Hammelburg

1989: Bananen und Schokolade (Leserbeitrag von Cornelia Mence)

Meine Erinnerungen an die Zeit der Wiedervereinigung: Von April 1989 bis April 1990 war ich als Erzieherin beim "Kissinger Kinder Bus – KiKiBu" beschäftigt, besetzt mit drei Betreuerinnen, die in den Gemeinden des Landkreises Bad Kissingen Spielaktionen durchführten.
 Der Bus hatte Spiel-, Aktions- und Bastelmaterialien an Bord und konnte so überall eingesetzt werden.

Als im Herbst 1989 die ersten DDR-Flüchtlinge aus Prag im Lager Hammelburg (das zum Landkreis Bad Kissingen gehört) ankamen, mussten alle Spieltermine in den Gemeinden abgesagt werden. Kinderbetreuung sollte vom "KiKiBu" im Lager Hammelburg angeboten werden, damit die Eltern Behördengänge erledigen, Kontakte zu Verwandten knüpfen, sowie Wohnung und Arbeit suchen konnten.

Ein Spielzimmer wurde dort zur Verfügung gestellt und war noch nicht mal ganz hergerichtet, als schon viele Kinder in den verschiedensten Altersstufen eintrafen. Manche Kleinkinder wurden weinend auf den Tisch oder Boden gesetzt, ohne die Möglichkeit nur ein Wort mit den Eltern zu wechseln. Alle Personen waren so aufgeregt, unsicher und heimatlos, eine Stimmung, die sich auch auf die Kinder übertrug. Mit manchen Kindern konnte man ein Gespräch beginnen, mit manchen spielen; andere beobachteten ihre Umgebung, weinten still oder laut. Einige Kinder wurden nach 30 Minuten abgeholt, andere blieben stundenlang. Es war ein ständiges Kommen und Gehen. Kaum kannten wir Betreuerinnen den Vornamen eines Kindes, war es schon wieder weg. Manchmal wussten wir gar nicht, wo man ansetzen sollte, denn die Kinder waren offensichtlich einen anderen Betreuungsstil gewohnt und konnten auch mit unseren "West-Spielen" nicht gleich etwas anfangen. Es wäre intensive Zuwendung erforderlich gewesen, die so schnell und anonym nicht zu leisten war.

An einem sonnigen Herbsttag brachten wir unsere Hüpfburg mit, damals "air tramp" genannt, die von allen Kindern begeistert angenommen wurde. Erste Gespräche mit Eltern am Rande der Hüpfburg fanden statt und bei ehrlicher Beantwortung von Fragen nach Arbeit, Schule, Wohnsituation oder staatlicher Hilfe konnte man die Enttäuschung der Fragenden am Gesicht ablesen.
Dann kamen für mich abschreckende und widerliche Stunden während der Kinderbetreuung im Lager Hammelburg. Es war wieder ein sonniger Herbsttag. Die Kinder tobten auf der Hüpfburg, die Eltern waren darum verteilt, sichtlich entspannter, als in den ersten Tagen und mit Zuschauen und lockeren Gesprächen beschäftigt. Plötzlich ein Ruf von Oben. Ein älterer Mann, warf aus dem Fenster im 1. Stock des Gebäudes Bananen auf die Kinder und Eltern herab. Entspannung verwandelte sich in Erregung und Anstrengung, Bananen zu fangen. Kaum hatte sich die Situation wieder beruhigt, die Bananen waren gegessen, so ertönte wieder ein Ruf von oben und es "regnete" Schokoladentafeln. Daraufhin lagen die Kinder auf der Hüpfburg und bissen in Schokolade wie in ein Butterbrot. Es wurden bei den Kindern und Eltern völlig falsche Vorstellungen geweckt, hinsichtlich Reichtum und Lebensart im Westen.

In dieser Zeit machte unter den Helfern im Lager folgender Satz die Runde: "Geh doch mal zur Kleiderkammer. Dort haben sie super Lederjacken. Kannst Dir eine aussuchen!" Auf meine Antwort: "Aber die Sachen sind doch für die Flüchtlinge." hieß es nur "Merkt doch eh keiner!" Nach knapp zwei Wochen war unser Einsatz im Lager Hammelburg beendet. Die Menschen hatten sich in alle Himmelsrichtungen zerstreut.


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