WÜRZBURG

Die Stadt in den 50-er Jahren: Halbstarke mit Stricknadeln

In den 50-er Jahren bringt eine 22-Jährige frischen Schwung in den Würzburger Fasching. Doch ihr Traum von einer Bühnenkarriere platzt.
  • Tütenlampe, Wollkorb und eine nagelneue Phono-Kombination: In diesem Ambiente inszeniert Main-Post-Fotograf Walter Röder 1959 die 22-jährige Sekretärin Sieglinde Ullrich, die von einer Karriere auf Kabarettbühnen träumt.
    Archivfoto: Walter Röder
  • Die Besucherin: Im Jahr 1999 kam Sieglinde Johnston nach Würzburg, um ihre Erinnerungen vorzustellen. Das Buch ist seit langem vergriffen.
    Foto: Stefan Pompetzki
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Mitte Januar 1959 erhält Sieglinde Ullrich Besuch. Main-Post-Redakteur Jürgen Friedrich und sein Fotografen-Kollege Walter Röder kommen in die Weingartenstraße, um Material für einen Artikel über die quirlige 22-Jährige zu sammeln, deren humoristische Auftritte sich herumgesprochen haben. Im Bootshaus des Würzburger Rudervereins (WRV) stand sie bei einer Faschingsveranstaltung und einem bunten Abend auf der Bühne und erhielt viel Applaus. Jetzt soll die ganze Stadt davon erfahren.

„Wir hatten eine Drei-Mann-Band, Schlagzeug, Schifferklavier und Saxophon“, schreibt Sieglinde Ullrich, die heute Johnston heißt, in ihren 1999 erschienenen und längst vergriffenen Erinnerungen. Mit einer Freundin bringt sie einen Seiltänzerinnen-Akt auf die Bühne, wobei das Seil allerdings auf dem Boden liegt. Das Publikum johlt.

Dann verkleidet sie sich als Bauchtänzerin und legt sich in eine Truhe; orientalische Musik erklingt und die Kiste wird hereingetragen. Sieglinde hebt den Deckel langsam an, windet sich heraus und legt mit verschleiertem Gesicht einen kleinen Bauchtanz aufs Parkett. Harmlose Darbietungen zwar, aber doch von einer unbekümmerten Frische, die im Würzburger Fasching mit seinen Büttenrednern meist älteren Semesters auffallen.

Sieglinde Ullrich, im Hauptberuf Sekretärin an der Uni, hat eine Marktlücke gefunden. Beim nächsten WRV-Fasching tritt sie als „Halbstarke“ mit einem selbst geschriebenen Text auf. Auszüge:

„Ach, ich möchte so gerne und weiß auch schon was / Doch Papa möchte dieses und ich möchte das. / Ich möchte so gerne so ne richtige Halbstarke sein, / so echt mit den Händen in die Hosentaschen rein, / des Nachts nicht nach Hause, in ein tolles Lokal, / die Jungens mal küssen, ganz nach meiner Wahl. / Am nächsten Morgen, verschlafen, mit ‘nem Halbstarkengang / Und das Ganze so zirka acht Tage lang.

Doch ich weiß, was sich gehört, seh‘ wie Papa sich empört, / drum füg ich mich und bleib ganz fein / Papas süßes, liebes, kleines Töchterlein.“

Der Text spiegelt die gesellschaftliche Realität der 50-er Jahre wieder. Der Ausbruch aus den von Erwachsenen vorgegebenen Konventionen bleibt für Jugendliche in diesem Jahrzehnt noch ein von Vielen gar nicht geträumter und jedenfalls für die meisten unerfüllbarer Traum.

Sieglindes Engagements häufen sich. Als sie wenig später bei einem Galaabend des Hausfrauenverbandes in den Huttensälen (heute tegut) auftritt, scheint sie den Durchbruch in eine größere Öffentlichkeit geschafft zu haben. Plötzlich kann sie sich eine Kabarett-Karriere vorstellen. Sie nimmt Kontakt zur Main-Post auf, denn ein Mann vom Rundfunk hat ihr geraten, dass eine solche Laufbahn am besten mit einem öffentlichen Auftritt auf einer Provinzbühne – den hat sie schon absolviert – und einem Artikel in der Lokalzeitung zu starten ist.

Die Zeitung beißt an, ein Termin für ein Gespräch wird arrangiert, und Reporter und Fotograf – zwei ältere Herren – machen sich auf den Weg zu ihr. Das Ergebnis steht am 20. Januar 1959 im Blatt und liest sich so ganz anders als das, was heute auf der Main-Post-Jugendseite „daily X“ oder im Wochenmagazin „neun7“ Gleichaltrige über eine 22-Jährige und ihre Träume berichtet würden.

„Sigi möchte die Bühne erobern“ lautet die Überschrift des Artikels über das „Nachwuchs-Sternchen Würzburger Provenienz“, das von einem Leben auf der Kleinkunstbühne träumt: „Sie ist 22 Jahre alt und genaugenommen das, was man ein Urvieh nennt, übersprudelnd, voller Ideen und Temperament. Und ihr Mund steht eigentlich niemals richtig still.“ Was dem Berichterstatter besonders imponiert und was auch als Foto inszeniert wird: „Wie eine perfekte Hausfrau“ klappert sie mit den Stricknadeln, wenn sie ihre Texte auswendig lernt. 50-er Jahre pur.

