Leseranwalt
anton.sahlender@mainpost.de

aktualisiert: 06. März 2011, 14:52 Uhr
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Warum für die Redaktion und den Leseranwalt alle Leser wie Mandanten sind
"Meiner Meinung nach sind Sie in letzter Zeit eher ein Anwalt der Zeitung. Im Regelfall verteidigen Sie die Redaktion gegen Kritik von Lesern. An sich ist das nicht verwerflich. Aber unter dem Deckmantel des Anwalts für Leser gehört das eigentlich nicht.“ Ich verstehe, was mir dieser Leser schreibt, der mir eine Chance gibt, wenn er hinzufügt, „oder habe ich da das falsche Verständnis für Ihre Position?“ »mehr
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evakurt (2618 Kommentare) am 02.01.2011 19:02
Die Position des Leseranwaltszwischen Redaktion und Leser ist deshalb spannend, weil Sie damit naturgemäß im Schnittpunkt ZWEIER Systeme stehen, ABER gleichzeitig Teil der Redaktion sind.Das heißt konkret, dass Sie in Zweifelsfragen mit dem Inventar des redaktionellen Systems arbeiten bzw. arbeiten müssen. Beispiel 1: Ein Leser weist auf eine Schlagzeile (o.ä.) hin, die sich nach Überprüfung mit dem Pressekodex als grenzwertig oder gar damit im Widerspruch stehend erweist. In einem solchen Fall wirken Sie auf die Redaktion ein - ist ok und kam letztes Jahr ab und an vor. Das ist ein einvernehmliches Beispiel. Beispiel 2: Ein Thema wird in Übereinstimmung mit dem Pressekodex redaktionell verarbeitet, was aber bei Lesern aus grundsätzlichen Erwägungen auf Widerspruch stößt. Ich verweise auf verschiedene ausführliche Berichterstattungen im Jahr 2010, bei denen unter Namensnennung Mißbrauchsfälle thematisiert wurden, die sich am Ende als haltlos erwiesen. - In solchen Fällen stehen Sie auf der Seite der Redaktion, weil diese ja nach ihrem System sauber gearbeitet hat - unabhängig davon, ob sich sowas "gehört". Nachdem das, "was sich gehört", (im Gegensatz zum Pressekodex) juristisch nicht fassbar ist, läuft man da als Leser gegen eine Wand. Insofern mein Wunsch an den Leseranwalt: Wirken Sie auf die Redaktion noch mehr dahingehend ein, dass alles automatisch erlaubt ist, nur weil es nicht verboten ist, sondern dass es über Pressekodex-Vorgaben hinaus so etwas wie ein moralisches Bewußtsein gibt, das einem sagt, was man tut und was man nicht tut. Der Pressekodex sollte nicht als Ersatz für eigene Gewissensverantwortung verstanden werden. |
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evakurt (2618 Kommentare) am 02.01.2011 19:05
Kleine Korrektur"dass nicht alles automatisch erlaubt ist, nur weil es nicht verboten ist" |
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antonsah (267 Kommentare) am 03.01.2011 10:28
@evakurtIch stimme zu, obwohl der Kodex des Presserates und die Leitlinien unserer Redaktion bereits dicke moralische Knautschzonen sind, bevor gesetzliche Schranken erreicht werden. Schließlich kommt es, bei dem was Sie, evakurt, sich wünschen stets auf die Beurteilung des Einzelfalls an. Da stoßen Sie schnell auf das Problem, dass dazu ganz unterschiedliche Meinungen in Redaktion und Leserschaft auftreten, bzw. mehrere Herangehensweisen oder moralische Haltungen journalistisch vertretbar sind. Jeder vertritt die Seine überzeugend. Das gelingt auch Ihnen, evakurt, in Ihren Kommentierungen, die trotzdem gelegentlich ebenfalls auf Widerspruch anderer Leser treffen. Wir bewegen uns im Spielraum der Meinungs- und Pressefreiheit.Anton Sahlender, Leseranwalt |
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evakurt (2618 Kommentare) am 03.01.2011 14:43
Ja,so gesehen wird es meinerseits zu diesem Thema auch keinen Streit geben. - Mir reicht es schon, wenn die Redaktion ZUSÄTZLICH zum Pressekodex das "Gewissen" als EIGENE Instanz einschaltet. Mir ist sehr wohl bewusst, dass in einer Zeit, die die Objektivierung vorzieht, subjektive Instanzen wie "Gewissen" softig klingen - aber wer weiss, vielleicht kommt ja doch was an. |
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blaubi (2806 Kommentare) am 03.01.2011 10:30
"freiwillig" Leseranwalt???so wie Sie es beschreiben, so setzen Sie sich "freiwillig" zwischen zwei Stühle. Dieses klingt für mich am unlogischsten, zumal einer dieser zwei Stühle ihr "Brötchengeber" ist. Da stellt sich wirklich die Frage, inwieweit die Neutralität und Unsubjektivität gewahrt ist. |
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carolus (140 Kommentare) am 03.01.2011 11:28
zwischen den Stühlen......sitzt auch ein Anwalt öfters, ist er doch meistens mehr Mediator und weniger Verteidiger. Bei anderen ist doch nix zu holen, wenn man nur einspurig/einseitig denkt und handelt.Zudem sitzt antonsah nicht nur zwischen zwei Stühlen - da sind die unterschiedlichsten Stühle der Redaktion (bestimmt nicht wenige), der der "Contra-Leser" (mannigfaltig und meist lautstark) und die "Pro-Leser", die sich aber häufig nicht so oft zu Wort melden. Wünschen wir doch dem Leseranwalt weiterhin die Kraft zur eigenen Meinung und genügend Rückgrat, diese in der Öffentlichkeit auch bei Gegenwind zu äußeren. |
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