Die Bombardierung 45 - ein Bericht von Walter Mergenthaler
Es war gegen Mitternacht als die beiden Jungen versuchten über die nördliche Brücke in die Altstadt zu gelangen. Seit Ende des Luftangriffes waren die Fünfzehnjährigen mit dem Hitlerjugend-Löschzug ihres Stadtteiles im Einsatz gewesen. Nun stand der abgekämpfte kleine Trupp vor dem ersten Haus einer Häuserzeile an der breiten Straße, die zur Brücke führt. Aus dem Dach quoll giftig gelber Rauch und knisternde Flammen züngelten im durch den Luftdruck der Sprengbomben von den Ziegeln entblößten Dachstuhl.
Die Feuerspritze war einsatzbereit, der Benzinmotor der Pumpe ratterte schon, auch die Schlauchleitung zum nächsten Hydranten war gelegt und angeschlossen - aber als der Befehl: "Wasser marsch!" kam, blieb das rettende Nass aus. Ein Bombeneinschlag hatte wohl irgendwo die Kanalisation getroffen und die Leitung unterbrochen; vielleicht wäre das Haus noch zu retten gewesen. Enttäuscht und ratlos standen die erschöpften Jungen herum und mussten untätig zusehen, wie das Feuer sich durch das Haus fraß.
Doch dann packten sie an und halfen zu retten, was noch zu retten war. Den verängstigten Bewohnern des brennenden Hauses hatten sie schon zuvor aus dem Luftschutzkeller geholfen. Nun bargen sie noch Teile des Hausrates aus Erdgeschoss und Keller, bis dann der beißende Rauch und die drohende Einsturzgefahr auch dies unmöglich machten. Da hörte man plötzlich ein nichts Gutes verheißendes Knistern und Krachen, die gesamte Straßenfront des Hauses begann zu schwanken, barst und stürzte unter Getöse auf die Straße. Eine Staubwolke, durchsetzt von einem Feuerwerk stiebender Funken, stieg aus den Trümmern auf und hüllte den Rest des Hauses und den Schuttberg ein, der auch das Wenige, das man aus dem Haus hatte retten können, unter sich begrub.
"Man konnte in die einzelnen Räume der Wohnungen schauen, so als stände man vor einem Puppenhaus."
Als die Hausfront zu bersten drohte, hatten sich die Bewohner und die Hitlerjungen im letzten Augenblick auf die andere Straßenseite gerettet. Hier waren sie außer Gefahr, denn diese war unbebaut, eine Böschung fiel hier steil zur Flussaue ab. Als der Staub sich langsam legte, bot sich ein unwirklicher Anblick. Es war als hätte die Hand eines Riesen einen Bühnenvorhang weggezogen. Man konnte nun in die einzelnen Räume der Wohnungen schauen, so als stände man vor einem Puppenhaus. Tapeten hingen in Fetzen von den Wänden, dazwischen sah man noch Bilder und auch ein Kruzifix. Der Hausrat war wüst durcheinandergeworfen, Möbelstücke umgekippt und aus Schränken und Schubladen quollen Kleider und Wäsche. Bettgestelle und abgerissene Fußbodenbretter ragten halb in den Abgrund und aus aufgefetzten Bettdecken quollen Federn, flogen auf und mischten sich mit Staub und Ruß. Dazwischen züngelten Feuernester, die sich ausbreiteten und gierig, wie ein Untier, alles Brennbare verschlangen.
Diese sinnlose und brutale Verwüstung und Vernichtung ihrer Heímstatt, diese blitzartige Zurschaustellung ihres intimen Lebensbereiches mussten die Bewohner, die nun alles verloren hatten, hilflos mit ansehen und sie konnten sich nur damit trösten, dass sie wenigstens ihr nacktes Leben gerettet hatten und dass keiner ihrer Angehörigen zu Schaden gekommen war. Auf die in Ohnmacht erstarrten Beobachter wirkte dieses Schauspiel so schockierend, als wären sie unfreiwillig Zeugen der Hinrichtung eines Unschuldigen oder eines brutalen Verbrechens geworden.
