Die Gefangenschaft - ein Ende des Schreckens? (von Otto Blank)
Wir rissen aus unserem Wagen die Funkgeräte heraus und warfen sie in den Wald. Als ich auch meinem Gewehr das Schloss nahm und in einen Teich schleuderte, war ich gleichsam schadenfroh über den Schießprügel: Ich hatte keinen einzigen Schuss aus ihm abgefeuert...
Unsere Division wurde im Frühjahr 1945 mit noch vielen anderen Einheiten von den Alliierten im sogenannten Ruhrkessel eingeschlossen. Das Panzerregiment verdiente wegen der zahlreichen Ausfälle schon gar nicht mehr seinen Namen, und die beiden motorisierten Regimenter verfügten nur noch über einen Teil ihrer Fahrzeuge. Diese hatten zuletzt aber doch genügt, die durch große Verluste zusammengeschmolzenen Mannschaften nicht alle zu "Fußlatschern" werden zu lassen.
Damals war ich Funktruppführer bei einem Regimentsnachrichtenzug. Mit dem Fahrer und den beiden Funkern bildeten wir zwar eine sehr kleine Gruppe, die aber doch ein ziemliches "Eigenleben" führen konnte, da wir auf der Außenstelle bei einem Bataillon keine "ortsnahe" Kommandostelle über uns hatten.
Wir befanden uns etwas abseits in einem kleinen Tal. Schon seit einigen Tagen waren die Kampfhandlungen fast eingestellt. Man wartete gewissermaßen auf die Gefangennahme. Ein "Kampf bis zur letzten Patrone", wie er von selbstaufopfernden Soldaten berichtet wird, wäre sinnlos gewesen, und ein Befehl dazu wäre wohl kaum beachtet worden. Man war nicht nur kriegsmüde, sondern hasste geradezu einen Kampf, der das Ende nur noch verschlimmern könnte. Hatten wir nicht vor kurzem von der Bombardierung und totalen Zerstörung deutscher Städte gehört? Zu meinem großen Schmerz war auch Würzburg, die Hauptstadt unseres Regierungsbezirks, im Bombenhagel untergegangen. Zwei Onkel von mir waren dort ansässig. Was war mit ihren Familien geschehen? Mein Herz kannte nur einen Schrei: "Aufhören, aufhören!"
Wir rissen aus unserem Funkwagen, der aus einem französischen Beutefahrzeug umgebaut worden war, die Funkgeräte heraus und warfen sie in den Wald. Ein "Funker" machte sie mit ein paar Gewehrschüssen unbrauchbar. Dann vernichteten wir unsere Waffen. Als ich auch meinem Gewehr das Schloss nahm und in einen Teich schleuderte, war ich gleichsam schadenfroh über den Schießprügel: Ich hatte keinen einzigen Schuss aus ihm abgefeuert.
Zu uns hatten sich nach und nach noch einige Kameraden geschart, die mit uns abwarten wollten. Als sich endlich nach zwei Tagen die Amerikaner näherten, gingen wir ihnen entgegen, wobei einer eine kleine weiße Flagge trug, die er aus einem Stofffetzen und einem Stecken gemacht hatte. Die Amis grinsten, als sie uns bereits entwaffnet sahen. Sie winkten uns weiter nach hinten, ohne uns zu durchsuchen oder uns unsere dick gepackten Wäschebeutel abzunehmen.
Bald trafen wir auf weitere Posten, die damit beschäftigt waren, die Gefangenen zu Gruppen zusammenzufassen und sie zum Lager (bei Iserlohn) zu führen. Doch dieses war nichts anderes als eine große Wiese, um die mehrere Panzerwagen zur Bewachung aufgestellt waren. Im Lager ging die Parole um, von unserer Division solle sich jeder bei seiner früheren Einheit einfinden. Das taten wir dann auch, ohne den Grund dafür zu kennen. Es hieß, dass von unserer Division noch fast 6000 Mann zusammengekommen seien. Das war immerhin ein Drittel der sogenannten "Friedensstärke". Vielleicht mag sich mancher Offizier gedacht haben: "So viele noch! Unsere stolze Division, die sich in Russland und Frankreich so tapfer geschlagen hat, besäße jetzt noch eine nicht zu verachtende Kampfkraft."
Für wohl alle Landser aber war die Gefangennahme das heiß ersehnte "Ende des Schreckens", und viele mögen geflüstert haben: "Gott sei Dank, dass wir noch einmal verschont geblieben sind! Jetzt können wir auch die berechtigte Hoffnung haben, wieder heimzukommen. In der Heimat werden wir uns ein neues Leben aufbauen."
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