Leseranwalt

aktualisiert: 09.05.2010 19:47 Uhr
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Kampagne gegen die römisch-katholische Kirche oder Bestrafung der Überbringer schlechter Nachrichten?
„Ich glaube an Gott und an die Medienkritik, beides ist aber schwer fassbar.“ Das sagte vergangene Woche auf einer Journalistentagung mit Mike Hoyt vom Columbia Journalism Review ein renommierter US-Medienkritiker. Gemeint hat er es wohl nicht so wie jener Leser, der unsere „Hochverehrte Redaktion“ handschriftlich wissen lässt, dass er seit Monaten unter deren antikirchlicher Berichterstattung leidet.
Dass die „sprungbereite Feindseligkeit“ mit der diese Redaktion auf die römisch-katholische Kirche einschlage so unerträglich und schmerzhaft sei, dass er diese Zeitung nicht mehr in die Hände nehmen könne. Er kündigt sein Abonnement.
Diese harte Zuschrift zitiere ich stellvertretend für eine Reihe von Kritiken, die dieser Zeitung eine Kampagne gegen die Kirche vorwerfen. Gab es die? Haben wir uns nur mitreißen lassen von den Medien in Deutschland und Europa, wenn es um sexuelle Gewalt und Übergriffe auf Schutzbefohlene ging?
Ich komme beim besten Willen nicht zu diesem Ergebnis. Man konnte in dieser Zeitung viele Informationen über Opfer lesen, um die es zu allererst gehen musste, aber auch ausführliche und sensible Texte über Täter oder das Verhalten kirchlicher Würdenträger. Kaum ein Argument im Sinne der Kirche war ausgelassen. So kam Würzburgs Bischof in einem ganzseitigen Interview zu Wort. Für Verfehlungen in anderen Institutionen finden sich ebenfalls Veröffentlichungen.
Bei meiner Ursachenforschung riskiere ich den Versuch, mich in enttäuschte Gläubige wie unseren Abbesteller hineinzuversetzen. Deren Lebensweg bestimmt stark ihr Glaube. Der ist nicht zu trennen von Kirche und Geistlichkeit, die für sie über jeden Zweifel erhaben sind. Genau der konnte sich beim Zeitunglesen nun einschleichen.
Es ist aber nicht Absicht der Redaktion, Menschen ihrer Orientierung zu berauben. Im Gegenteil: Nahezu vor jeder der Veröffentlichungen wurde auch darüber diskutiert. Was danach gedruckt wurde, erfüllt – selbst wenn ich nicht jede Formulierung auf den Prüfstand stellen kann – strenge ethische Vorgaben. Von Journalisten wurde nichts erfunden oder hinzugefügt. Verschweigen oder Verharmlosen verbietet sich für sie. Die ausführliche Berichterstattung über Gewalt und sexuelle Übergriffe in kirchlichen Einrichtungen war wegen deren Bedeutung und der hohen moralischen Ansprüche von öffentlichem Interesse. Und Kirchenportale dürfen für die Pressefreiheit nicht verschlossen bleiben.
Ich glaube, den klassischen Fall zu erkennen, dass die Überbringer schlechter Nachrichten bestraft werden, nicht die Verursacher. Doch egal was Journalisten glauben, sie müssen auch diese Kritik ertragen, selbst wenn sie – wie Mike Hoyt es gesagt hat – schwer fassbar ist.
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evakurt (2618 Kommentare) am 14.05.2010 16:31
Achtung vor der Wahrheit???Die Mainpost ist wahrlich kein gutes Beispiel für schlechten Journalismus, allerdings nicht frei von gruppendynamischen Prozessen. Was den Begriff "Achtung vor der Wahrheit" angeht, sehe ich diese Achtung von Medien alltäglich verletzt. Wenn etwas geachtet ist, ist es die Achtung vor Meinungsvielfalt. - Unter "Achtung vor der Wahrheit" verstehe ich jedoch umgekehrt auch "Scheu vor der Unwahrheit". Das kann ich keinesfalls erkennen. - Wollte man Verstöße gegen den Pressekodex (unter Beweislast)nachweisen, müßte ein Redakteur schon sehr unproffessionell gegen "Don'ts" verstoßen haben. Nein, es ist subtiler. Da ist - in unserem beliebigen Beispiel - ein sehr konservativer Bischof, mit dem einige ein Hühnchen zu rupfen haben. Da sind sexuelle Mißbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Da wird beides zusammengeschustert. Am Ende ist eine Person gesellschaftlich ruiniert, was jetzt bei Mixa relativ wenig Schaden zur Folge hat, da seine Zukunft wegen Pension nicht verbaut ist. Und keiner wars. - Achtung vor der Wahrheit?????? |
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wastl-one (2135 Kommentare) am 14.05.2010 12:01