Als die Spannung sich langsam löste, rief in die Sprachlosigkeit hinein plötzlich einer der Knaben: ”Los Thomas,. komm’ mit, wir schauen mal hinüber in die Stadt!” Und schon stürzte er, ohne einen Augenblick zu warten, auf die nahe Brücke zu. Thomas, der die sprunghaften Einfälle seines Freundes Franz kannte und der sich schon öfter von ihm zu waghalsigen und abenteuerlichen Unternehmungen hatte hinreißen lassen, setzte Franz ohne zu zögern nach. Die Kameraden des Löschzuges und auch der Hitlerjugend-Stammführer, der den Einsatz leitete, alle noch unter dem Eindruck des eben Erlebten stehend, unternahmen nicht den geringsten Versuch die beiden zurückzuhalten. Thomas hatte große Mühe, gegen die Sturmböen ankämpfend, die hier über dem Fluß heftig tobten, Franz einzuholen, der ohne zurückzuschauen voranhetzte.
Hintereinander hasteten sie auf die Brücke, erst in der Mitte trafen sie zusammen. Der Zufall hatte es gefügt, dass die zwei Nachbarjungen diesen langen und außergewöhnlichen Tag, es war ein Freitag, vom Morgengrauen an, zusammen erlebten. Die beiden wohnten zwar mit ihren Eltern in einem Mietshaus, an der ruhigen, von Ahornbäumen gesäumten Straße, westlich der Brücke, ihre Wege aber waren meist getrennt, so sehr sie auch in ihrer Freizeit zusammenhingen. Thomas besuchte das humanistische Gymnasium in der Stadt, Franz dagegen war Lehrling an einem Institut der Universität geworden, da er es auf der Oberschule nicht lange ausgehalten hatte.
Die zwei Freunde gehörten auch verschiedenen Einheiten der Hitlerjugend an. Thomas, war Mitglied der Feldschergefolgschaft, der Sanitäter, Franz aber leistete Dienst bei der Marine-Hitlerjugend, die in der Vorstadt, wegen der Übungsmöglichkeiten, die der nahe Fluss bot, ihren Standort hatte. Der stundenlange, aussichtslose Kampf gegen das Feuer, die Rettungsaktionen an denen sie beteiligt waren, hatten die Knaben gezeichnet. Ihre Gesichter waren verrußt, ihre Haare angesengt, sie waren verschwitzt und ihre Uniformen verdreckt. Es war wohl der Drang etwas zu unternehmen, der Ohnmacht zu entkommen und auch der Wunsch sich ein Bild von der Lage, nach diesem schweren Luftangriff, zu verschaffen, der die Freunde zu diesem spontanen Vorstoß trieb. Auch Abenteuerlust und Neugier spielten mit, gepaart mit der Ahnung Zeugen eines wahnwitzigen, einmaligen Geschehens zu sein.
Würzburg ging im Feuer unter
Jetzt, da sie aus der Enge der Gassen des Mainviertels heraustretend, räumlich Abstand zum Erlebnis der letzten Stunden gewannen, wurde ihnen, durch den umfassenden Ausblick, der sich von der Brücke auf die Stadt bot, erst das ganze Ausmaß der hereingebrochenen Katastrophe bewusst. Sie mussten mit Entsetzen erkennen: die Altstadt jenseits des Flusses hatte sich in ein einziges Flammenmeer verwandelt, genauso aber auch das Mainviertel zu Füßen der Burg, in dessen Gassengewirr sie die letzten Stunden helfend und rettend und doch ohnmächtig, verbracht hatten.
Würzburg - ihre Stadt, ging im Feuer unter. Mehr stolpernd als laufend, stets in Gefahr von den heißen, heulenden, tobenden, Luftmassen umgerissen zu werden, schafften es die Freunde bis zum stadtseitigen Brückenkopf zu kommen. Dort versperrte ihnen ein metertiefer Bombentrichter den weiteren Weg. Das gusseiserne Brückengeländer war hier, wie von einer gigantischen Faust weggefegt, nur die Pfeiler, an denen die Geländerfelder befestigt gewesen waren und geknickte Lichtmaste, von denen die Oberleitung der Straßenbahn in wirrer Verknäuelung herabhing, markierten den Absturz zum Fluss. Bizarr verdrehte Fragmente der Straßenbahnschienen ragten skelettgleich über den Kraterrand, Pflastersteine und aufgeworfener Sand übersäten die Fahrbahn. Die Freunde verharrten, durch den Trichter am Weitergehen gehindert, am Ostende der Brücke; der unerwartete Aufenthalt verschaffte ihnen Gelegenheit etwas zu verschnaufen.
