Hesselbach

Am Tag nach der Erstkommunion fiel der erste Schuss (1945)

Ende des Weltkriegs: Zeitzeugen aus Hesselbach und Hoppachshof erinnern sich an den Einmarsch der US-Truppen in ihre Dörfer

Es ist der Tag nach seiner Erstkommunion. Der neunjährige Walter Bötsch und seine ein Jahr jüngere Schwester Helga haben schulfrei. Vor ihrem Haus in Hesselbach sitzt der Vater im Arbeitskittel. Plötzlich zerreißt ein Schuss die Stille. Die Kugel bohrt sich durch den Ärmel des Arbeitskittels und bleibt in der Tür zum Schweinestall stecken. Es ist der 9. April 1945. Der Zweite Weltkrieg nähert sich dem Ende. US-Truppen rücken von Hoppachshof nach Hesselbach vor, dem Heimatort von Walter und Helga Bötsch.

„Mein Vater hatte viel Glück“, sagt Walter Bötsch heute, 64 Jahre später. Die Kugel trifft den Vater nicht, jagt lediglich durch die Jacke. „Ein Querschläger“, sagt Walter Bötsch. Seine Schwester Helga, die heute Schmitt heißt, meint, es sei der erste Schuss der US-Truppen gewesen, der im Dorf einschlug.

Seit Tagen marschieren alliierte Truppen unaufhaltsam vorwärts. Nach und nach werden die Dörfer in Unterfranken erobert und besetzt. An Montag, 9. April 1945, stoßen sie nach Hesselbach vor.

Schon in der Nacht habe es Schüsse gegeben, erzählt Helga Schmitt. Die Familie, die damals in der so genannten Gänsegasse, der heutigen Rhönstraße, lebte, suchte Schutz im Haus gegenüber, im Keller des Onkels. „Walter lag in seinem Kommunionanzug auf der Kartoffel-Lege“, sagt sie. Es war die letzte Nacht, bevor US-amerikanische Truppen das Dorf einnahmen.

Ottilie Harth war an diesem Abend auf dem Weg von Hesselbach nach Hoppachshof. Sie war bei Verwandten auf Kommunion in Hesselbach gewesen. Deutsche Truppen seien ihr auf dem Heimweg entgegengekommen, auf der Flucht vor den Amerikanern. Auch Reinhold Vollert kehrte von einer Kommunionfeier in Hesselbach nach Hoppachshof zurück. Ihm bot sich das gleiche Bild: Deutsche Landser auf der Flucht vor den Amerikanern. Ottilie Harth erinnert sich an Schüsse und Artilleriefeuer. Gefechtskörper seien nur wenige Hundert Meter entfernt von ihnen eingeschlagen. „Wir hatten einigen Dusel gehabt“, sagt die heute 86-Jährige.

Glück, das andere nicht hatten. Auch wenn es keine größeren Gefechte gab, sind doch Tote zu beklagen gewesen. Ein Mädchen kam in Hesselbach durch Artilleriefeuer ums Leben, ein Mädchen, das Kommunion gefeiert hatte, wurde erschossen, als es im weißen Kleidchen aus einem Keller über die Straße rannte. Außerdem seien mehrere deutsche Soldaten getötet worden, die noch versucht hatten, zu fliehen.

Durch den Beschuss der Amerikaner seien außerdem drei Scheunen in Flammen aufgegangen, erinnert sich Walter Bötsch. Die Löscharbeiten dauerten Stunden. Ende März seien in den Scheunen noch ein paar Hundert russische Kriegsgefangene gewesen, die wenige Wochen vor dem Einmarsch der US-Truppen abtransportiert worden wären, sagt er. Sie hätten das Feuer wohl nicht überlebt.

500 Einwohner zählten Hesselbach, Hoppachshof und Ottenhausen damals zusammen, sagt Bötsch, der ab 1966 Hesselbachs Bürgermeister gewesen ist, und später bis 1996 Oberhaupt der Großgemeinde Üchtelhausen. Nur wenige deutsche Soldaten seien an diesen letzten Kriegstagen noch in den Orten gewesen. So erwartete die US-Truppen kein großer Widerstand, weder in Weipoltshausen, noch in Hoppachshof oder Hesselbach. Die Soldaten rückten mit Panzern in die Orte vor, fuhren reihenweise Hoftore mitsamt der Türstöcke ein und durchsuchten die Häuser nach deutschen Soldaten.

Auch ihr Tor hatte ein Panzer durchbrochen und stand auf dem Hof. „Die Soldaten erlaubten uns Kindern, auf die Panzer zu klettern“, erinnert sich Walter Bötsch. Seine Schwester war vorsichtiger, gerade wegen der Afro-Amerikaner in der US-Armee. „Ich hatte fürchterliche Angst – ich hatte ja noch nie einen Neger gesehen.“ Dass ihr Bruder auf den Panzer geklettert ist, habe den Eltern gar nicht gefallen. „Sie hatten Angst“, sagt Bötsch. Schließlich kamen die US-Truppen als Feinde.

Die deutschen Soldaten, die noch im Ort waren, wurden abgeführt, die Waffen unbrauchbar gemacht. „Mehrere Soldaten waren auf Urlaub zu Hause in Hesselbach“, erinnert sich Bötsch. Einer von ihnen war Paul Schuler. Er war in Tschechien verwundet worden und auf Genesungsurlaub. „Über Lautsprecher wurden wir aufgefordert, uns bei den Amerikanern zu melden“, erinnert sich der heute 85-Jährige. Die Soldaten wurden zunächst in einen Garten in Hesselbach gesperrt und kamen dann über Ebertshausen, Bad Neustadt, Bad Kissingen und Worms nach Marseille in Kriegsgefangenschaft. Erst eineinhalb Jahre später, im September 1946, sei er wieder zurückgekehrt, erzählt Paul Schuler.

Die Zivilbevölkerung musste sich in der Gänsegasse sammeln. Schlimme Gerüchte machten die Runde. „Wir wussten ja nicht, was mit uns passiert“, sagt Helga Schmitt. Einige meinten, sie würden erschossen; andere vermuteten, sie würden vertrieben. Die Verständigung war schwierig. „Wer konnte denn schon Englisch?“, fragt Helga Schmitt. „Keiner.“

So musste die gesamte Bevölkerung eine Woche lang in der Gänsegasse bleiben, bis zu 16 Menschen lebten in dieser Zeit in einem Haus. „Raus durfte man nur zum Tiere Füttern und zum Melken“, sagt Bötsch. In den leerstehenden Häusern quartierten sich die US-Soldaten ein.

Etwa eine Woche lang, erinnern sich Bötsch und Schmitt, seien die US-Truppen im Dorf geblieben. Danach seien sie weitergezogen. Der Krieg in Hesselbach war vorbei. Und Walter Bötsch feierte noch einmal Kommunion – ein Jahr später, gemeinsam mit seiner Schwester.



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