aktualisiert: 14.01.2007 18:53 Uhr
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Der Minnesänger - Walther von der Vogelweide
ein Gott, Walther, hast Du es nett. Nahe dem Kiliansdom, im Lusamgärtchen, mitten in der Stadt, dort, wo Würzburg vor Historie nur so strotzt, haben sie Dich begraben. Das Neumünster ist Dein Vorzimmer. Und Du hast einen kleinen, unscheinbaren Hintereingang in der Martinstraße.
Ein bisschen versteckt liegst Du dort, im ältesten Kreuzgang Frankens. Bedacht von einer Linde. Umgeben von Eiben und Efeu. Einen Gedenkstein haben sie Dir erst 1930 spendiert, 700 Jahre nach Deinem Tod. "Her Walther von der Vogelweide, swer des vergaeze, der taet mir leide", haben sie drauf geschrieben. Ein später Tribut an Dich, den großen Lyriker und Minnesänger des Mittelalters, ein wenig zu martialisch für den heutigen Geschmack. Dir kann's egal sein. Du bist ja tot.
Vier Mulden sind eingehauen in Deinen Stein. Für Körner und Wasser. Weil Du wolltest, dass an Deinem Grab die Vögel gefüttert werden. Als ich Dich besucht habe, hockte eine Stadt-Taube drauf. Ein Flüchtling mit gehetztem Blick, der Asyl suchte bei Dir, dem Freund der Vögel. Du kannst es nicht wissen, Walther, aber Tauben sind nicht mehr gut gelitten in Würzburg, der Stadt, wo Du nach jahrelanger Wanderschaft 1220 sesshaft wurdest.
Deshalb lagen auch keine Körner auf Deinem Stein. Nur ein paar verblühte Rosen. Drei rote, zwei gelbe. Die Würzburger, Walther, sie glauben, es lindere ihren Liebeskummer, wenn sie Dir Blumen bringen. Das hast Du nun davon, dass Du so schön von der Liebe gesungen hast. Deinen geliebten Vögeln wären Körner lieber. Aber Dir kann's egal sein. Du bist ja tot.
Es hat sich vieles geändert, Walther, seit Du 1230 im Stift Neumünster gestorben bist. Minnesänger gibt's keine mehr. Zwar singen auch heute noch welche von der Liebe. Aber ob das immer hohe Kunst ist? Manche musizieren vor Tausenden und verdienen viel Geld. Andere spielen ganz in Deiner Nähe auf, in der Fußgängerzone, und hoffen auf ein paar Cent.
Kaiser und Könige, an deren Höfen Du ein- und ausgegangen bist, haben nicht mehr viel zu sagen im modernen Europa. Wo es sie noch gibt, sind sie mehr Staffage denn Herrscher. Und von so viel Macht, wie sie Friedrich II. von Hohenstaufen hatte, der Mann, der Dir 1220 das lang ersehnte Lehen in Würzburg schenkte, träumt heute gottlob niemand mehr. Aber Bischöfe haben wir noch. Der Würzburger heißt Friedhelm Hofmann und wohnt bei Dir um die Ecke. Vor einiger Zeit hat er Dich besucht. Mit einem Fernsehteam. Eine Stunde lang haben sie gedreht. Für eine Minute Sendezeit. Es muss alles sehr schnell gehen, heute, Walther, ich könnte Dir noch viel davon erzählen. Aber Dir kann's egal sein. Du bist ja tot. Und Du hast es richtig nett im Lusamgärtchen.
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