Eine Ewigkeit schon, so schien es Ihnen, waren sie dem beißenden, stinkenden Qualm ausgesetzt, der sich wie eine Decke über den Talkessel gelegt hatte, die Atemluft verdrängte und sich in Nasen und Bronchien festsetzte. Noch wochenlang verfolgte sie dieser Brandgeruch. Selbst oben auf der Brücke fiel das Atmen schwer, denn das Flammenmeer riss gierig allen Sauerstoff, der vom Fluss her und von den Rebhügeln im Norden in Kaskaden herabstürzte, an sich und verursachte einen tobenden Sturm. Die Lungen der beiden Jungen brannten und stachen, manchmal glaubten sie ersticken zu müssen, wenn eine Hitzewelle anbrandete und ihnen den Atem verschlug und sie fast umwarf.
Inzwischen hatte der mit prasselnder Wut über der Stadt tobende Feuersturm längst Orkanstärke erreicht, die zuerst einzelnen Brandherde waren schnell zusammengewachsen, die ganze, eng bebaute Innenstadt mit ihrem mittelalterlichen Gassengewirr und teilweise Jahrhunderte alten Fachwerkhäusern, wurde ein Raub der Flammen. Es fiel den Jungen immer schwerer, sich gegen die anstürmenden Luftmassen zu behaupten und sich auf den Beinen zu halten. Funken stoben durch den Qualm und es schneite verkohltes Papier und Asche. Auch ohne das Hindernis des Trichters wäre der weitere Weg ins Zentrum unmöglich gewesen.
Eine Rauch- und Feuerwand, aus der Flammenzungen schossen, nahm die Sicht, markierte die Altstadt und verhinderte jedes Weiterkommen. Die beiden, die bisher noch kein Wort gewechselt hatten, kehrten um, kletterten langsam über die Trümmer und erreichten wieder die unversehrte Brückenmitte. Dort blieben sie gebannt stehen. Die brennende Stadt war von hier oben, wie von einem Logenplatz aus, zu überblicken. Voll Entsetzen beobachteten die Freunde das höllische Schauspiel - es war ein schrecklicher, phantastischer und in seiner Furchtbarkeit auch grandioser Anblick. Die weit über tausend Jahre alte Stadt, ihre Vaterstadt, in der sie geboren worden waren, in der sie Kindheit und erste Jugend verbracht hatten, in der sie fast jede Gasse wie ihre Hosentasche kannten, ging in einem Höllenfeuer zu Grunde, verbrannte in der apokalyptischen Glut, die abertausende Brandbomben entfacht hatten.
Flüchtende klammerten sich an ihre letzte Habe, einen Koffer, ein Paket, einen Vogelkäfig
Thomas überfiel plötzlich, im Angesicht des Unheiles, ein schrecklicher Gedanke: Während sie beide in einiger Sicherheit auf der Brücke standen, fanden unten im Flammenmeer, zur selben Zeit, sicher unzählige Menschen - unter ihnen vielleicht Freunde, Bekannte, Verwandte - einen schrecklichen Tod in den Kellern oder bei der Flucht in den Gassen. Sie erstickten, wurden erschlagen, zerfetzt, verbrannten. Da fiel ihm auf, dass fast keine Menschen zu sehen waren - nur kleine Gruppen fanden unten, am Flussufer, den rettenden Weg aus der Flammenhölle. Sie trugen Kinder auf den Armen, führten sich an der Hand oder stützten sich gegenseitig. Manche der Flüchtenden klammerten sich an ihre letzte Habe, einen Koffer, ein Paket, einen Vogelkäfig. Merkwürdig war, daß sie keine Anzeichen von Panik zeigten. Sie wirkten von oben gesehen, vor der Feuerkulisse schemenhaft und schienen unendlich müde, abgekämpft, fast in ihr Schicksal ergeben zu sein.
Da musste Thomas auch an die vielen Tiere in der Stadt denken, an die Vögel, an die Hunde und besonders an die zahllosen Katzen, Mitbewohner in den Gassen und Häuser - unschuldig mussten diese Kreaturen das Schicksal der Menschen im Untergang teilen. Erst viele Jahre später fand Thomas das apokalyptische Schauspiel und die Schrecken dieser Nacht in den Höllenbildern des Hieronymus Bosch vorweggenommen, es schien ihm als hätte der Kümstler schon vor Jahrhunderten diese Katastrophe in einer prophetischen Schau wahrgenommen und in Kunstwerken dargestellt.
