Leseranwalt

anton.sahlender@mainpost.de
Leseranwalt
    
aktualisiert: 07. Juni 2010, 11:42 Uhr » zurück zum Artikel
    
    
 
    
 
    
 


Zur „Rücktrittsdrohung“ eines kritischen Abonnenten und zum Respekt vor anderen Meinungen

Eine aktuelle Zuschrift stimmt mich traurig: „Sehr geehrter Herr Sahlender, seit ca. 40 Jahren bin ich Abonnent und Leser Ihrer Zeitung. In letzter Zeit wächst mein Ärger über Ihre Berichterstattung...  »mehr

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evakurt (2618 Kommentare) am 07.06.2010 09:19

Das Problem liegt tiefer I

Zunächst: Den Leitartikel von Folker Quack zum Rücktritt von Horst Köhler fand ich auch nicht gut, weil mir dort grundlegende Aspekte ausgeklammert erschienen. Als pure Meinungsäußerung habe ich den Beitrag jedoch respektiert, zumal er als solche gekennzeichnet war. – Das Problem liegt tiefer: Es ist in der Bevölkerung der generelle Eindruck entstanden, dass es bei politischen Themen mehr um Meinungsmache als um Meinungsbildung geht. Konkretes Beispiel: Als am Abend des Köhler-Rücktritts in einer Talk-Runde festgestellt wurde, dass die Reaktion der Presse gegenüber Köhler viel kritischer sei als die der Bevölkerung, sagte einer der Medien-Teilnehmer sinngemäß, wenn er sich die (Köhler-kritischen) Leitartikel des folgenden Tages von FAZ und SZ (etc.) anschaue, sei er sicher, dass die öffentliche Meinung schnell umkippen werde. Man solle sich da mal keine Sorgen machen. – Da war mir klar, wohin der Meinungstrend gehen sollte. – Wie entstehen solche Trends? Das weiß wahrscheinlich keiner ganz genau, sicher scheint jedoch zu sein, dass EIN Entstehungsort zu suchen ist in diesem Konglomerat aus Politik, Lobby und Medien, das man gemeinhin als „Raumschiff Berlin“ bezeichnet. Nicht, dass dort alle Freunde wären. Aber was sich dort im Einzelfall durchsetzt, ist Trend, der dann auch bundesweit multipliziert wird. Und das, was sich dort als Trend herausbildet, wird in den Medien als “Öffentliche Meinung“ publiziert. – Ich beobachte nun, dass die Leserschaft zunehmend bewusst oder unbewusst dagegen rebelliert. Folge davon sind dann etwa Androhung von Abonnements-Kündigungen, etc., was ich persönlich nicht gut finde. Ich plädiere dagegen dafür, dass man die Presse aktiv dazu zwingt, ihre eigene Rolle zu überprüfen. In diesem Sinn ist es zu kurz gesprungen, seitens der Presse einen mangelhaften Umgang des Lesers mit Presse- und Meinungsfreiheit zu konstatieren. Das Problem liegt tiefer: Der Leser empfindet, dass in seiner regionalen Zeitung Multiplizierung von Trends und Meinungen stattfindet, die nicht primär Ausdruck der Bevölkerungs-Meinung, sondern primär Produkt eines elitären Apparats sind – natürlich unter Wahrung des Pressekodex und bei allem Respekt für andere Meinung, aber trotzdem auf subtile Weise autoritär generiert. – Und jetzt kommt spätestens der Moment, an dem ich den Journalisten zurufen möchte: „Seid Ihr so betriebsblind, dass Ihr das tatsächlich nicht merkt?“ - Was kann die „Mainpost“ tun? – Sicherlich kann sie nicht auf Berichterstattung über trend-generierte Themen verzichten, weil dann andere Leser kämen und zu recht monieren würden, warum dem Leser Dinge vorenthalten würden, die ansonsten in aller Munde sind. Aber man darf den Leser auch nicht im Zweifel lassen, dass man „the name oft he game“ kennt – und da gibt es bisweilen Zweifel.
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evakurt (2618 Kommentare) am 07.06.2010 09:21

