Würzburg

Ein kleiner Junge trabt durch Würzburg (Leserbeitrag von Otto Nöth)

Mit meinen Eltern wohnte ich in der Eiseneckstasse in der Zellerau. Die Wohnung meiner Großmutter mütterlicherseits war in der Rote-Scheibengasse. Diese Sackgasse, die zwischen Dom und Residenz liegt, ist eigentlich eine Verlängerung der Ebrachergasse, der Eingang zu ihr war Ende der 20ger, Anfang der 30ger Jahre wie ein Flaschenhals links von der Bäckerei Pickel und rechts vom Kolonialwarenladen der Frau Kropp flankiert.

Die Gasse erweiterte sich dann leicht zu einem kleinen Hof in dem die Schlosserei Glos, die Glaserei Weiler, ein Schuhmacher ihre Werkstätten und die Weinkellerei Halbleib ein Lager hatten, sie endet(e) dann, wahrscheinlich auch heute noch, mit einer Treppe zur Kettengasse direkt am Studentenlokal „Zur Kette“.

Meine Schwester und ich gingen gerne mit der Mutter die Großmutter besuchen, denn das war für uns Kinder ein interessanter Ort, in dieser Gasse war immer etwas los und wir bekamen dazu auch jedes Mal von der Oma jeder ein 5 Pfennigstück manchmal auch 10 Pfennige, die wir dann immer bei der Frau Kropp in eine einfache oder in eine gefüllte Trix- Schokolade umsetzen konnten.

Einmal ist mir ein etwas missglückter Besuch in Erinnerung: Wir waren damals scheinbar noch recht klein denn unsere Mutter führte uns rechts und links an der Hand, wir gingen von der Bibrastraße kommend in Richtung Rote-Scheibengasse, als unsere Großmutter gerade das Geschäft der Bäckerei Pickel verließ. Sie sah uns und bemerkte, dass meine Mutter ihre Frisur inzwischen von einem Haarknoten, in den gerade in Mode gekommenen Bubikopf geändert hatte, darauf rief sie über die Straße: „Mit dieser schamlosen Frisur brauchst du mich erst gar nicht mehr besuchen!“ So streng waren damals noch die Sitten. Da aber meine Mutter auch zwei Schwestern hatte, musste unsere Großmutter dann doch der neuen Zeit Tribut zollen und alles hat sich schnell wieder eingerenkt.

Der Hin- und Rückweg zwischen der Wohnung meiner Eltern und der meiner Großmutter wurde damals, das war selbstverständlich, immer zu Fuß gegangen. Straßenbahn fahren war einmal zu teuer und auch unrentabel, da man sowieso bis zur Haltestelle Neunerplatz laufen musste und dann auch nur bis zur Haltestelle Juliusspital fahren konnte.

In einem Winter, es muss 1928 gewesen sein, sind uns Kinder aber auch aufregende Abkürzungen über den zugefrorenen Main im Gedächtnis geblieben, ich glaube mich schwach daran zu erinnern, dass damals sogar auf dem Eis des Flusses oder am Ufer Grillwürstchen verkauft wurden. Die Verbindung zur Oma musste ich in jenen Jahren aufrecht halten. Sie wurde mir schon als Siebenjähriger übertragen. Ich war mit meinem Vater oft auf dem Sportplatz bei Wettkämpfen und dabei haben mich besonders die 10 Kilometerläufe begeistert. Deshalb habe ich als Kind beschlossen, einmal ein erfolgreicher Läufer zu werden und habe von da an versucht, alle Besorgungen im Laufschritt oder im Trab zu erledigen. So auch viele Botengänge zur Großmutter.

Dabei hatte ich mir eine ganz bestimmte Route zurecht gelegt: Der Hinweg ging über die Talavera und über die Luitpoldbrücke (heute Friedensbrücke), dann Richtung Kranenkai, dort vor der Toilette, für uns Kinder nur das “Pisshäusle“, links ab zur Karmelitenstraße und dann über die Marktgasse, den Marktplatz, die Plattnerstraße, Ebrachergasse an der Zentralschule vorbei zur Wohnung der Oma. Den Rückweg lief ich dann über die Domstraße zur Alten Mainbrücke über das Mainviertel zur Talavera. Dabei ist mir in Erinnerung, dass am Vierröhrenbrunnen damals zur Hauptverkehrszeit immer ein Polizist auf einem Podest stand und den Verkehr, der in jener Zeit auch noch über die Alte Mainbrücke geleitet wurde, per Handzeichen regelte.

Ich glaube, in den 20er Jahren hatten die Polizisten sogar noch Pickelhelme auf. Dort stand dann auch oft ein kleiner dicker Polizist, der für uns Kinder der Schutzmann ohne Hals war. Sein Hals war scheinbar so dick, dass man meinte, der Kopf säße direkt auf dem Körper. Ein paar Jahre später ist er mir einmal hilfreich gewesen, als ich mit dem Fahrrad von der Domstraße kommend in die Karmelitenstraße fahren wollte, eine Frau mit ihrem Kinderwagen in Höhe des Luli-Kino`s einfach auf die Straße ging, ich nicht mehr bremsen konnte, in den Kinderwagen fuhr und stürzte. Keinem war etwas passiert. Nur die Frau hat mich fürchterlich beschimpft, bis jener Schupo sie darauf aufmerksam machte, dass für mich die Fahrt frei gegeben war und sie hätte warten müssen.