Links und rechts des Flusses wallte ein Qualm- und Feuermeer
Links und rechts des Flusses wallte ein Qualm- und Feuermeer. Die gesamte Altstadt innerhalb des Ringparkes, der sie hufeisenförmig umschließt, aber auch darüber hinaus, die neueren Stadtteile im Osten und Süden und das älteste Viertel der Stadt diesseits des Flusses, zu Füßen des Festungsberges, brannten lichterloh, waren rettungslos dem Untergang geweiht. Das Holz der Jahrhunderte alten Häuser gab dem, durch den Brandbomben-Regen entfachten, gierigen Flammen, reiche Nahrung und die engen Gassen der Altstadt beförderten die schnelle Ausbreitung der alles verzehrenden Glut und wurden für viele Bewohner zu Todesfallen. Immer wieder blitzten Explosionen auf, erschreckten durch ihr peitschendes, trockenes Knallen und die Weinberge, die den Talkessel säumten, warfen das Echo ihres Donners vielfach zurück.
Es waren Sprengbomben mit Zeitzündern, deren Detonationen wie Fontänen aus dem Rauchmeer hochschossen, das ausgeglühte Gemäuer weiter zermürbten und zum Einsturz brachten, aber vor allem die Rettungsmaßnahmen behinderten und damit ihren diabolischen Zweck erfüllten. Die Helme der vier Türme des Domes überragten wie Felsklippen die wabernde Rauchdecke, die über dem rotglühenden Flammenmeer lag und brannten wie züngelnde Fackeln.
Auch das höchste Bauwerk der Stadt, der Turm der Universitätskirche, durchstieß die Feuerbrandung und glühte wie ein Leuchtturm. Gleich einer Erscheinung glänzte über dem steinernen, filigranen Helm der gotischen Marienkapelle am Markt, der ebenfalls die Qualmschicht durchdrang, im Feuerschein des brennenden Daches, unversehrt die meterhohe vergoldete Marienstatue. Dieser Anblick erinnerte Thomas jäh an ein anderes Feuer, das an dieser Stelle vor vielen hundert Jahren getobt hatte, er hatte davon in einer Stadtchronik gelesen. Damals am Ende des Mittelalters zur Zeit der Kreuzzüge hatte die fanatisierte Bürgerschaft, das Judenviertel, das einst dort stand, wo heute der Marktplatz sich ausbreitet, bei einem Pogrom angezündet und mit ihm über tausend Bewohner, fast die ganze Judenschaft, den Flammen überantwortet. Die Bürger errichteten dann später auf diesem Platz ihre Bürgerkirche, die Marienkapelle - zur Sühne wird gesagt. War das vielleicht zu wenig gewesen? Ist diese Katastrophe ein Strafgericht? fuhr es Thomas mit Erschrecken durch den Kopf. Auf der linken Flussseite, über dem brennenden Mainviertel und der Dunkelzone der Weinberge, stand die Burg, die Festung, auf dem steilen Marien-Berg hoch über der Stadt, ebenfalls in Flammen. Auch dort brannte bereits lichterloh ein Teil der Dächer und die Kuppel des südlichen Turmes, während auf dem Marienturm, die vergoldete Statue ebenfalls unversehrt im Flammenschein glänzte.
Hilflos beobachteten die Jungen den Untergang ihrer Heimatstadt
Hilflos, mit ungläubigem Staunen, gleich zufälligen Zeugen eines schrecklichen Unglücks, beobachteten die beiden Jungen das Schauspiel des Unterganges ihrer Heimatstadt, eine ihnen zuvor nicht vorstellbar gewesene Katastrophe, die sie immer stärker gefangennahm. So, in sicherem Abstand, musste einst Kaiser Nero im alten Rom, den Brand seiner Hauptstadt beobachtet haben haben, die er selbst anzünden ließ, wie er im Lateinunterricht gehört hatte. Dieser Gedanke drängte sich Thomas im Anblick des schrecklichen Schauspieles auf. Er musste auch an den römischen Schriftsteller Plinius den Älteren denken, von dem der Professor im Gymnasium erzählt hatte, dass er durch Zufall von See aus den Ausbruch des Vesuvs erlebte und dabei den Tod fand.