Das Problem liegt tiefer II

Nur ein Beispiel: Damals im Fall Ypsilaniti hat sich die Presselandschaft bis auf wenige Ausnahmen bis zur Bewusstlosigkeit hochgegeilt, was den Wortbruch bezüglich einer möglichen Koalition mit den LINKEN anging. Analog denkt in NRW die FDP, die vor der Wahl eine exklusive Koalitionsaussage zugunsten der CDU gemacht hat, nach der Wahl nach, ob sie nicht doch Teil einer Ampel-Regierung sein möchte – keine Sau empört sich (ich übrigens auch nicht, weil hier wie dort ein schwieriges Problem besteht/bestand, das gelöst sein will/wollte). – Von diesen Fällen, in denen ein Trend - sei es "Hochgeilen" oder Ignorieren (auch das kann Trend sein) - von vorneherein über sachgerechter öffentlicher Diskussion steht, gibt es viele – ich nenne aus der Vergangenheit nur: Eva Hermann, Papst Benedikt/Opus Dei, Mixa. Und vermutlich wäre es bei Köhler ähnlich gelaufen, wäre das Volksempfinden hier nicht so offensiv gegen den Medien-Mainstream aufgetreten. – Mein Vorschlag an die Mainpost: Seien Sie Anwalt des Lesers, indem Sie ihn im Rahmen der Berichterstattung spüren lassen, dass Sie um die realen Hintergründe der Entstehung von Meinungsbildung wissen. Wenn das rübergekommen ist, erhalten Begriffe wie Presse- und Meinungsfreiheit ihren eigentlichen Sinn zurück.
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antonsah (267 Kommentare) am 07.06.2010 11:02

@evakurt und das tiefer liegende Problem aus Sicht...

Liebe/r evakurt, sie haben sich da ein gedankliches Konstrukt erbaut, das der Wirklichkeit nur zum Teil gerecht wird. Natürlich gibt es den so genannten mainstream. Es gibt also hauptsächliche Meinungen, die vertreten werden - gerade auch in Medien. Das heißt nicht automatisch, dass diese Meinungen schlecht oder nicht akzeptabel sind. Und im Falle des Rücktritts von Herrn Köhler gibt es nicht allzu viele Ansichten, die sich gegenüber stehen. Sie können davon ausgehen, dass der Kollege Folker Quack nicht im "Berliner Raumschiff" unterwegs ist, sondern zu jener Meinung steht, die er in der Zeitung und hier vertreten hat. Und: Er hat seine Meinung gut begründet. Das ist entscheidend. Auch Sie, verehrte/r evakurt, schreiben natürlich nur Meinung. Dabei ist der Begriff "Hochgeilen" deplatziert. Einen solchen Begriff werden Sie in einem ernsthaften Zusammenhang von Main-Post Journalisten kaum lesen können. Wir würden dafür zerissen. Und sehen Sie mir den folgenden Vergleich nach: Ihr Gedankenkonstrukt gleicht der Mischung in einem Schnellkochtopf: Sie verrühren die gesamte deutsche Medienlandschaft zu Ihrem Weltbildeintopf, machen sich aber nicht mehr die Mühe, die einzelnen Main-Post Beiträge als solche inhaltlich zu beurteilen. Ihr Ausgangspunkt war im vorliegenden Fall der Kommentar des Kollegen, auf den Sie nicht näher eingehen. Er wird von Ihnen sofort im Topf verrührt. Die Main-Post ist aber ein eigenständiges Medium. Ihre Beobachtungen der Leserschaft sind interessant, aber kaum repräsentativ. Ich wäre aber dennoch interessiert, Sie mal zu einem Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen in das Raumschiff Main-Post einzuladen. Speziell ich würde gerne hören, wie Sie sich die Überprüfung unserer Rolle genau vorstellen.
Anton Sahlender, Leseranwalt
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evakurt (2618 Kommentare) am 07.06.2010 12:59

