So gelang es uns im Herbst 1943, einen gemeinsamen Heimaturlaub zu organisieren. Dieser war allerdings so eingeschränkt, dass die Urlaubstage sich überschnitten und wir, so glaube ich mich zu erinnern,nur knapp zwei Tage alle drei zusammen verbringen konnten. Jeder hatte inzwischen andere Erfahrungen gemacht. Meine beiden Freunde waren an der Ostfront und hatten schon schwere Kampfhandlungen hinter sich. Mein Freund Eugen hatte eine Schussverletzung. Ich hatte eigentlich bei der Marine im französischen Hafen Brest nur einige schwere Luftangriffe überstanden; aber über unsere Kriegserlebnisse sprachen wir kaum. Wir freuten uns, dass wir uns treffen konnten, freuten uns über die herrlichen Spätsommertage, die unsere Stadt mit viel Licht überfluteten und uns in Würzburg fast glauben ließen, es herrsche tiefster Frieden.
An einem lauen Abend saßen wir lange auf der Brüstung der Alten Mainbrücke, bewunderten die große Scheibe des Vollmondes, freuten uns über die sich im Main spiegelten Sterne, die im leichten Wellengang des Flusses glänzten und flimmerten. Wir waren eben noch Romantiker. Wir redeten eigentlich nur über vergangene Zeiten, warum wir, nach meiner Erinnerung, kaum über die Zukunft sprachen? War es vielleicht schon eine Ahnung, dass es für uns so keine mehr geben würde? Ich weiß noch, am nächsten Tag brachten wir mit der Schwester von Heinz unseren Freund zum Fronturlauberzug, er musste zurück zu seiner Einheit. Als er uns aus dem Abteilfenster zum Abschied zuwinkte, sprang ich noch einmal schnell auf das Trittbrett des anfahrenden Zuges und steckte ihm eine Praline in den lachenden Mund. Das war mein letzter Freundschaftsdienst, fünf Monate später erhielt ich von seiner Schwester die Nachricht, dass mein Freund Heinz am 31. Januar 1944 in Rußland gefallen sei.
Es war auch mein letzter Aufenthalt in der Stadt, bei dem ich Würzburg nochmal in seinem al ten Glanz erleben konnte. Diesmal brachte mich mein Freund Eugen zum Zug, mit ihm traf ich mich noch einmal im Sommer 1944 für einen Tag in Fürstenwalde bei Berlin. Wie dieses Tref fen zustande kam, weiß ich nicht mehr. Dass auch er als junger Leutnant bei Rückzugsgefechten am 18. Februar 1945 noch gefallen ist, habe ich erst gegen Ende 1945 erfahren.
Ich hatte das Glück, im Januar 1945, noch in Königsberg/Ostpreußen nach Flensburg auf eine Schule abkommandiert zu werden. Nach erstem ruhigem Schulbetrieb wurde es schon Ende März und nach Hitlers Selbstmord, als sich die neue "Reichsregierung" mit Admiral Dönitz in Flensburg etablierte, hektisch. Einmal wurden wir mit Lastwagen an die Gegend um Lübeck gefahren. Wir sollten nach meiner Erinnerung einen britischen Durchbruch abfangen. Da wir als relativ junge Marineeinheiten kaum über infanteristische Erfahrung verfügten, wurden wir in kleine Kampfgruppen unterteilt, jeder mit einer Panzerfaust ausgerüstet. Ich hatte bis dahin nur einmal mit dieser Waffe auf eine Stahlplatte geschossen und kann mich noch gut an ein Schild daran erinnern: "Legst du sie an wie ein Gewehr, dann lebst du kurz darauf nicht mehr!" und einem erfahrenen, älteren Infanteristen unterstellt. Und auch hier hat mich wieder mein "Glück" begleitet. Als wir gegen englische Panzer vorgehen sollten, hat jener, in jeder Weise tapfere Oberfeldwebel, uns in einem kleinen Wäldchen sinngemäß aufgefordert: "Jungs,wir verhalten uns ganz ruhig, diesen Krieg gewinnen wir nicht mehr. Legt die Panzerfäuste weg!" Er war wirklich ein Held, dem ich und alle damals Beteiligten dankbar sind, denn er hat damit in jenen Tagen vielleicht unser Leben gerettet, aber seines für uns riskiert. Er hatte aber auch das Glück, dass die sechs oder acht jungen Menschen alle so intelligent waren und sich richtig verhalten haben. Ich darf gar nicht daran denken, was geschehen wäre, wenn wir bei uns einen Fanatiker gehabt hätten.
