Leseranwalt

aktualisiert: 21.11.2010 16:11 Uhr
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Auch im Schutz von Fantasienamen dürfen andere Menschen nicht in den Dreck gezogen werden
"Ich bin enttäuscht, dass die Zeitung anonyme Internetschreiber zitiert.“ Der Mann, der mir das mitteilt, trifft einen wunden Punkt. Denn im Netz bleiben Diskussionen meist anonym – auch bei main-post.de und folglich auch in der Zeitung, wenn daraus zitiert wird.
Statt Namen liest man unter Texten dann sogenannte Nicknames (englisch, zu deutsch Spitznamen). Die geben sich die Autoren selbst. Weil sie sich aber, bevor sie auf mainpost.de schreiben können, mit Vor- und Zunamen dort anmelden müssen, weiß die Redaktion über sie genauso viel wie über Leserbriefschreiber. Das beruhigt zumindest. Nicknames geben Deckung. Gut ist das für unsichere Zeitgenossen. Im Schutz von Fantasienamen riskieren sie, ihre Meinung niederzuschreiben – zugänglich für eine riesige Web-Öffentlichkeit. Die empfängt jeden Besucher ohnehin mit leicht ansteckender Lockerheit und fördert so lebhafte Auseinandersetzungen mit beachtlicher Beteiligung, mit Rede und Gegenrede.
Mit der Zeitung funktioniert das so direkt nicht. Eine vernetzte neue Wirklichkeit ist entstanden. Ein Blick darauf wird aber auch Zeitungslesern gewährt. Das hat die vorne zitierte Enttäuschung des Lesers ausgelöst. Dabei übernimmt die Redaktion nur sachliche Beiträge in die Zeitung.
Die Diskussionsfreude im Netz, so heißt es mitunter, sei gut für die Demokratie. Von diesem Argument profitiert auch die umstrittene Praxis der Nicknames. Ohne sie, das weiß man, entschwindet ein Großteil der Diskutanten. Aber eine in der Zeitung gängige Sachlichkeit bleibt. Einige Medien erfahren das bereits.
Dennoch werden die Stimmen gegen Nicknames lauter, auch in unserer Redaktion, zugunsten einer Diskussion auf Augenhöhe – einer, bei der man sich mit Vor- und Zunamen begegnet. Der Respekt vor dem Anderen soll nicht gänzlich verloren gehen. Diesen Anspruch sind sich seriöse Medien schuldig. Von Nickname zu Nickname wird nämlich gerne „geholzt“. Schlimmer noch: Nicknames ziehen die Namen anderer Personen schnell mal in den Dreck – üble Nachreden nicht ausgeschlossen. Sie kommen nur sehr selten vor, sind aber gefährlich. Sie werden von der Redaktion zwar sofort gelöscht, können aber im Web bereits gewandert sein und anderswo überleben – unerreichbar für das Rechtssystem. Das Web vergisst fast nichts. Ein Preis für schier grenzenlose Freiheiten.
Zuletzt kam es auf mainpost.de in Kommentaren gegen einen Geistlichen zu Entgleisungen. Fantasienamen gefährden so den Ruf anderer Menschen und den dieses Mediums. Sie müssen auf mainpost.de damit rechnen, dass ihnen danach die Kommentarfunktion gesperrt wird.
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Kauzenspiegel (541 Kommentare) am 25.11.2010 14:18
Teil 2/2Und genau HIER sind wir am entscheidenden Punkt. Eine Überwachung einer Person –z.B. durch Klarnamenzwang im Internet- bremst zwar an einer Stelle den Missbrauch, ist aber pures Gift für eine Demokratie. Denn der Preis für eine freie Meinungsäußerung wächst, man muss mehr fürchten als ohne Klarnamenzwang.Im „echten Leben“ ist die Rechtssprechung hier eindeutig und bei Leibe weniger Streng als im Internet. Das Filmen von Gerichtseingängen ist verboten. Die Zuschauer einer Gerichtsverhandlung könnten das Gefühl haben, dass ein Besuch nicht mehr Folgenlos für sie ist, da sie anhand einer Überwachung identifiziert werden könnten. Das Urteil ist im letzten Jahr gefallen. Für Demonstraten gilt Ähnliches, sogar wenn diese Dinge skandieren, für die in den meisten Foren bereits die Ermittlungsbehörden eingeschaltet werden. Sollte man mal drüber nachdenken, wenn man den Preis für eine Meinungsäußerung hier künstlich in die Höhe treibt. Ich bin der Meinung, dass es wichtig ist, dass MEINUNGEN Zählen und nicht die Person dahinter. Einige forderten hier einen Klarnamenzwang, damit man „weiß von wem es kommt und dann gewichten kann.“! Was für ein widerlicher Gedanke. Ich werde in diesem Forum –aus Prinzip- nicht mit meinem Klarnamen schreiben. Niemals, das mache ich NIRGENDS, weder im Internet noch offline. Wenn Sie mich dazu zwingen werde ich hier weg gehen. Ist das nicht auch eine Form der Zensur? |
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Kauzenspiegel (541 Kommentare) am 25.11.2010 14:18