Die 1936 geborene Sieglinde hat schwere Zeiten erlebt. 1946 ist ihr Vater in russischer Gefangenschaft gestorben; der achtjährige Bruder verunglückt im selben Jahr tödlich. Im Mai 1949 hat Sieglinde mit ihrer Mutter, der zwei Jahre älteren Schwester Margot und dem Großvater eine Notwohnung auf dem Gutshof „Neue Welt“ am Leutfresserweg bezogen, wo auch die Malerin Gertraud Rostosky lebt. „Die Wohnung war wirklich notdürftig“, erinnert sie sich: „Selbst das Wasser musste eimerweise unten vorm Haus von einem Haupthahn geholt werden.“ Erst Monate später werden Wasser und Toilette installiert.

Die 16-Jährige wird ohne rechte Überzeugung „Anlernling“ in einer Einzelhandelsfirma für Modeartikel und Schneiderbedarf, gewöhnt sich dort aber schnell ein, feiert mit den Kollegen Fasching und organisiert einen fröhlichen Betriebsausflug nach Heidelberg.

„Sei vernünftig, geh‘ ins Büro!“, hat ihr ein Bekannter geraten: „Als Mädchen heiratest du doch bald und dann hängst du deinen Beruf sowieso an den Nagel.“

In die schäbige Notwohnung mag sie keine Freunde und Kollegen mitbringen. Doch einfach in eine neue Mietwohnung kann man im weitgehend zerstörten Würzburg nicht ziehen; verlangt wird ein „verlorener Baukostenzuschuss“, der nicht zurückgezahlt wird. Eisern sparen lautet also die Devise. Sieglinde: „Meine Lehrzeit war im November 1954 zu Ende. Mutti erwartete nun mein Gehalt, das war der Auftakt zur Wohnungssuche.“ Ende Mai 1956, nach sieben Jahren auf der „Neuen Welt“, kann Sieglinde mit Mutter, Opa und Schwester endlich in eine Dreizimmerwohnung mit Küche, Bad und Balkon in der Weingartenstraße ziehen; die jungen Mädchen müssen sich endlich nicht mehr genieren, junge Freunde einzuladen.

Am 8. Juni 1957 feiert Sieglinde ihren 21. Geburtstag, und auch dieses Ereignis läuft ganz so ab, wie es in den 50-er Jahren üblich ist: „Ich bestellte eine kalte Platte beim Metzger, als Getränke gab es eine Erdbeerbowle. Auf unserem fast neu erstandenen Braun-Telefunken-Plattenspieler legten wir Platten auf. Foxtrott, Tango, Boogie und Rock & Roll. Nach Mitternacht servierten wir eine Gulaschsuppe, die den Alkohol etwas aufsaugen sollte. Mutti hatten wir für einen Abend ausquartiert.“

Im selben Jahr tritt Sieglinde eine Stelle als Sekretärin im Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität an. Während viele Professoren noch auf Äußerlichkeiten Wert legen, den Rektor als „Magnifizenz“ und „Spektabilität“ anreden, geht es bei den Studenten lockerer zu. Sieglinde: „In den Mittfünfziger Jahren war es in, sich in einem Jazzkeller zu verkriechen. Er war immer krachend voll, dicke Rauchwolken und Jazzmusik; ein Bierchen, eine Cola oder Schorle waren die Getränke. Ab und zu spielten sogar amerikanische Soldaten in Zivil für uns.“

Im Rampenlicht will auch die junge Frau stehen. Nie mehr Briefe tippen, kein Alltagstrott, keine langweilige Routine mehr – das ist ihr Ziel. Den beiden Herren von der Main-Post verrät sie einen noch größeren Traum. „Ich weiß, ich bin kein Star“, sagt sie. Aber wenn der Film käme und ihr eine Rolle anböte – sie würde sie sicher nehmen.

Es kommen weder der Film noch der Rundfunk und schon gar nicht das Fernsehen. Sieglinde schickt eine Bewerbung zum BR nach München und legt den Main-Post-Artikel bei: „Ich wartete geduldig“, schreibt sie in ihren Erinnerungen. „Zwei Wochen, drei Wochen, vier Wochen. Keine Antwort.“ Schließlich gibt sie die Hoffnung auf, und sie schreibt auch warum: „Mir fehlte wahrscheinlich der nagende Hunger nach Ruhm. Ich hatte ja einen Beruf. So habe ich mein Talent an den Nagel gehängt.“

Im März 1960 reist sie nach London, wo sie in einem Hostel, einer hotelartigen Unterkunft für 720 junge berufstätige Frauen, arbeitet. Sie lernt den Engländer John Patrick Johnston kennen, den sie 1961 in Würzburg heiratet. Das Ehepaar kehrt nach London zurück und hat zwei Kinder. 1999 veröffentlicht Sieglinde Johnston ihre Erinnerungen unter dem Titel „Sieglinde. Die unbekannte Bekannte erzählt“.

Zukunft, die aus Trümmern wuchs

Das Buch Bilder und Texte auf dieser Seite stammen aus Roland Flades neuem Buch „Zukunft, die aus Trümmern wuchs. 1944 bis 1960: Würzburger erleben Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau“.

Beschrieben werden darin die letzten eineinhalb Kriegsjahre und das Inferno des 16. März 1945, durch das Würzburg zerstört wurde. Nachzulesen ist aber auch, wie in den folgenden Jahren eine neue Stadt entstand. Der Band bietet auf 336 Seiten Augenzeugenberichte, 151 meist unveröffentlichte Fotos (49 davon in Farbe) und ergänzende Texte des Autors über typische Würzburger und ihre Erlebnisse. Das Buch ist für 16.95 Euro in allen Main-Post-Geschäftsstellen und im regionalen Buchhandel erhältlich.

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