WIr mussten unsere Suppe mittags immer sehr leise löffeln, damit mein Vater auch alles verstehen konnte - in Englisch. Die Nazi-Propaganda hat meinen Vater daher wenig beeindruckt. (...) Es gab die Reichsmark, riesige Scheine. Meine Mutter hatte eine ganze Tasche voll davon, und kam mit einem kleinen Laib Brot nachhause. Schon ein sichtbares Zeichen der Regression im Hitler-Deutschland. (...) Wenn meine Mutter eingekauft hatte, ging sie immer den längeren Weg durch die Allee nach Hause, damit sie niemanden mit dem Hitler-Gruß mit ausgestrecktem Arm grüßen musste. Sie sagte immer: "Diesen Verbrecher grüße ich nicht!"
Mein Vater machte sich Sorgen um sie, dass irgendein Nazi sie anzeigen würde. Ich war inzwischen sechs Jahre alt, mein Bruder drei. Das neue Schuljahr ging im Herbst an. (...)
Nun gab es regelmäßig Fliegeralarm - oft nachts mit einer schrecklichen Sirene. Man hatte schon schwarze Blenden an den Fenstern. Ich habe mich manchmal auf unsere Dachterrasse geschlichen um die Flugzeuge zu sehen. Das waren schon die Amerikaner. Der Krieg war zu Ende! Dann standen eines Tages Panzer vor der Türe. Was für Ungetüme! Ich hatte noch nie einen Panzer gesehen! Gerolzhofen sollte sich ergeben. Jemand rannte zum Rathaus. Einige Männer, wohl alle Nazis, wollten kämpfen. Eine schlaue Frau hat sie alle eingesperrt und ist mit ihrem weißen Taschentuch an einem Stock befestigt, zu den Amerikanern gegangen. Es stand nun ein Offizier da und hat ihr den Stock abgenommen. Gerolzhofen hatte sich ergeben!
Die Panzer begannen langsam über die Bahnschienen zu fahren. Sie hatten ganz oben auf dem Panzer einen kleinen Turm. Dort saß ein Soldat. Er hat uns Kindern zugewinkt und Kaugummis heruntergeworfen. Auf der Straße vor unserem Haus stand ein Amerikaner und brüllte: "Alle auf die Straße!" Der Offizier ging in unser Haus. Neugierig, wie ich war, bin ich hinter ihm hergeschlichen. Ich holte schnell meine Mutter aus der Küche und er fragte: "Wo ist Ihr Mann?" So hat sie ihn zu meinem Vater auf den Dachboden gebracht, wo er am herumbasteln war. Er war gar nicht überrascht, sondern hat den Offizier in Englisch begrüßt. Ich hatt mich hinter einem Balken versteckt. Was ein Zufall, der Amerikaner war auch Hobbyfotograf und bestaunte die Leica meines Vaters. Dann haben sie wohl gefachsimpelt. Mein Vater hat ja auch die Bilder selbst entwickelt. Ich bin nach unten gerannt, es gab Mittagessen.
Mein Mutter fragte: "Was machen die da oben?" Ich sagte: "Ich glaube ich sagte etwas mit Fotografieren." Später kamen sie alle beide herunter, der Offizier verabschiedete sich von meiner Mutter mit "Auf Wiedersehen!" Mein Vater und er schüttelten sich lange die Hand - wie zwei Freunde. Seit dieser Erfahrung mochte ich die Amerikaner.