Leseranwalt

aktualisiert: 21.06.2010 08:59 Uhr
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Auch sündige Journalisten müssen in einer Demokratie gelegentlich den ersten Stein werfen
Mitunter glauben Leser nicht, dass mich neben Kritik auch Lob erreicht. Besonders ungläubig war einer, welcher „die Banalitäten“ des Leseranwalts „für überflüssig“ hält und über dessen Existenz abstimmen lassen will. Dem entziehe ich mich bislang, weil ein unabhängiges Medium nicht über Leserabstimmungen entsteht. Was nicht heißt, dass die Kritik aus der Leserschaft nicht in alle Überlegungen einfließt.
Durchgerungen habe ich mich aber dazu, zumindest mal aus Zustimmungen zu zitieren, die unter Journalisten als Kostbarkeiten gelten. Das scheint die Leserin zu wissen, die mir zum Beitrag vom 7. Juni („Zur Rücktrittsdrohung eines kritischen Abonnenten und zum Respekt vor anderen Meinungen“) schreibt, „keine Sorge, ich möchte keinen Ärger vorbringen“, auch wenn die Berichterstattung über die Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen nicht immer das gewesen sei, was sie hören wollte. Doch habe sie dabei Klarheit gewonnen, über das was stets hinter vorgehaltener Hand gesprochen worden sei. Ihre Konsequenz: Sie setzt sich damit intensiv auseinander. Diese Auseinandersetzung mit – trotz mancher Fehler – seriösen Medien empfehle auch ich.
Mit einem wahrhaft hehren Wunsch konfrontiert mich die Frau noch: Ich solle „in einer sehr kritischen Zeit immer ein offenes Ohr für die Bedürfnisse der Menschen, dazu ein offenes Herz haben, damit es Ihnen möglich ist, den notwendigen Schuss 'Liebe' in Ihre Arbeit einzubringen und einen wachen Geist, der Ihnen behilflich ist, den Spagat zwischen Realität und dem geschriebenen Wort mit all der innewohnenden Macht (auch in positiver Hinsicht) und Wirkung zu meistern.“
Ich werde mich anstrengen. Das erlaubt keine Selbstgefälligkeit. Aber diese Zuschrift sei doch noch gestattet: „Gratulation zu Ihrem Artikel (vom 7.6.), der sehr zutreffend ist. Der kritisierte Kommentar von Folker Quack zum Rücktritt Köhlers (1.6.) war übrigens sehr gut, und auch die 'beleidigte Leberwurst' war richtig artikuliert!“ – Ich freue mich, respektiere aber durchaus andere Ansichten.
Zu denen zählt der Vorwurf eines Lesers, Journalisten hätten die Missbrauchsfälle genutzt, „um der katholischen Kirche mal so richtig ans Bein zu pinkeln.“ Dabei dürfe doch „die Würde von katholischen Priestern, die sich, warum auch immer, an Kindern und Jugendlichen schwer vergriffen und schwer versündigt haben“, nicht verletzt werden. Die seien „Menschen und Sünder wie wir alle.“ Christus habe gesagt, wer ohne Sünde sei, werfe den ersten Stein, und wer nicht vergeben könne, dem werde nicht vergeben werden. Dem füge ich demütig nur hinzu, dass auch sündige Journalisten den demokratischen Auftrag haben, wenn nötig, mal einen gezielten Stein zu werfen. Zumindest eine wichtige Erfahrung verschaffen ihnen dabei kritische Leser regelmäßig: Sie dürfen nicht im Glashaus sitzen.
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Die neuesten Kommentare
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evakurt (2618 Kommentare) am 25.06.2010 23:21
Ich habe nichts ...... gegen Steinewerfen, würde mir jedoch manchmal wünschen, dass Journalismus Mitverantwortung für Folgen der Wurfverletzungen übernimmt. Die Schwere einer Verletzung ist unabhängig davon, ob die Tatwaffe legalisiert war oder nicht. Rechtsfolgenfreiheit ist nicht gleich Schuldfreiheit. |
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