Leseranwalt

aktualisiert: 06.12.2010 08:25 Uhr
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Warum die Redaktion die gut gemeinten Anregungen von Lesern nicht immer aufnehmen kann
Ein beflissener Leser aus Würzburg bemüht sich seit geraumer Zeit darum, die Redaktion zu unterstützen. Natürlich vorwiegend in seinem Sinne. Folglich schickt er mir ausgeschnittene Beiträge aus anderen Zeitungen und Publikationen. Er tut das erwartungsfroh mit Fragen wie: „Könnten Sie das in Ihrem Blatt nicht auch einmal publizieren?“
Obwohl ich engagierte Leser schätze, komme ich dem nicht nach. So hat mir der Mann beispielsweise einen Meinungsbeitrag aus einer Wochenzeitung übermittelt, der sich mit grünen Widerständen gegen den Bau diverser Kraftwerke auseinandersetzte. Um mich nicht im Unklaren zu lassen, hat er mit Deckstift gezielt jene Passagen orange angestrichen, die er in dieser Zeitung ebenfalls lesen möchte.
Aus der Auswahl seiner Einsendungen, den gekennzeichneten Textstellen und seinen Zustimmungen zu anderen Lesermeinungen signalisiert er mir seine Haltung. Als solche respektiere ich sie.
Ich offenbare sie hier aber nicht, weil ich keine Lawine von unterstützenden Zuschriften lostreten möchte und weil sie keine Rolle spielt für die Antwort auf die Frage, warum die Redaktion solchermaßen eintreffende Ausschnitte aus anderen Publikationen nicht übernimmt. Denn die Ablehnung gilt gleichermaßen für alle Weltanschauungen.
Diese Zeitung hat ausreichend eigene Autoren (beachten Sie dazu unsere Samstagsimpressen), um selbst aus dem Zeitgeschehen zu berichten und es zu kommentieren. Das gibt ihr ein eigenes Profil. Wer kann schon wollen, dass alle Medien sich gleichen?
Der Übernahme von Berichten und Reportagen anderer Medien steht zudem die eherne Regel entgegen, dass Informationen in Wort, Bild und Grafik vor der Veröffentlichung mit größter Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben sind. Bei eigenen Quellen, aus denen sich die Redaktion bedient, bei Agenturen oder Partnerredaktionen, darf sie sich auf deren professionelle Sorgfalt verlassen. Dafür kann Verantwortung übernommen werden, nicht für Einsendungen eines Lesers.
Dem Abschreiben würde auch Urheberrecht im Wege stehen, das individuelle Leistungen der Journalisten aus anderen Medien schützt.
Dass die Weltanschauung des Würzburger Einsenders trotzdem zum Tragen kommt, darum bemüht sich die Redaktion. Sie versucht stets alle Seiten einer Medaille zu beleuchten. Es gehört dazu, dass das Ergebnis dieses Bemühens aus unterschiedlichen demokratischen Perspektiven unterschiedlich beurteilt wird.
Ich halte aber fest, was jedermann erwarten darf: Redakteure schreiben nicht aus anderen Blättern ab, zitieren sie aber gelegentlich als Quelle. Sie nehmen wesentliche Beiträge anderer aber zur Kenntnis – auch die Angebote des Würzburgers.

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