Würzburg

Erinnerungen von Otto Blank: "Die Heimkehr der beiden Söhne"

Mit ihrem Mann war Mutter Anna in schwerer Sorge: Würden ihre beiden Söhne, die im Fronteinsatz standen, aus jenem unseligen Krieg, den Hitler angezettelt hatte, wieder nach Hause zurückkehren?
Immer wieder traf im Dorf die Schreckensnachricht ein, dass ein junger Soldat sein Leben habe lassen müssen, nach der offiziellen Mitteilung "für Führer, Volk und  Vaterland" gefallen sei, ein Spruch, den niemand als Trost, manche jedoch als Hohn auffassten. Würde man auch ihr, die doch nur eine besorgte Mutter war, eines Tages diesen nationalsozialistisch-patriotischen Spruch ins Gesicht sagen, auf den sie nicht einmal eine Antwort gewusst, geschweige denn zu  geben gewagt hätte.

So wartete Mutter Anna tagtäglich mit Sehnsucht auf Feldpostbriefe, die aber nur spärlich, in verschieden großen Zeitabständen und meist mit erheblicher Verspätung eintrafen. Nach längerer Zeit aber blieben die von Anton, dem älteren Sohn, gänzlich aus. Was war geschehen? War er gefallen? Kommt nun bald die erschreckende Nachricht? Zum Glück aber klopfte kein Offizieller (Bürgermeister oder Ortsgruppenleiter der Partei) an die Türe, sondern es kam ein Brief von der Fronttruppe, dass Anton vermisst sei. Eine Schreckensnachricht zwar, aber nicht so schlimm wie die vom "Heldentod", weil sie die Hoffnung auf die Rückkehr ja nicht ausschloss, die Heimkehr des Sohnes, der den elterlichen Hof einmal übernehmen sollte.

Andreas, der jünger war und sich längere Zeit auch in Russland befand, kam im letzten Kriegsabschnitt nach Nordfrankreich, wo sich nach der Landung der Engländer und Amerikaner die Kriegsfurie durch den weit überlegenen Materialeinsatz der "Feindmächte" in verlustreichen Schlachten austobte. Monatelang traf auch von ihm kein Lebenszeichen mehr zuhause ein. Doch dann kam er selber, sogar für vier Wochen: Genesungs- und Jahresurlaub. Der Abschied an die Front, die bereits in vollem Rückzug war, fiel Andreas schwerer als sonst.

Doch dann dauerte der Krieg nicht mehr lange. Aber zuvor kam Andreas noch in amerikanische Kriegsgefangenschaft, und wiederum gelangte keine Nachricht nach Hause. Mutter Anna war verzweifelt: Sollte nun auch die Rückkehr des jüngeren Sohnes, kurz vor dem ersehnten Kriegsende, in Frage gestellt sein?

Andreas Blank
Sieben Wochen nach Kriegsende, also verhältnismäßig früh, konnte Andreas heimkehren, bevorzugt als Sohn eines Landwirtes. Die Freude seiner Eltern war sehr groß. Aber er musste erkennen, dass sie durch die viele Arbeit und die drückenden Sorgen, besonders um Anton, alt und müde geworden waren. Mutter war außerdem krank. Wie sollte Vater mit den zwei kaum erwachsenen Töchtern alle Arbeiten auf dem Hof erledigen? Vor dem Krieg hatte Andreas das Gymnasium besuchen dürfen. Doch jetzt lag das Bildungswesen in Deutschland noch gänzlich darnieder, und die Universitätsgebäude der nahen Stadt waren durch Bombenangriffe völlig zerstört. Ihr Aufbau war vorerst gegenüber dem Wohnungsbau sicherlich zweitrangig. Also entschloss sich Andreas, Bauer zu werden, wenn auch nur vorübergehend. Die verschiedenen Arbeiten kannte er ja schon aus seiner Jugendzeit. Doch hatter er noch viel zu wenig Übung. Aber mit Hilfe von Vater und den beiden Schwestern blieb auf dem Hof nichts liegen. Er dachte oft an seinen vermissten Bruder und wünschte nichts sehnlicher, als dass Anton bald heimkehre und den Betrieb übernehme, auf den er sich durch die Landwirtschaftsschule kurz vor dem Krieg bestens vorbereitet hatte.