Die Freunde konnten sich der Faszination, dieses von Menschen verursachten, aber mit der Urgewalt einer Naturkatastrophe über die Stadt hereinbrechenden Unheiles, nicht entziehen. Es fiel ihnen schwer, sich vom Anblick dieses in gleicher Weise erschreckenden, wie auch gefangen nehmenden, höllischen Dramas, loszureißen. Es war ein Schauspiel, das auf alle Sinne einstürmte: wo man hinblickte Feuermeer, züngelnde Flammen und Funkenregen, dazu eine unerträgliche Hitze, die auch über dem Fluss wie ein Hieb traf und die Haut versengte, dann der beißende Gestank des Brandes, der tosende Sturm, das Prasseln, der alles vernebelnde Qualm, das berstende Geräusch der Explosionen - und der Wiederschein dieses vollendeten Wahnsinns im unbeteiligt, träge, dahin strömenden Fluß.
So standen die beiden Jungen lange wie gelähmt auf der Brücke. Da wurde Thomas aus seinen Gedanken gerissen, als es in ohnmächtiger Wut aus Franz hervorbrach: Das waren die gottverdammten Engländer! Die machen die Nachtangriffe!“ Dann verstummte er wieder. Es waren die ersten Worte, die gesprochen wurden, seit die beiden die Brücke betreten hatten. Thomas entgegnete nichts, er schüttelte nur immer wieder den Kopf und dann nach einer Weile murmelte er: „Wahnsinn!“ - „Wahnsinn!“ - „Wahnsinn!“ – „Krieg ist Krieg!“ – „Krieg ist Wahnsinn!“ Und er dachte dabei an die bejubelten Wehrmachtberichte der ersten Kriegsjahre, die die Bombardierung feindlicher Städte und der Zivilbevölkerung mit Triumf meldeten. Nun hatte diese barbarische Kriegsführung sich gegen die deutschen Städte gekehrt. Da liefen in Thomas wie in einem Film die Ereignisse dieses ihm unendlich lange erscheinenden Tages ab, von dessen Morgen ihn nun eine untergegangene Welt trennte.
Noch am Morgen war die Stadt unversehrt gewesen
In der Dämmerung der frühen Stunde war die Stadt friedlich und noch fast unversehrt im Dunst des Vorfrühlingstages zu Füßen der Hitlerjungen gelegen, die am Rande eines Wäldchens über dem Talkessel an einer Volkssturmausbildung teilnehmen mussten. Die zahllosen Kirchtürme und Kuppeln beherrschten wie seit Jahrhunderten die Silhouette der Stadt. Das Wunderwerk der Residenz überragte im Osten das Häusermeer, der Gürtel des Ringparkes umfasste die Altstadt und das Silberband des Flusses, überspannt von den drei Brücken, glitzerte in der Morgensonne. Die Knaben hatten, ohne es zu ahnen, den Vorzug für viele Stunden, ja für einen ganzen, letzten Tag, dieses Bild in sich aufzunehmen, bevor es dann in der Nacht für immer im Feuersturm ausgelöscht wurde.
Doch irgend etwas fehlte, war nicht so wie früher, dieser Gedanke verfolgte Thomas während des ganzen Tages beim Anblick der Stadt zu seinen Füßen. Erst am Abend kurz vor Ende der Übung, als ein paar dünne Glockenstimmen vom Tal her tönten, wusste er, was er vemisste. Zu seinen frühesten Kindheitserinnerungen gehörte des Läuten der unzähligen Glocken von den vielen Türmen der Stadt. Er ging noch nicht in die Schule, da kam es ihm vor, dass die Glocken ununterbrochen ihre Klangkaskaden über die Stadt ausgossen, ihr Klang lag wie ein festlicher über der Stadt Würzburg und noch von keiner Pflicht in Anspruch genommen glaubte er, dass immerwährend Sonntag sei. Zu Anfang des Krieges mussten die meisten Glocken abgeliefert werden, da man ihr Metall zu Kanonen und Granaten umschmolz.
Da senkte sich der graue Kriegsalltag über die Stadt. Ihrer akustischen Qualität beraubt, war sie ärmer geworden. Zum Angelusläuten hatten vor dem Krieg alle Glocken sich zu einem Choral vereinigt, zu einem den Himmel bestürmenden Gebet. Nun hatte die Stadt ihre Sprache verloren. Es herrschte Karfreitagsstimmung, das war es, was Thomas an diesem Tag aufging. So war es immer am Karfreitag gewesen, zur Trauer über den Tod Christi verstummten bis zur Auferstehungsfeier am Karsamstag die Glocken.