Teil 1/2Der Ruf nach der Wegnahme von Anonymität ist ein bekanntes Problem, wo alte Medien bzw. Gesinnungen mit den Vorteilen der Neuen Medien und eben auch diesen Gesinnungen kollidieren.Wir, jeder von uns, hat ein RECHT darauf, anonym zu kommunizieren und wir machen das immer, ständig und überall. Kein Mensch hier in dieser Diskussion wäre bereit, im „echten Leben“ die Einschränkungen hinzunehmen, die er für das Internet fordert. Ausweißkontrolle inkl. Speicherung der Daten beim Besuch einer Bürgerversammlung? Undenkbar! Wortmeldung im Wirtshaus erst nach Legitimierung beim Wirt? Lächerlich! Beschwerde beim McDonalds über kalte Pommes nur mit Ausweißkopie? Hallo? Kein Mensch WILL überall identifiziert werden. Das ist auch nicht nötig, denn wir haben die Infrastruktur, dass wir diejenigen, die gegen Regeln verstoßen, auch haftbar machen können. Keiner hier glaubt, dass er dauerhaft hier in der MP rechtsradikale Parolen bringen kann, ohne dass irgendwann die Polizei vor der Tür steht, im Gegenteil! In diesem ach so anonymen Internet hat man die Polizei sogar SEHR schnell vor der Tür stehen, vermutlich muss ich in den allermeisten Gaststätten viel gröbere Schnitzer bringen, als in irgend einem beliebigen Onlineforum. Ein Gedankenspiel wäre hier zum Beispiel eine Aussage wie „Die Merkel gehört erschossen!“. Online meiner Meinung nach Folgenreicher als Offline. Die Netzbewohner wissen das und leben das, weswegen ich die Aussagen weiter oben nur bestätigen kann: Eine ordentliche Onlinegemeinschaft hat immer Trolle, verkraftet diese und grenzt diese von alleine aus. Hat bislang in ALLEN Projekten funktioniert, die ich online betreut habe, auch in größeren als MP-Online. Das Gegenteil passiert, wenn man zu sehr eingreift. Ich habe wirklich großartige, anregende und interessante Foren an einer „Verdeutschung“ zu Grunde gehen sehen (Übrigens IMMER mit einem Machtkomplex der Moderatoren verbunden, dass nur am Rande). Und dennoch: Die Menschen fordern weniger Privatsphäre. Warum? Ich sehe darin verschiedene Reflexe: Man hat einen GEGNER. Etwas Greifbares. Das wird dann wichtig, wenn man dem Gegenüber mit Argumenten nicht mehr bei kommt, wenn man sich nicht mehr mit seinen Texten sondern mit seiner Person auseinander setzen kann. Das trifft allerdings dann nicht nur die, die vielleicht ein Forum missbrauchen, sicherlich will keiner einen Nazi-Text o.ä. auf der sachlichen Ebene diskutieren. Weiterhin hat man die Möglichkeit, auf unbequeme Aussagen, vielleicht auch gegen die eigene Person, ANDERE Folgen zu generieren. Nehmen wir z.B. an, ein Geschäftsmann aus der Innenstadt bringt wichtige Details über den Bürgermeister auf den Tisch. Ist die Schwelle hierfür anders, wenn er das nicht anonym machen kann? Sie ist es. |
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sapientia (80 Kommentare) am 22.11.2010 15:56
Meinungen und FaktenDas Problem sehe ich nicht in Meinungen, die sind verschieden, das ist klar. Ich lese diese auch gern und finde durchaus sehr differenzierte Beiträge, die interessant sind.Unerträglich für alle, die mit den Fakten zu tun haben, ist es aber, wenn Kommentatoren einfach Dinge behaupten, die mit der Wirklichkeit überhaupt nichts zu tun haben, sie einfach Sachverhalte koppeln, die eigentlich gar keinen Zusammenhang haben und damit einfach Behauptungen in den Raum stellen, die nicht stimmen. Soll man dann als jemand, der die Fakten kennt, weil man selbst an vorderster Front für eine Sache Verantwortung hat, dies in online-Kommentaren richtigstellen? Und damit Leuten Öl ins Feuer gießen, die einfach nur provozieren und Aufmerksamkeit bekommen wollen? Es entsteht hier viel Frust auf der Seite der Verantwortlichen und Engagierten, weil man Gerüchte - per Kommentar einer viel breiteren Leserschaft zugänglich als von Mensch zu Mensch - nicht mehr eindämmen, richtigstellen und korrigieren kann. Das ist ungemein mühselig und kaum zu händeln. Deshalb bin ich für die Namensnennung auch bei online-Kommentaren - damit man weiß. welchen Hintergrund jemand an Wissen hat. Und weil es abschreckt, einfach (nachweislich!) falsche Dinge zu behaupten, ungestraft und unter dem Deckmantel der Anonymität. |
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merkur (33 Kommentare) am 25.11.2010 09:19
...das sehe ich genauso.Wir reden über dieselbe Person, wie mir scheint.Diese wurde von der MP-Onlineredaktion vergangene Woche aus der community ausgeschlossen, ihr wurde auch das Anmelden unter neuem Nickname untersagt. Aber genau das ist geschehen. Nun schreibt die Person munter weiter, momentan noch in moderatem Ton aber wer sie kennt weiß: das wird sich ändern. Was ist zu tun? |
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antonsah (267 Kommentare) am 18.11.2010 16:58
Danke für die DiskussionAbgesehen von den Beiträgen eines Teilnehmers empfinde ich diese Diskussion als hilfeiche Grundlage für eine redaktionelle Diskussion der Nicknames-Kultur... Ich werde diesen Abschnitt weiter beobachten und bin für jedes neue Argument dankbar.Anton Sahlender, Leseranwalt |
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