Der Gesundheitszustand der Mutter wurde bald bedrohlich, und sie musste ins Krankenhaus der nächst größeren Stadt, das zum Glück nicht zerstört war. Die Behandlung der Krebserkrankung, die die Ärzte festgestellt hatten, dauerte längere Zeit. Andreas fuhr an jedem Sonntag die anstrengende Strecke mit dem Fahrrad in die Stadt, wozu er zwei Stunden brauchte und nach dem Besuch der Mutter musste er nochmals die gleiche Zeit in die Pedale treten. So war er auch am Sonntag müde und konnte sich nicht zu der anderen Dorfjugend begeben, die in einer Wirtschaft wieder die ersten Versuche zur Geselligkeit machten, in dem ein junger Ziehharmonikaspieler zu Gesang udn Tanz aufspielte.

Der Sommer 1945 verging so unter schwerer Arbeit, die mit Hilfe einiger Tagelöhner und Flüchtlinge bewältigt wurde. Im Herbst durfte Mutter Anna wieder nach Hause, aber arbeiten konnte sie kaum, bemühte sich jedoch sehr, im Haus das ein oder andere zu tun. Als es bereits auf den Winter zuging und die Arbeit auf dem Hof nachließ, erfuhr Andreas, dass an der Universität (Neue Universität Würzburg am Sanderring) wenigstens die philosophische Fakultät wieder eröffnet werde. Er ließ sich sofort einschreiben. Zum Glück konnte er bei einer Tante in einem Vorort der Stadt ein kleines Zimmer bekommen. Noch bevor auf dem Hof die Frühjahrsarbeit in vollen Gang kam, hatte er das erste Semester seines Studiums gut hinter sich gebracht.

An den Wochenenden und in den Semesterferien war Andreas wieder Bauer, besonders dann im Sommer, wenn die Arbeit der Heu- und Getreideernte drängte. Auch wa im Herbst zu tun war, dazu konnte er wesentlich helfen. Todmüde trug er da die schweren Kartoffelsäcke in den Keller und lud die Fuhren mit Futterrüben ab.

Eines Nachmittags wollte er eine Fuhre Mist zu einem Stoppelfeld bringen. Als er auf dem ansteigenden Weg die Kühe verschnaufen ließ, kam eine ältere Frau auf ihn zu und sprach ihn an: "Du, Andreas, ich muss dir mal was sagen. Auf euren Anton braucht ihr fei nicht mehr zu warten. Ich habe kürzlich von einem Heimkehrer erfahren, dass er das Grab mit dem Namen von eurem Anton gesehen habe, bei einer Stadt in Russland. Ich weiß aber nciht mehr, wie diese heißt." Andreas erschrak und sagte nach einer Weile: "Was ihr da erzählt, das glaube ich nicht. Es gibt sicherlich öfters den gleichen Vornamen zusammen mit unserem Familiennamen." Die Frau nickte mehrmals mit dem Kopf, was mehr als Bekräftigung ihrer Worte dienen sollte und meinte: "Ich will es dir ja nur gesagt haben. Deine Eltern brauchen also nicht mehr zu warten, und du kannst dann auch nciht weiterstudieren." Andreas entgegnete nichts mehr und trieb die Kühe zum Weiterfahren an. Doch die Worte der Frau hatten ihn tief getroffen. Und nahm sich vor, vorerst nichts von dieser unleidigen Begegnung zu erwähnen, aber er erkundigte sich genauer über jene Frau und erfuhr, dass sie selbst einen Sohn im Krieg verloren hatte. (...)
Anton Blank


Es dauerte noch einige Zeit, in der Andreas von jener schlimmen Mitteilung gequält wurde: Könnte sie nicht doch auch wahr sein? Doch plötzlich kam für Mutter Anna eine freudige Nachricht durch eine Postkarte aus einem Gefangenenlager in Russland. Zu einem kurzen aufgedruckten Text waren auch ein paar Zeilen von Anton darauf geschrieben, es gehe ihm gut und er hoffe, bald heimzukommen. Mutter Anna lebte richtig auf. (...)

In längeren Abständen traf nun Post von Anton ein und er durfte auch kurze Antwort bekommen auf einer abgetrennten Postkarte. Die Zeit des Wartens wurde nun noch einmal zu einer Nervenprobe. Anna musste wieder ins Krankenhaus zu einer schweren Operation. Doch sie überstand diese durch ihren neuen Lebensmut. Fast ein halbes Jahr nach seiner ersten Nachricht kehrte Anton heim. Er sah geschwächt aus, aber er war gesund. Anna war überglücklich: "Ich werde ihn schon wieder zu Kräften bringen!"

Sie wandte ihre ganze Sorge ihm zu, obwohl ihr die Ärzte nur noch einige Monate zu leben gaben. Doch was bedeutete dieses Wissen gegen die Freude, erleben zu dürfen, dass nun doch ihre Söhne, alle beide, heimgekehrt waren...







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