Das Eigenleben der SystemeStimme mit ihren Ausführungen über das Eigenleben von Systemen duchaus überein, ein geradezu typisches Beispiel dafür ist im übrigen die kathl. Kirche, wenn man sie mit der urchristlichen Gemeinde vergleicht. Ich kann allerdings nicht erkennen, dass mit der Pressefreiheit kein ethischer Anspruch verbunden wird. Ein kurzer Auszug aus dem Pressecodex, den Regeln des Deutschen Presserates, der freiwilligen Selbstkontrolle der Presse:* Achtung vor der Wahrheit und Wahrung der Menschenwürde * Gründliche und faire Recherche * Klare Trennung von redaktionellem Text und Anzeigen * Achtung von Privatleben und Intimsphäre * Vermeidung unangemessen sensationeller Darstellung von Gewalt u. Brutalität Dieser Codex wird ständig überarbeitet und den sich verändernden gesellschaftlichen Gegebenheiten angepasst. Im Rahmen der Feier seines 50-jährigen Jubiläums hat der Presserat im November 2006 in Berlin den novellierten Pressekodex an Bundespräsident Prof. Dr. Horst Köhler übergeben und gleichzeitig der Öffentlichkeit vorgestellt. Hier hat also ein System eine ethische Ebene über der juristischen Ebene eingezogen. Damit ist freilich nicht gesichert, dass sich alle Mitglieder des Systems daran halten, auch das ist letztlich systemimmanent. Deswegen wende ich mich gegen eine allgemeine Medienschelte, man muss einem Medium (z.B. MainPost) dann schon konkret Verstöße gegen den Pressecodex nachweisen. R. Sebastian, Würzburg |
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evakurt (2618 Kommentare) am 14.05.2010 10:15
System gegen MenschComte mag seinen Positivimus-Begriff altruistisch gemeint haben so wie auch Descartes seinen Aufklärung-Begriff religiös gemeint hat. Das Problem ist, dass Systeme dazu neigen, sich von ihren Schöpfern zu emanzipieren und ein Eigenleben zu führen. Das passiert immer dann, wenn der Mensch Systeme nicht als Diener, sondern als Herren, also als Ideologie, verstehen. In diesem Sinne habe ich heute den Eindruck, dass beispielsweise Meinungs- und Pressefreiheit - an sich und nach wie vor wertvolle Errungenschaften einer Gesellschaft - insofern idelologisiert werden, dass man damit keinen ethischen Anspruch damit verbindet, da nicht system-immanent gefordert. Anders gesagt: Würde Presse- und Meinungsfreiheit ethisch verantwortlicher betrieben, wäre Berichterstattung anders. |
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wastl-one (2135 Kommentare) am 12.05.2010 19:51
Fragliche Interpretation!Die Aussage "Deshalb ist dem Positivisten alles erlaubt, was nicht verboten ist" kann so nicht stehen bleiben. Der Begründer des Positivismus, August Comte, wollte den Positivismus als quasi wissenschaftlichen Religionsersatz installieren, sah aber deutlich im Zentrum des Zusammenlebens "Mitgefühl und Altruismus" Damit stand er teilweise im Widerspruch zu den erkenntnistheoretischen Optionen des Positivismus. Sie beziehen die von mir kritisierte Aussage rein auf den Rechtspositivismus, der aber nicht alleinige Handlungsmaxime eines "Positivisten" sein kann. Unabhängig von nationalen oder internationalen Gesetzen ist für mich der KANTsche Imperativ immer noch die auch realistisch verwirklichbare Handlungsmaxime, die sich letzlich aber aus der Einsicht des Menschen ergibt. Ich will dabei jetzt nicht näher auf evolutionsbiologische Erkenntnisse über die genetische Fixierung von altruistischem Verhalten nicht nur bei Primaten eingehen.R. Sebastian, Würzburg |
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evakurt (2618 Kommentare) am 12.05.2010 15:31
Ergo ...."Dieses "Sein" kann aber nur als Summe der Wahrnehmungen erfasst werden." - Richtig, aber: Das Sein ist nicht qualifiziert durch Erfassung, sondern durch Sein. - Wenn wir uns erinnern an den Grund dieser Diskussion, heißt das konkret: Ein positivistisch Denkender läuft Gefahr, positivistische Regeln (z.B. Recht und Gesetz oder Pressefreiheit und Meinungsfreiheit) mit ethischen Grundgesetzen gleichzusetzen. Deshalb ist für den Positivisten alles erlaubt, was nicht verboten ist. - Der über das objektivierbar Erfassbare hinaus Denkende schaut dagegen, ob positivistische Regeln mit ethischen Grundgesetzen übereinstimmen. -Das ist etwas ganz anderes. - Auf den konkreten Fall bezogen: Die Art der Berichterstattung zum Fall Mixa war positivistisch gesehen korrekt, darüber hinaus nicht. - Ich sehe einen kulturellen Verlust dadurch, dass es eines Tages sein könnte, dass Menschen in Gesetzestexten nachblättern müssen, um zu wissen, was "sich gehört", weil der innere Bezug dazu deaktiviert ist. Oder ist das heute schon so und ich habe geschlafen? |
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