"Sie sind nach Rom geflogen" sagte ihm die Tante. Der Tag hatte ruhig begonnen. Nichts deutete auf die Katastrophe hin, obwohl die Zeichen auf Sturm standen und das Unglück in der Luft lag. Die Minenangriffe der letzten Wochen hätten warnen müssen und vor allem der Sprengbombenangriff vor vierzehn Tagen. Erstmals waren da die Unheil verkündenden Christbäume am Himmel über dem Flusstal gestanden und die Bomben hatten wahllos Wunden in den Körper der Stadt gerissen. Auch einige hundert Tode waren zu beklagen. Da hatte sich erstmals Angst vieler Einwohner bemächtig und mit Sorge sah man jeder Nacht entgegen. Dazu kam die schreckliche Nachricht der Katastrophe von Dresden, die Schlimmes ahnen ließ. In der vergangenen Nacht hatte es, was damals selten war, keinen Fliegeralarm gegeben. Die fünfzehnjährigen Hitlerjungen der Marine-Gefolgschaft waren an diesem Märztag zur Volkssturmausbildung befohlen worden; nur wenige Tage zuvor hatte der Rundfunk gemeldet, dass ihr Jahrgang eingezogen würde. Um die Hitlerjugend organisatorisch in den Volkssturm einzubinden und sie in Eile notdürftig für den Einsatz als Hilfssoldaten auszubilden, waren Anfang des Jahres die verschiedenen Sondereinheiten der HJ aufgelöst und die Jungen nach Stadtteilen organisiert worden. Aus diesem Grunde gehörte nun Thomas zur Marinegefolgschaft und so kam es, dass er an diesem Morgen zusammen mit Franz zum Sammelplatz gehen musste.
Statt Schulunterricht gab es Nahkampfausbildung von der Waffen-SS
Schon Anfang Dezember des letzten Jahres war der Unterricht an den Schulen eingestellt worden. Hauptgrund war der Kohlemangel. Kohlenferien nannte man das, aber auch die wachsende Luftgefahr spielte bei dieser Maßnahme eine Rolle. Die Hitlerjungen wurden nun verstärkt zu vormilitärischer Ausbildung kommandiert und zu verschiedenen Hilfsdiensten herangezogen. Als im Januar Flüchtlingszüge aus Schlesien am Hauptbahnhof eintrafen, wurde Thomas zum Nachtdienst bei der Bahnhofsmission eingeteilt. BDM-Mädchen schmierten in der Baracke Brote, bereiteten Tee und brachten diese Erfrischung auf den Bahnsteig. Die Jungen halfen den Flüchtlingen aus den Zügen und schleppten deren Gepäck zu den Auffanglagern in nahe gelegene Schulen. Es spielten sich erschütternde Szenen ab. Die Flüchtlinge kamen aushungert und halb erfroren an, da die Züge nicht geheizt waren. Mütter suchten ihre Kinder, Kinder schrien nach ihren Müttern. Als Thomas einer alten Frau, die zu Verwandten in der Stadt wollte, den Koffer zum Tragen abnahm, bat sie ihn flehentlich unter Tränen, nicht so unmenschlich zu sein und ihr die letzte Habe zu rauben.
Nach den Minenangriffen im Februar und März wurde die Hitlerjugend eingesetzt um den Ausgebombten beim Bergen von Hausrat und bei der Evakuierung zu helfen oder sie in Notaufnahmelagern, wie dem Hofbräukeller, zu versorgen. Thomas sah bei einem solchen Einsatz seine erste Kriegsleiche. Nahe der Promenade, die zum Alten Kranen führt, war eine Luftmine explodiert und hatte ein Stück der Altstadt in der Nähe des Marktplatzes in Trümmer gelegt. Thomas kam beim Bergen von Möbelstücken aus einem stark beschädigtem Haus, als man gerade den Schutt der Gasse räumte und dabei auf die Leiche einer bisher vermissten älteren Frau stieß, die, die Trümmer erschlagen hatten. Er konnte sie genau betrachten. Der Kalkstaub des geborstenen Mauerwerkes hatte ihre Kleidung merkwürdig grau verfremdet, sie wirkte wie schlafend, nur aus den Haaren bahnte sich eine Blutspur den Weg über das Gesicht. Es sah so aus als hielte sie sich an ihrer Handtasche fest - da musste Thomas an seine Mutter denken.
