Überall auf den Feldern rings um die Ortschaften standen Fässer mit einer Masse, die nach dem Öffnen dichten Nebel erzeugte. Er roch furchtbar beißend und ließ alles Wachstum rings um die Fässer absterben. In klaren Nächten konnte man die Leuchtstrahlen der Flak sehen, die den Himmel auf der Suche nach Feindfliegern abstrich und sie dann beschoss.
Wir Kinder sammelten die Trümmerteile der Flieger und Bombensplitter ein, die wir als Altmaterial an einer Sammelstelle ablieferten. Obwohl wir gewarnt waren, Granaten oder Phosphorbomben, die nicht explodiert waren, zu berühren, haben Rudolf und Sebald das Verbot in den Wind geschlagen und an so einer Granate herumgebastelt. Plötzlich zerplatzte der Sprengkörper und Sebald, der am nächsten stand, wurde schwer verletzt. Rudolf hat es weniger erwischt. Er sauste heim, um Hilfe zu holen. Sebald lag lange im Krankenhaus und erst war es gar nicht sicher, ob er durchkommen würde.
Ein schönes Spielzeug war für uns das Plexiglas, welches anstatt Glas in den Flugzeugen verwendet wurde. Mit einem Brennglas aus einer Taschenlampe konnte man es mit Hilfe eines Sonnenstrahls zum Brennen bringen, leider stank es ziemlich giftig. An einen geregelten Schulbetrieb war jetzt kaum noch zu denken. Die Flieger kamen schon am Tag. Wer nicht weit heim hatte, durfte bei Alarm schnell heim laufen. Die anderen mussten in einen Gewölbekeller unter der Zehntscheune, die neben dem Schulhaus war. Wir Nachbarskinder hatten es eigentlich nicht weit heim aber immer öfter schafften wir den Weg nicht mehr, bevor wir die Flieger brummen hörten. Wir mussten im nächsten Bauernhaus Schutz suchen. Das war kein Problem, wir waren überall bekannt und willkommen.
Immer wenn ein Geschwader uns überflogen hatte, rannten wir weiter, bis zu einem Unterstand, den Soldaten gebaut hatten. Waren wir endlich zu Hause, fielen oft schon die ersten Bomben.
Ein russischer Zwangsarbeiter rettet Papa das Leben
Den schlimmsten Tag und die grausamste längste Nacht erlebten wir im Februar, den 24. auf den 25. im Jahr 1944. Der Angriff begann schon am Nachmittag, Stunde um Stunde kamen die Bomber. Mein Vater hatte Tagschicht. Er sollte eigentlich schon zu Hause eintreffen. Aber die Zeit verging und er kam und kam nicht. Wir hofften und beteten, dass er rechtzeitig aus der Fabrik herausgekommen sei. Wir steigerten uns in eine Angst hinein, kaum zu beschreiben. Dann endlich wurde die Falltüre unseres Bunkers aufgerissen und Vater stolperte halb tot herein.
Seine Kleider waren zerfetzt. Er war total verdreckt und blutverkrustet. Wir ließen ihn erst einmal zu Atem kommen und etwas trinken. Essen konnte er nicht, so fertig war er. Nachdem er sich etwas erholt hatte, fing er an zu berichten. Als die ersten Bomben fielen, rannte er aus dem Gebäude. Nur nicht verschüttet werden, war sein einziger Gedanke. Mit vielen anderen Menschen zusammen erreichte er den Zaun, den sie einfach niedertrampelten. Sie wollten alle raus aufs offene Feld.
Da rasten plötzlich scheu gewordene Pferde mit Wagen daher. Mein Vater sprang hinten auf und kam so gut ein Stück vorwärts. Dann spritzte vor ihm eine Fontäne vom Einschlag einer Phosphorbombe hoch, die Pferde bäumten sich auf, mein Vater wurde hinten vom Wagen geschleudert. Er muss das Bewusstsein verloren haben.. Als er wieder zu sich kam, bemerkte er, dass sich ein Russe an ihm zu schaffen machte, indem er ihm ständig auf den Rücken schlug. Er dachte: "Der macht mich jetzt alle". Aber weit gefehlt, der Russe löschte nur die Flammen auf seiner brennenden Jacke und riss sie ihm vom Leib, dadurch rettete er ihn sicher vor schlimmen Brandwunden.
,Es gibt doch noch gute Taten auf dieser schrecklichen Welt', dachte sich Vater. Dann zog der Russe meinen Vater ein ganzes Stück des Weges mit weiter. Als sie in die Nähe unseres Ortes kamen, trennten sich ihre Wege.