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anton.sahlender@mainpost.de
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publiziert: 21.06.2010 10:03 Uhr
aktualisiert: 24.06.2010 09:44 Uhr
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Nach einem „inneren Reichsparteitag“ vor Millionenpublikum gehen wir nicht gleich zur Tagesordnung über

Der „innere Reichsparteitag“, bei der WM-Übertragung von ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein unbedacht ausgesprochen, wird diskutiert. Ich greife die interessante Ansicht eines Lesers, namens Horst, heraus. Ihn betrübt, dass wir Nazis bis heute erlauben, unseren Sprachschatz, vielleicht für immer, so zu beeinflussen, wie es kaum ein anderes Land zulassen würde. Wörtlich: „Wenn wir nicht mehr erwähnen dürfen, was einst durch die Nazis in den Dreck gezogen wurde, dann sind wir ein armes Volk!“

Horst meint auch, dass ich mich nicht dazu hergeben sollte, die „Bombenstimmung“ während eines Fußballspieles aus der Zeitung zu verbannen. Er glaubt nicht, dass sich alte Würzburger, die das selbst öfters sagen, darüber aufregen. Als Kind habe er hier die Bombennacht vom 16. März 1945 überlebt. Seit 1973 lebe er in England, wo er uns Deutsche gegen den Vorwurf der Humorlosigkeit verteidige. Er fürchtet einen schweren Stand bei seinen Freunden, wenn er nun von der Korrespondenz mit mir erzählt.

Horst hat auch, wie er betont, seinen Vornamen von 1938 behalten, trotz des Horst-Wessel-Liedes.

Ich antworte ihm, dass ich keine Kritik gegen diesen Vornamen kenne. Den trug zwar eine zeitgeschichtliche Person, die uns Mahnung bleiben sollte, er werde aber Menschen heute niemals angelastet. Der „Reichsparteitag“ dagegen, bezeichnet eine fanatische Propaganda-Inszenierung Nazi-Deutschlands. Die passt nicht zu Erfolgsgefühlen eines Fußballers. Überhaupt kommt es auf den Zusammenhang an. Worte sollten stimmig eingesetzt werden.

So halte ich – auch aus Respekt vor Zeitzeugen – eine „Bombenstimmung“ in (Sport-)Berichten nicht nur wegen trauriger geschichtlicher Erinnerungen für verfehlt. Dieses Wort wird stets unpassend gebraucht – für eine überschwängliche Stimmungslage. Mit Bomben hat die nichts zu tun. Die fallen dabei, Gott sei Dank, nicht.

Kriegsvokabular im Sportjournalismus muss unterbleiben. Martialische Worte sind in erfreulichem Kontext verfehlt. Sie verharmlosen Schreckliches. Bomben werden sprachlich zum Party-Ereignis. Und wenn es tatsächlich um das Grauen des Krieges geht, verfehlen diese Worte ihre Wirkung.

Die Vermeidung unseliger Begriffe aus der Nazi-Diktatur schränkt unseren Sprachschatz nicht ein. Dazu ist er zu reichhaltig. Schlimmer ist es, wenn bei unbedachtem Gebrauch Lehren der Geschichte an Kraft verlieren. Das ist Kern der Kritik an Müller-Hohensteins Ausrutscher vor einem Millionenpublikum.

Lieber Horst, sagen Sie Ihren Freunden, dass ich englischen Humor schätze, dass es aber gut ist, wenn wir in diesem Land nach „inneren Reichsparteitagen“ auch heute noch nicht zur Tagesordnung übergehen.

    
    

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Die neuesten Kommentare

wgr (579 Kommentare) am 05.07.2010 21:33

Reichsparteitag - Reichskanzler - Reichstag - etc.

Ein Reichsparteitag ist Teil der deutschen Geschichte, wie die Reichsmark, Reichskanzler, Reichstag, usw. und auch Nazi Adolf ist Teil der deutschen Geschichte. Ich finde es schlicht Blödsinn alles in diesem Zusammenhang zu ignorieren und zu verschweigen. Es sind Tatsachen. Ansonsten schafft den 1. Mai, ja den Tag der Arbeit, ab. Denn dieser ist vom Nazi Adolf 1934 zum nationalen Feiertag erklärt worden und damit zu einem staatlichen Feiertag bei vollem Lohnausgleich - was für ein "innerer Reichsparteitag" !?!
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evakurt (2618 Kommentare) am 25.06.2010 22:58

Den Ausdruck "Innerer Reichsparteitag" ....

... hatte ich noch nie gehört und mußte ihn mir von Vertretern einer Generation unter mir erklären lassen, die den Begriff kannten, aber überhaupt nicht wußten, wo er her kommt. Eigentlich ist das ein rein sprachwissenschaftliches Problem, wie man mit semantischen Shifts umgehen soll bzw. mit Bedeutungen, deren Ursprung man nicht kennt. - "Bombenstimmung" - ist das tatsächlich ein Begriff aus dem Dritten Reich? Stammt der Ausdruck "bis zur Vergasung" aus dem Dritten Reich oder ist das eher physikalisch gemeint im Sinne von Umwandlung von dem einen in einen anderen Aggregatszustand? Ich weiß es nicht. Da gibt es vermutlich tausende Worte, die man nicht verwenden würde, wenn man deren Ursprung kännte. - "Political Correctness" ist oft liturgischer Ersatz für mangelnde substanzielle Verarbeitung. Der Schoß, der (nach Bert Brecht) noch fruchtbar ist, gebiert heute ganz andere Schergen.
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wastl-one (2135 Kommentare) am 21.06.2010 01:44

"Politcal Correctness" über alles!

Muss Horst in einigen Dingen leider recht geben. Sie engt den undedarften Sprachgebrauch leider ein und verhindert so oft eine lebendige Sprache. Der fragwürdige Begriff ist umgangsprachlich so eingebürgert, dass keiner, der diesen Begriff verwendet damit Erinnerungen an Reichsparteitage verbindet. In meiner Kindheit waren*******und (die zehn kleinen) Negerlein gängige Begriffe und in keiner Weise diskrimminierend gemeint. Ich bin mir heute noch unsicher wie ich diese Mitmenschen mit dunkler Hautfarbe titulieren darf. Alle alternativ angebotenen Begriffe sind künstlich konstruiert und unlogisch.
Warum sollte man sie als Farbige betiteln, ist weiß etwa keine Farbe? Warum muss man tradierte umgangsprachliche Gewohnheiten ständig hinterfragen? Als Ungläubiger grüße ich nach wie vor mit "Grüß Gott". Darf ich das dann auch nicht mehr? Und sogar als Ungläubiger meine ich, man sollte die Kirche irgendwie im Dorf lassen. Es gibt wahrhaftig wichtigere Themen, die das Aufregen rechtfertigen.

R. Sebastian, Würzburg
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