Es geht um Grundsätzliches I

Folker Quak und sein Kommentar ist - wie im ersten Absatz meines Beitrags bereits verdeutlicht - überhaupt nicht mein Problem, ihn halte ich auch nicht für einen Insassen des Berliner Raumschiffs, und auch den Begriff "Hochgeilen" habe ich sehr wohl drastisch so gewählt, aber überhaupt nicht auf Folker Quack bezogen. Weiterhin käme ich von mir aus überhaupt nicht auf die Idee, die Redaktion der Mainpost als nicht unabhängig zu bezeichnen. Das sind Projektionen, die mit mir eigentlich nichts zu tun haben. - Also nochmals: Mein Ausgangspunkt ist nicht der - in der Tat schlüssig begründete - Kommentar des Kollegen, sondern die von Ihnen zitierte Reaktion eines Lesers sowie Ihre Reaktion als Leseranwalt, die ich - wie in Fällen zuvor auch - zum Anlass nehme, grundsätzliche und aus meiner Sicht ungelöste Fragen aufzuwerfen. Und diese grundsätzlichen Fragen betreffen eine mediale Realität (ich wiederhole jetzt nicht nochmal alles), die man logischerweise unterschiedlich bewerten kann. Natürlich erwarte ich nicht, dass die Mainpost sich meiner Meinung dazu anschließt, jedoch wünsche ich sehr wohl, dass sie die von mir beschriebene Realität überhaupt wahrnimmt. Das Problem ist doch nicht die Mainpost und deren Einzelartikel. Das Problem ist vielmehr, dass es übergeordnete Meinungs- und Trend-Vorgaben gibt, denen man zwar jederzeit im Rahmen der Meinungsfreiheit widersprechen kann, die aber erst mal machtvoll präsent sind. Das Beispiel Ypsilanti 2008 und FDP NRW 2010 ist da, wie ich glaube, ein recht gutes Beispiel dafür, wie zwei substantiell recht ähnliche Gegebenheiten in der Presse vollkommen anders behandelt werden. Warum? Weil das Thema FDP NRW 2010 in diesem Zusammenhang einfach ignoriert wird - aus welchen Gründen auch immer, was mir auch echt egal ist. - Was man aber hier sieht, ist, dass substantiell vermutlich gleichgewichtige Themen medienmäßig entweder aufgenommen werden oder nicht und dies (jenseits regionaler Themen) weder in der Macht der Mainpost steht noch sowieso in meiner Macht. Und trotzdem gibt es Gründe dafür, warum im einen Fall thematisiert wird und im anderen gleichgewichtigen Fall nicht. Diese Gründe haben sicherlich viel mit dem Gestaltungswillen der Key-Account-Medien zu tun (Stichwort: Raumschiff Berlin), sicherlich auch mit anderen Aspekten, die „in der Luft liegen“ und sicherlich analysierbar sind. Sei’s drum. - Aber da und nur da geht mein Appell an Sie: Seien Sie - damit meine ich alle Redaktionen dieser Welt - Anwalt des Lesers, indem Sie ihn im Rahmen der Berichterstattung spüren lassen, dass Sie um diese realen Hintergründe der Entstehung oder Nicht-Entstehung von Meinungsbildung wissen.
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evakurt (2618 Kommentare) am 07.06.2010 13:01

Es geht um Grundsätzliches II

Das könnte etwa dadurch geschehen, dass man Dinge, über die man berichtet, auch relativiert in dem Sinne: „Da liegt thematisch momentan was ziemlich aggressiv in der Luft, worüber wir im Rahmen unseres Auftrags selbstverständlich berichten. Aber wir wissen auch, dass das meiste, was so emotional thematisiert ist, überzogen dargestellt wird – das liegt halt in der Natur der Sache.“ Dann wäre der Tenor bei Eva Herrmann gewesen: „Ja, sie hat das und das gesagt, aber sie wird vom medialen Mainstream auch auf professionelle Weise absichtlich falsch verstanden. – Ja, Ypsilanti hat vorher was anderes gesagt, aber das tun erstens die anderen auch und zweitens ist sie wirklich in einer schwierigen Lage – wie die FDP in NRW 2010. – Ja, Papst Benedikt will das Opus Dei in die katholische Kirche integrieren, aber das hat nun überhaupt nichts mit den Aussagen dieses unseligen Opus-Dei-Bischofs zu tun. – Mixa hat als konservativer Katholik viele Feinde, deshalb sollte man mehr als vorsichtig damit umgehen, wenn er mit sexuellen Missbrauchsvorwürfen konfrontiert wird.“ - Meine These ist - um es einmal mit Begriffen aus der Sprachwissenschaft zu sagen: Medien handeln fast immer denotativ korrekt, jedoch oft konnotativ kontaminiert. – Hilft das dem Verständnis weiter? – Wenn ja, könnte ein möglicher Schritt sein, dass die Mainpost-Redaktion Fremd-Quellen (dpa, etc) zu sensiblen Themen vor Abdruck diesbezüglich bewusst checkt. Aber das wissen Sie ganz sicher besser als ich, was da möglich ist, wenn es denn gewollt ist.
Ihre Einladung nehme ich gerne an - terminlich konkretisieren können wir das außerhalb des Forums.
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antonsah (267 Kommentare) am 07.06.2010 14:14

