaubte zu träumen. Ich sollte 'Miss Würzburg‘ sein, ich, die ich eigentlich nur zum Zuschauen kommen wollte!“
Es bleibt ihr keine Zeit, sich zu fassen. Der ganze Saal klatscht, der Veranstalter befestigt schon die Schärpe an ihrer Jacke und drückt ihr einen Strauß weißer Chrysanthemen in den Arm. Um ihren Hals legt er ein doppelreihiges Perlencollier; dazu gibt es ein Blitzlichtgewitter.
Erst viel später erfährt die junge Frau, dass das Collier nicht echt ist, doch „das berührte mich eigentlich gar nicht so“ (Ilse Schiborr). Die Schärpe hat sie bis heute aufbewahrt, sorgfältig in Seidenpapier eingehüllt. An diesem Tag eröffnet sich Ilse eine neue Welt. Immer wieder wird sie in den nächsten Jahren bei Modenschauen in Deutschland und im benachbarten Ausland auftreten, aber auch in der Heimatstadt, so etwa im eleganten „Café Falkenhof“.
Zusammen mit anderen Mannequins und dem Organisator des „Salon du Monde“ begibt sie sich auf regelrechte Tourneen, denn viele Frauen sehnen sich in diesen Nachkriegsjahren nach ein bisschen Eleganz. Und wenn sie sich die teuren Kleider womöglich auch selbst nicht leisten können, so ist die zweistündige Modenschau doch eine willkommene Flucht aus einem Leben, in dem Mangel und Armut herrschen.
Die zeitweise Trennung von Mann und Kindern – im September 1953 kommt die zweite Tochter Simone zur Welt – fällt Ilse schwer. Die Arbeit ist anstrengend, denn zwischen den täglichen Auftritten müssen oft weite Strecken zurückgelegt werden. Freilich kann die Familie das zusätzliche Einkommen gut gebrauchen – und natürlich genießt sie es auch, wenn nach einer langen Fahrt, womöglich im Winter über kaum passierbare, schneeverwehte Straßen, die Scheinwerfer angehen und das Publikum applaudiert.
Doch gleich nach ihrer Wahl ergreift die Realität des Nachkriegs-Würzburg mit seinem extremen Wohnungsmangel wieder Besitz von der frischgebackenen „Miss Würzburg“, die mit Mann und Kind mit der Mutter in deren Zimmer wohnt.
Gerd Ruthe spricht Ende Oktober 1948, wie schon so oft, beim Wohnungsamt vor, wo ihm der zuständige Beamte keinerlei Hoffnung machen kann. Vier Personen in einem Raum sind zu diesem Zeitpunkt in Würzburg eher die Regel als die Ausnahme. Als Gerd nicht aufgibt, holt der Beamte fast widerwillig die Unterlagen über ein gerade freigewordenes Zimmer im Gerbrunner Weg im Stadtteil Frauenland aus seiner Schublade.
„Ich warne Sie“, sagt er zum Ehemann, „die Familie ist bei uns schon amtsbekannt, sie ist berühmt-berüchtigt. Diese Leute können sie nicht mit normalen Maßstäben messen. Sie werden auf massiven Widerstand stoßen.“ Obwohl nämlich im villenartigen Haus des Ehepaars und seiner beiden Töchter ein Raum frei ist, hat es die Familie noch stets verstanden, die Mieter nach kurzer Zeit zu vergraulen.
Ilse und Gerd lassen sich von der gutgemeinten Warnung nicht abhalten; zu groß ist die Sehnsucht nach einem eigenen Zuhause. Sie stellen sich der Vermieterin vor, doch diese ist, wie befürchtet, ungerührt und keift: „Hier kommt mir niemand rein, höchstens über meine Leiche!“
Als letzte Lösung bleibt auf Anraten des Mannes vom Wohnungsamt die polizeiliche Einweisung: „Sie schimpfte und fuchtelte hinter dem verschlossenen Gartentor, bis der Beamte ihr wortlos den polizeilichen Einweisungsschein unter ihre spitze Nase hielt“, erinnert sich Ilse Schiborr. „Daraufhin verschwand sie murmelnd und nervös für kurze Zeit im Haus, ehe sie dann tatsächlich mit drei Schlüsseln in der Hand zurückkam. Die reichte sie dem Beamten durch das immer noch verschlossene Tor und machte sich wutschnaubend davon. Von uns nahm sie überhaupt keine Notiz.“
Fast zweieinhalb Jahre wohnen Ilse und Gerd in dem Zimmer, trotz aller Schikanen. Das Bad dürfen sie nicht benutzen und die Zentralheizung wird nie warm, so dass ein Kohleofen installiert werden muss. Wasser kann nur im Keller geholt, mit den Vermietern, die gerne an der Tür lauschen, nur per schriftlicher Mitteilung korrespondiert werden. Besuche sind verboten.
„Lächelnd lag Helga in ihrem Bettchen“, schreibt Ilse Schiborr, „nicht ahnend, unter welchen Schwierigkeiten sich unser Leben hier abspielte. So gerne hätten wir unsere 'Bleibe‘ gegen eine wirkliche Wohnung eingetauscht, aber die Marktlage zeigte sich immer noch so katastrophal, dass man dieses Ziel nur mit viel Geld erreichen konnte. Man musste einen meistens 'verlorenen Baukostenzuschuss‘ leisten, und wer konnte das schon – wir jedenfalls nicht.“
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