In dem damaligen Durcheinander ist unser "Versagen" auch weiter gar nicht mehr aufgefallen. Wir wurden einfach kurz darauf wieder, unter Tieffliegerangriffen zu einem neuen Einsatz nach Flensburg zurückgekarrt und sollten plötzlich die Stadt verteidigen. Dann sind wir nochmals durch die Minen verseuchte Ostsee geschippert und haben bis kurz nach Kriegsende versucht, möglichst viele Flüchtlinge nach Flensburg zu holen. In diesen Tagen war scheinbar niemand mehr für eine sinnvolle Koordination zuständig. Nach der Besetzung durch die Engländer konnten wir nur noch beobachten, wie die letzte deutsche Reichsregierung von britischen Soldaten abgeführt wurde. Bei all den Turbulenzen war es mir aber auch nicht möglich, mich per Radio über die Lage im Reich zu informieren. Von meinen Angehörigen erhielt ich wohl so gegen Ende Febr./Anfang März 45 Nachrichten. Ich hatte somit keine Ahnung von dem schweren Bombenangriff auf Würzburg am 16. März 1945. Darüber hat mich erst ein Würzburger informiert, den ich zufällig in einem englischen Entlassungslager traf.
Ende August wurden alle Soldaten aus Süddeutschland dann in einen Güterzug verladen. Wir sollten irgendwo in der amerikanischen Besatzungszone endgülig entlassen werden. Nachdem sich der Zug nach langer Fahrt und vielen Aufenthalten Unterfranken näherte, wurde mir klar, dass diese Reise über Würzburg gehen würde und bei einem neuerlichen Aufenthalt an einer Ortschaft kurz vor der Stadt kamen dann auch viele Bombengeschädigte und dort evakuierte Würzburger an unserem Zug vorbei. Ich habe aber erst jetzt Näheres über den katastrophalen Bombenangriff auf die Stadt erfahren. Allerdings wussten diese Menschen damals nicht, dass die Zellerau in einem zweiten Angriff, kurz vor Ostern ebenfalls zerstört wurde. Ich blieb so im Glauben, dass bei meinen Angehörigen alles unversehrt geblieben sei.
Als unser Zug am späten Abend langsam am zerstörten Hauptbahnhof vorbeifuhr, habe ich meinen Seesack aus dem Waggon geworfen, bin nachgesprungen und habe mich auf den Weg in die Zellerau gemacht. Meine erste Hürde war die gesprengte Luitpold- brücke. Dann lief ich einer amerikanischen Streife über den Weg, die mich, nicht einmal unfreundlich, auf eine bestehende Sperrstunde hinwies. Das war meine erste Begegnung mit amerikanischen Soldaten. Ich habe diese Nacht auf einer Parkbank im Glacis übernachtet, bis mich im Morgengrauen ein Hund weckte, der an dem Seesack schnüffelte, auf den ich meinen Kopf gelegt hatte. Der dazugehörige Besitzer sagte mir, dass ich über die Alte Mainbrücke gehen könne. Die Brücke wäre von den Amerikanern behelfsmäßig begehbar gemacht worden. Er sagte mir aber auch, dass die Häuser an der Maillinger-und Eiseneckstraße ebenfalls zerstört seien. Auf meinem Weg zur Alten Mainbrücke, wurde mir das Ausmaß der Zerstörung erst jetzt richtig bewusst. Nachdem ich über die Brücke mit den leicht beschädigten Heiligen gegangen war, erinnere ich mich noch, dass vor dem "Spitäle" zwei amerikanische Soldaten in bequemen Sesseln saßen und auf die dort herumfliegenden Tauben schossen. Auf meinem Weg durch die Zellerstraße über den Schottenanger und Nigglesweg wurde es mir immer mehr zur Gewissheit, dass ich das Haus, in dem unsere Wohnung war, nur noch als Ruine vorfinden würde.
Dem war leider auch so. Das Haus war volkommen ausgebrannt. Meine Schwester hatte allerdings schon eine Nachricht für mich an der Hauswand hinterlassen. Alle seien wohlauf und in Oberpleichfeld evakuiert. Ich fand auch noch ehemalige Nachbarn, die sich in einem Keller oder einer Waschküche unter der Ruine notdürftig eingerichtet hatten und die mir erzählten, dass meine Schwester und meine Mutter die Möglichkeit hatten, gleich nach dem ersten großen Angriff mit meinem Onkel und seiner Familie aufs Land zu ziehen. Man lieh mir sogar ein Fahrrad, eine Kostbarkeit in jenen Tagen, und so konnte ich umgehend meine Angehörigen unbeschadet erreichen. Das böse Abenteuer Krieg ging damit für mich vorläufig zu Ende.
Anmerkung des Autors, Otto Nöth:
Seit meiner Einberufung zur Marine Anfang 1942 habe ich eigentlich nie mehr in Würzburg gelebt. Ich war und bin der Stadt meiner Jugend aber nach wie vor sehr verbunden und habe mich bei meinen vielen Besuchen immer wieder gefreut, wie gut - von kleinen Ausnahmen abgesehen - der Aufbau dieser Stadt gelungen ist. Ich habe in meinem langen Leben viele Städte kennengelernt und wohne jetzt mit meiner Frau in Kassel. Aber Würzburg wird für mich immer die "schöne, fröhlich freundliche kleine Großstadt" bleiben.
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