Eine für mich unrühmliche Episode werde ich nie vergessen: Es war ein sehr heißer Sommersonntag. Ich war wieder per Pedes bei der Großmutter und hatte ihr, glaube ich, ein Kuchenpaket überbracht. Auf dem Heimweg wollte ich nach der alten Mainbrücke über den Dreikronenplatz, die Dreikronengasse an einem Mauerdurchgang zum Mainufer abbiegen, als ich vor einem Haus in dieser Gasse eine Menschengruppe stehen sah, die recht fröhlich wirkte. Mit kindlicher Neugier habe ich meinen Weg unterbrochen, mich dazu gestellt und wurde so Mithörer eines Ehekrachs, der in einer dieser Wohnungen lautstark bei geöffneten Fenstern stattfand und Nachbarn und Spaziergänger scheinbar recht amüsierte. In meiner kindlichen Unbefangenheit nahm ich an, dass das lustige Worte seien, die Fröhlichkeit verbreiten würden. Zu Hause angekommen erwartete mich meine Mutter am Fenster und unterhielt sich mit einer Nachbarin, die mit ihrer Tochter ebenfalls aus dem Fenster schaute. Ich wollte auch hier Fröhlichkeit verbreiten und rief zur Elvira, so hieß die Tochter der Nachbarin, sie war etwas älter als ich: „Elvira du bist eine Hure“. Blitzschnell war meine Mutter vom Fenster verschwunden, die Haustüre ging auf und meine Mutter ohrfeigte mich gnadenlos, bis die Nachbarin rief: „Hören Sie doch auf, der Otto weiß doch gar nicht, was er da sagt“. Aber meine Mutter zog mich in die Wohnung, verhörte mich und als ich fragte, was daran so schlimm sei, sagte sie, ich solle meinen Vater fragen. Doch der hatte als Eisenbahner gerade Dienst und so nahm das Unheil weiter seinen Lauf.

An diesem Sonntag war ich nämlich als Jungministrant für die Abendandacht eingeteilt und als ich im Ministrantenraum unbefangen meinen Kollegen den ganzen Vorgang schilderte, stand plötzlich der Herr Kuratus im vollen Ornat hinter mir, gab mir auch eine Ohrfeige mit den Worten: „So bereitest du dich auf die Andacht vor, da muss ich doch noch mal mit deinen Eltern reden“. Ohrfeigen waren zu dieser Zeit noch ein gängiges Erziehungsmittel und wurden von niemandem, auch nicht von den Geohrfeigten, als Misshandlung empfunden. Wer mich damals aufklärte, weiß ich heute auch nicht mehr.

Noch eine Episode, bei der ich nicht besonders intelligent aussah: Es war im Sommer 1933, das Dritte Reich gerade ein paar Monate alt. Diese neue Regierung war bestrebt, mit spektakulären Maßnahmen die Sympathie der Bevölkerung zu gewinnen, so auch mit der Aktion “Winterhilfswerk“. Dabei wurden unter anderem in den Schulen Spendentüten an die einzelnen Schüler verteilt, mit denen sie bei Verwandten und Bekannten Spenden für das WHW sammeln sollten. Diese mussten dann auf der Vorderseite der Tüte ihren Namen und den gespendeten Betrag eintragen. Ich hatte schon Einiges gesammelt, machte mich auf zur Großmutter, um auch von ihr etwas zu bekommen. Diesmal ging ich aber einen anderen Weg. Es war gerade Kilianifest und das war damals noch auf dem Viehplatz unterhalb der Luitpoldbrücke bis hin zur Alten Mainbrücke aufgebaut.

Auf dem Viehplatz geriet ich an einen Stand, an dem ein Händler wortgewaltig einen Zauberkasten anbot. Wenn auf der einen Seite ein kleiner Betrag eingelegt wurde und man auf der anderen Seite ein Fach herauszog, verdoppelte sich dieser Betrag. In meiner kindlichen Naivität überlegte ich, dass ich damit eigentlich das Sammelergebnis wesentlich verbessern könnte und da ich gerade so viel gesammelt hatte, kaufte ich davon so einen Kasten. Ich sehe mich noch heute auf einer Steinbank der Alten Mainbrücke sitzen, vergeblich versuchend, meine finanzielle Situation zu verbessern. Zu meinem Glück war meine Großmutter da. Als ich ihr alles beichtete, hat sie meine Kasse wieder ausgeglichen, den Kasten behalten und ihn mir noch viele Jahre vorgeführt. Meine Oma habe ich noch viele Jahre, bis zu ihrem Tod, immer gerne besucht. Ein großer 10.000 Meterläufer bin ich leider nicht geworden, aber meiner Gesundheit hat das Laufen bis heute gut getan.

Ein Leserbeitrag von Otto Nöth
 



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