@evakurt: Konkrete Kritik ist gefragt

Liebe/r evakurt, wir sehen Mainstream-Effekte im Journalismus durchaus und stehen ihnen kritisch gegenüber. Diese Strömungen sind in der Branche oft Gegenstand von journalistischen Diskussionen. Aber Sie, evakurt, deuten zu viel in den Journalismus hinein. Das tun Sie überdies - obwohl sprachwissenschaftlich unterlegt – stets pauschalisierend im Bereich einiger Themenfelder. Ich empfehle Ihnen dringend, Einzelbeispiele, Einzelbeiträge und einzelne Medien zu benennen und daran die von Ihnen beschriebene Doppelbödigkeit aufzuzeigen. Ansonsten bleibt Ihre umfangreiche Schilderung eine weitläufige Philosophie, die vielleicht nur begründen soll, dass Ihre eigene Meinung in den Medien in den beschriebenen Themenfeldern nicht ausreichend zum Tragen kam. Deshalb sollten Sie auch sich selbst mit Ihrer Haltung auf den Prüfstand stellen. Ihre beispielhafte Moderation der strittigen Aussagen von Eva Herrmann bezeichnet eine Meinung. Sie steuert, wenn sie so aus der Feder eines Journalisten kommen würde, den mündigen Leser. Der sieht sich danach unter Umständen nicht mehr in der Lage, sich aus den Medienberichten eine eigene Meinung zu den Herrmann-Aussagen, die allesamt verbreitet wurden, zu bilden. Gehen Sie davon aus, unsere Redaktion kennt den Journalismus mit seinen Stärken und Schwächen. Wir sind deshalb offen für Kritik - für konkrete.
Anton Sahlender, Leseranwalt
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evakurt (2618 Kommentare) am 07.06.2010 14:50

an antonsah

Also konkret unterlegte Kritik habe ich bei entsprechenden Anlässen oft genug geäußert. Diese Kritik wollte und konnte ich in der Tat nie anhand einer unmittelbar konkreten Fehlleistung - DER Satz, DAS Wort - beweisen, weil ich damit bestenfalls einen individuellen Fehler hätte nachweisen können, was mich deshalb nicht interessiert, weil jeder Fehler machen darf, auch Journalisten. Vor allem: ES GEHT NICHT UM EINE ISOLIERTE FEHLLEISTUNG, SONDERN UM EIN GENERELLES PROBLEM, dessen Verständnis Sie zumindest mir gegenüber verbergen und dem man nicht über den Einzelnachweis von individuellen Fehlern gerecht werden kann - außer vielleicht in einer Dissertation, wo man sich mal richtig reinhängt. - Vielleicht kommen wir uns ja über Fallbeispiele näher (die nicht mal aktuell sein müssen): Wie erklären Sie sich und mir, dass Ypsilanti 2008 in den Medien "so" wahrgenommen wurde, und die FDP in NRW in 2010 "anders" wahrgenommen wird, obwohl der Sachverhalt sehr ähnlich, wenn nicht gleich ist? - Die Beantwortung dieser Frage führt in den Komplex, um den es mir eigentlich geht und der aus meiner Sicht die Matrix ist, wieso Sie öfter mal ungehaltene Post auch von anderen außer mir bekommen.
Eine Bitte: Sparen Sie sich nach Möglichkeit zukünftig Sätze wie der folgende: " ... die vielleicht nur begründen soll, dass Ihre eigene Meinung in den Medien in den beschriebenen Themenfeldern nicht ausreichend zum Tragen kam." - Ich sage Ihnen mal eines: Wenn ich sicher sein dürfte, dass Sie verstehen, worum es mir hier eigentlich geht, würde ich allein aus purer Dankbarkeit für zwei Jahre auf Medienpräsenz verzichten - das wäre es für mich wert.
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antonsah (267 Kommentare) am 07.06.2010 16:39

@evakurt

Bei allem Respekt. Jetzt empfehle ich Ihnen die Dissertation.
Verzichten Sie aber bitte nicht auf Medienpräsenz - was Sie damit auch immer ankündigen wollen. Bleiben Sie uns als kritische/r Leser/in, bzw. User/in gewogen. Und ich verspreche, nie aufzugeben, ernsthaft zu versuchen, Sie zu verstehen. Mein Verständnis jedenfalls, das haben Sie. Wie bereits geschrieben: Sie sind zu einem Gespräch eingeladen. Melden Sie sich bei mir...
Anton Sahlender, Leseranwalt
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evakurt (2618 Kommentare) am 07.06.2010 16:48

@antonsah

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