An diesem Tag des Verhängnisses, im Monat März, mussten die Jungen schon früh am Morgen antreten und marschierten noch in der Dämmerung hinauf auf den Höhenrücken, an dessen Hang das Käppele, das Marienheiligtum mit der barocken Wallfahrtskirche steht. Von dem sonst üblichen Singen von Marschliedern wurde wegen der frühen Stunde abgesehen. Verpflegung für den Tag mussten die Hitlerjungen von zu Hause mitbringen. Oberhalb des Klosters, etwas südlich, dort wo die Höhe jäh zum Fluß abfällt und die ganze Stadt ausgebreitet zu Füssen liegt, lagerten sie zwischen locker stehenden Kiefern und wurden von Ausbildern der Waffen-SS im Nahkampf ausgebildet, besonders aber in der Panzerbekämpfung mit der Panzerfaust unterwiesen.
Erste Veilchen blühten schon unter den noch kahlen Sträuchern, die bereits pralle Knospen zeigten, Amseln stöberten im alten Laub und Meisen turnten in den Zweigen. Die aufsteigende, sanfte Märzsonne wärmte die Jungen, während sie im dürren Gras saßen und beigebracht bekamen die Armeepistole 08 zu zerlegen, wieder zusammen zu bauen und zu handhaben. Doch das Hauptthema des militärischen Unterrichts war der Umgang mit der Panzerfaust. Die Knaben lernten diese Hauptwaffe des Volkssturmes scharf zu machen und wurden darin unterwiesen, wie man in Deckung auf feindliche Panzer lauert und diese dann aus günstiger Position abschießt. Lebenswichtig war dabei und Thomas prägte es sich gut ein, nach hinten freies Feld zu haben, denn diese Waffe, rückstoßfrei, verbrannte den Schützen, wenn die Explosionsgase nicht Abzug hatten. Die Panzerfaust war ein geeignetes Instrument in der Hand der künftigen Kindersoldaten - die Ausbilder wiesen ausdrücklich darauf hin und priesen dies als einen besonderen Vorzug, den frühere Generationen nicht gehabt hätten - schon in jungen Jahren, bei erfolgreichem Einsatz, zu militärischen Ehren zu kommen: Nach mehreren Abschüssen feindlicher Panzer war das Eiserne Kreuz sicher.
Gleich nach der Ankunft am Ausbildungsort wurden Thonas und ein anderer Kamerad, da sie beide schon einmal im Februar an einer Volkssturmausbildung teilgenommen hatten, hinunter in die Stadt geschickt, um aus dem Quartier der Hilfspolizei, gleich neben dem Bischofspalais, Übungswaffen zu holen. Verschlafen lag die Stadt im Morgenlicht, noch kaum vom Luftkrieg gezeichnet, als die beiden Hitlerjungen loseilten, um ihren Auftrag auszuführen. Würzburg war bis Anfang des Jahres von Angriffen fast verschont geblieben. Der Luftschutzkeller wurde von vielen Bewohnern nicht mehr regelmäßig aufgesucht, man fühlte sich in der Stadt sicher, daran konnten auch die Luftschutzwarte mit ihren Mahnungen und Strafandrohungen nichts ändern.
Englische Flugblätter wurden wie Autogrammkarten gesammelt und getauscht
Die Minen-Angriffe der letzten Wochen aber hatten die Selbstsicherheit der Einwohner erstmals erschüttert. Bis dahin hatte es seit Kriegsbeginn in der Stadt nur wenige Notabwürfe durch versprengte Flugzeuge gegeben. Es war dabei meist nur geringer Schaden angerichtet worden und nur wenige Menschenleben waren, Gott sei Dank, zu beklagen gewesen. Für die Schuljungen waren diese Bombenabwürfe eine Sensation und sie eilten scharenweise zu den Einschlagstellen um sich Trophäen wie Bombensplitter zu sichern, selbst Absperrungen konnten sie nicht zurückhalten. Auch das Sammeln feindlicher Flugblätter war beliebt. Diese aufzuheben und an sich zu nehmen wurde hart bestraft. Wie man aus der Zeitung erfuhr, war für Weitergabe von Flugblättern schon die Todesstrafe ausgesprochen worden. Trotzdem wurden sie eifrig aufgelesen und getauscht, so wie die Jungen zu Anfang des Krieges die Autogrammkarten ihrer Idole, der Ritterkreuzträger, gesammelt hatten. Auch Thomas hatte eine kleine Sammlung englischer Flugblätter in seinem Kuriositätenkabinet daheim auf dem Dachboden versteckt.
