Schweinfurt

Papa, was sind Nazis? (Leserbeitrag von Hedwig Tauber)

Nun begegnete man öfter Männern in so braunen Uniformen, die keine Soldaten waren, aber mächtig viele Befehle erteilten. Sie waren bei der SA, hieß es. Unser Hauptlehrer war ihr Vorgesetzter. Die Freunde meiner Eltern sagten hinter vorgehaltener Hand zu ihnen: " Nehmt euch bloß vor denen in Acht, überlegt euch gut, was ihr sagt."
Misstrauen machte sich breit unter den Leuten. Marie, die Freundin meiner Mutter, sagte zu ihr: " Der Hans soll aufpassen, wenn er seine Sender im Radio hört." Meine Mutter sah sie erschrocken an. " Meinst du wirklich, dass in unserer Nachbarschaft jemand den Hans verraten würde?"

"Der Schiffers Franz bestimmt, der tut sich doch in seiner neuen Uniform mordsmäßig aufspielen, der denkt, er ist jetzt wer." Am Abend erzählte Mama dem Vater von diesem Gespräch. " Da ist was dran, der Franz ist ein Nazi, der hält Hitler für einen Gott. Ich werde besser vorsichtig sein, wenn ich einen Feindsender abhören will." Mutter schnaufte erleichtert auf.

Wie Recht Marie mit ihrer Befürchtung hatte, der Schiffer könnte die Leute ausspionieren und anzeigen, wenn etwas seinem Ansehen nützte bei seinen Parteigenossen in der NSDAP, zeigte sich bald. Leider ließ mein Vater doch einmal einen unbedachten Satz über das" Tausendjährige Reich" fallen. Kurze Zeit danach hatte er den Stellungsbefehl in der Post., das hieß, nun wird er zur Wehrmacht eingezogen.

Ich habe furchtbar geweint. Die Angst, es könnte uns so gehen wie den Hartmanns, überfiel mich mit Macht. Er musste bald darauf nach Regensburg einrücken. Dort wurde er zum Funker ausgebildet und was sonst noch alles dazugehörte, um an der Front seinen Mann zu stehen. Ganz früh, als es noch dunkel war, musste er sich am Hauptbahnhof in Schweinfurt einfinden. Er wollte nicht, dass wir ihn begleiten, denn von den umliegenden Dörfern gab es damals keine Busverbindungen hin und zurück. Zum Laufen war es recht weit. Vater ließ sich zusammen mit anderen Kameraden hinbringen.

Am Abend davor legte er sich ein Bild von uns in seine Brieftasche. Aus unserem Haar schnitt er sich von jedem von uns eine Locke ab, die mit einem Bändchen versehen zum Bild gesteckt wurde. " So, nun habe ich euch immer bei mir."  "Denkst du mal an uns?" fragte ich. "Natürlich, abends bevor ich einschlafe und wenn es möglich ist, schreibe ich euch so oft es geht." Als ich zu Bett ging, sagte er zum Abschied: "Du bist ja schon ein großes Mädchen, du wirst nicht weinen. Ich schreibe gleich, wenn ich dort bin einen langen Brief und male dir auf, wie ich wohne. Nun schlafe gut und folge der Mama schön, wenn ich fort bin." " Ich verspreche es."

Am nächsten Morgen, als ich erwachte, war er schon lange abgefahren. Da habe ich dann doch geweint und Mama auch. So groß kann gar niemand sein, dass er nicht weinen muss, wenn er traurig ist. Als er fort war, konnte ich immer nicht einschlafen. Da musste mir meine Mutter oft das Lied vorsingen: , Alle Tage ist kein Sonntag ". Das half aber auch nicht, denn es endete: "wenn ich einst tot bin sollst du denken an mich, alle Abend wenn du einschläfst, aber weinen sollst du nicht. Es war alles so traurig.

Dann im Winter war es sehr kalt. Es durfte abends kein Licht mehr gemacht werden, ehe alles verdunkelt war. Da liefen Kontrolleure durch die Straßen und prüften, ob ja kein Lichtschimmer nach draußen drang. Die nun herrschende Stimmung bedrückte auch uns Kinder. Fröhliches Herumtoben im Hof war ja jetzt nicht mehr möglich. Bei Schnee fuhren wir wohl auf dem "Höperla" am Sportplatz Schlitten. Aber unsere Schuhe waren oft nicht dafür geeignet, wir mussten sie schonen, denn sie waren gleich durchnässt und am nächsten Morgen noch nicht wieder trocken. Ein anderes Paar zum Wechseln hatten wir ja nicht.

Abends war ich öfter alleine. Meine Mutter musste einen Kurs in Erster Hilfe absolvieren. Einmal war da so ein komisches Singen im Zimmer, weshalb ich mich sehr fürchtete. Als es aber an einem der nächsten Abende, an dem Mutter zu Hause war, wieder zu hören war, stellten wir fest, dass es die Wärmflasche war. So eine große, dicke Kupferwärmflasche, in der das Wasser wohl etwas zu heiß eingefüllt war. Da haben wir beide aber sehr gelacht über meine Ängste.

Sirenen heulen!

Aus dem Radio tönten Hitlerreden. Er sprach von den Siegen an der Front. " Wir werden alle ausradieren!" Das" R " ließ er immer so rollen. Aber Berichte darüber, dass feindliche Flugzeuge im Anflug waren, wurden auch gesendet. Immer öfter heulten die Sirenen. Das hieß, in den Keller gehen. Dann kamen schon Männer aus dem Krieg zurück mit nur einem Arm oder an Krücken mit nur einem Bein. Die waren froh, rausgekommen zu sein, wo andere den Tod erlitten haben. Viele andere Wunden, die von der Kleidung verdeckt waren, sah man ja nicht. Wie es in ihren Seelen aussah, davon sprachen sie nicht. Aber von einem erzählte man, dass er jede Nacht schreiend aufwachte und dann sich nicht mehr zum Schlafen hinlegen wollte, weil er Angst vor seinen Träumen hatte.

Fast in jeder Familie gab es schon Gefallene zu beweinen. Die Daheimgebliebenen lebten in ständiger Angst, wenn sie keine Nachricht von den Männern hatten. Es gab auch schon eine ganze Anzahl Vermisste. Mama hatte außer Papa und seinem Bruder auch vier ihrer eigenen Brüder im Feld. Manche in Russland, manche in Frankreich. Wo mein Vater hinbeordert werden sollte, wusste er noch nicht.



Diese Erzählung ist eine Schilderung der Kriegs- und Nachkriegsjahre aus der Perspektive
eines Kindes namens Anni, geboren 1935. Sie umfaßt den Zeitraum von Beginn des
Krieges 1939 bis zur Währungsreform 1948 und spielt in einem Dorf in Unterfranken,
Deutschland. Die Handlung beruht auf Tatsachen, nur die beteiligten Personen und ihre Namen sind frei erfunden. Mein Anliegen ist, der heutigen Generation unser Leben damals in Kriegszeiten zu überliefern.



| Kontakt | Über GESCHICHTE

www.mainpost.de