Viele Einwohner rechneten nicht mit der Zerstörung der Stadt
Viele Einwohner glaubten lange fest daran, dass ihre Stadt vom Krieg verschont bleiben werde - dass der Feind je die Stadt erobern und besetzten könnte, hielt kaum jemand für möglich, vor allem nicht zu Anfang des Krieges, als die Kampfhandlungen siegreich, weit ins Feindesland getragen wurden. Die Frommen unter den Bürgern der überwiegend katholischen Bischofsstadt, vor allen die Frauen, erhofften Schutz durch die Gottesmutter Maria, die ja seit alter Zeit die Patronin von Land und Stadt war und die den Ehrentitel ”Herzogin von Franken” führt. Ihr überlebensgroßes Standbild auf der Alten Brücke war neben den Figuren der anderen erlauchten Schutzheiligen, von St. Kilian und St. Burkard über Karl den Großen bis zu Johannes von Nepomuk, ein sichtbares Zeichen, dass die Stadt unter himmlischem Schutz stand.
Unzählige Madonnenfiguren schmückten die Häuser der Innenstadt. Und sangen die Gläubigen nicht oft und jetzt in der bedrohlichen Kriegszeit besonders inbrünstig, bei Wallfahrten und in den vielen Kirchen der Stadt und flehten so den Schutz der Himmlischen herab auf ihre Stadt: ”O himmlische Frau Königin, du aller Welten Herrscherin! Du Herzogin von Franken bist, das Herzogtum Dein Eigen ist. Darum, O Mutter, deine Hand, halt über uns im Frankenland” Die Himmelsfürstin und Schutzherrin hatte einst ja auch die Schweden abgewehrt, als diese von der gegenüber liegenden Burg, den Berg mit der Wallfahrtskirche, die ihr geweiht war, unter Beschuss nahmen, so hatte es Thomas erzählen gehört. Am Aufgang zum Marienheiligtum, dem vielstufigen Stationsweg, kann man an einem Treppenabsatz, in einem Stein noch den kräftigen Fußabdruck der Himmelsfürstin sehen, den sie damals hinterlassen hatte, als sie den Feinden zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges machtvoll entgegentrat.
Auch Thomas hatte mit ehrfürchtigem Schauer schon öfters, wenn er mit seiner Tante zur Wallfahrtskirche hinaufging, seinen Fuß in die Fußspur der Gottesmutter gestellt - das sollte gut gegen Fußleiden sein - und der Stein war der sichtbare Beweis, für den besonderen Schutz den die Stadt genoss, wie die Tante mit Überzeugung erklärte. Auch aus einer profanen Legende schöpften manche die Hoffnung, dass die Stadt unversehrt das Ende des Krieges sehen werde. Winston Churchill, der englische Regierungschef und Hitlers erbitterter Gegner, soll einst, vor dem ersten Krieg, so wurde flüsternd erzählt, an der hiesigen Universität studiert haben. Und eingedenk einer Jugendliebe, die er hier fand und der er, wie manche mutmaßten, ein Kind hinterließ, soll er die Stadt unter seinen persönlichen Schutz gestellt haben. Man glaubte sogar das Stelldichein des Paares zu kennen, einen früheren Gutshof und jetzt eine beliebte Ausflugsstätte in der Flussaue am nördlichen Rande der Stadt.
Viele waren sich auch sicher, dass das reiche Kulturerbe: die unzähligen Kirchen und bedeutenden Bauwerke, wie die Residenz, aber auch die wertvollen Kunstschätze aus vielen Jahrhunderten, die, die Stadt zierten und zu einer der schönsten im Lande machten, diese vor Zerstörung schützen würde. Auch wegen der zahlreichen Krankenhäuser mit dem Roten Kreuz auf den Dächern, glaubten viele Einwohner - auch hier war der Wunsch der Vater des Gedankens - Würzburg sei als Lazarettstadt gegen Zerstörung gefeit. Dazu kam, dass das fast völlige Fehlen von Industrie in der Universitäts- und Schulstadt, ein Umstand der die Stadt, wie man gerne glaubte, zu keinem lohnenden, kriegswichtigen Ziele machte. Für die Verschonung der Stadt sprach auch, man klammerte sich an jeden Hoffnungsstrahl, dass sie in der Mitte des Reiches gelegen, als eine der wenigen fast heilen Großstädte, überfüllt mit Flüchtlingen aus Westen und Osten war und deshalb von der Reichsführung, so ging ein Gerücht, zur offenen Stadt erklärt worden sei und so keine Luftangriffe zu befürchten habe.
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