Leseranwalt

anton.sahlender@mainpost.de
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publiziert: 14.03.2011 15:55 Uhr
aktualisiert: 20.03.2011 19:36 Uhr
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Auch für einen beliebten Politiker sollten die Freiheiten der Medien nicht in Frage gestellt werden

Der folgende Beitrag sollte am Montag in der Zeitung erscheinen. Wir haben ihn weggelassen. Die Katastrophe in Japan, die die ganze Welt bewegt, verändert vieles und muss folglich Inhalte einer Zeitung stark dominieren. Auch deshalb tritt unter anderem die Affäre um den Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in den Hintergrund. Also beschränke ich mich darauf, meine für die Zeitung vorgesehenen Zeilen, hier online nachzureichen:

"In den letzten Wochen habe ich mich beim Lesen immerneuer bitterböser Zuschriften oft gefragt, was haben wir da bloß angerichtet? Hetzkampagne und sogar ein Vernichtungsfeldzug gegen den Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg werden dieser Zeitung vorgeworfen.
Ich kann mich nicht erinnern, dass mir jemals zuvor in einem Fall derartige Leservorwürfe in erheblichem Ausmaß begegnet wären. Dabei erkenne ich keine Verfehlungen, die sie rechtfertigen. Verständnisgewinn stellt sich bei mir nur über das ein, was manche Autoren als „Phänomen-Guttenberg“ erklären. Ich konzentriere mich hier aber auf die geschmähte Berichterstattung und Kommentierung. Ausgelöst wurde sie durch den glaubwürdig belegten Vorwurf an einen Bundesminister, er habe für seine Dissertation in erheblichem Umfang abgeschrieben – ohne wissenschaftlich und wohl auch urheberrechtlich notwendige Quellenangaben. Bei Zeitgenossen, die nicht im Lichte der Öffentlichkeit wirken, wäre vielleicht nichts darüber berichtet worden und wenn doch, dann nicht namentlich. Bei einem Minister ist dagegen öffentliches Interesse vorauszusetzen. Er muss dem Ansehen des Amtes gerecht werden. Ob er das noch wurde, konnte nach seiner Doktorarbeit in Zweifel gezogen werden. Grund genug für Medien, zu Guttenbergs Redlichkeit in Meinungsbeiträgen in Frage zu stellen und ihm den Rücktritt nahezulegen. Das steht ihnen zu, ebenso wie ein satirischer Umgang mit ihm. Das gilt auch für überparteiliche Blätter und ist im vorliegenden Einzelfall weder links noch rechts und kein Angriff auf konservative Politik. Bei jedem anderen Minister hätten derartige Vorwürfe wohl die gleiche mediale Aufmerksamkeit ausgelöst. Ob aber mit ebenso heftigen Gegenreaktionen zu rechnen gewesen wäre, sei dahingestellt. Zu Guttenberg bleibt bei vielen Menschen eben beliebt und in ihren Augen verdienstvoll. Und, dass es auf der Welt üblere Dinge gibt als seine Dissertation, ist jedem klar. Aber gerade wiederholte Versuche, damit Verfehlungen zu verharmlosen, erhalten sie medial am Leben. Das ist dann keine Kampagne.

Mir bleibt aber das ungute Gefühl, dass die Vorwürfe mehr Misstrauen gegenüber dem Journalismus offenbaren, als es eine bewusst kritische Mediennutzung erwarten lässt. Sogar verbürgte Freiheiten der Presse, etwa die Meinungsäußerung, wollen einige darüber beschneiden. Natürlich müssen Journalisten selbst täglich für Glaubwürdigkeit sorgen. Die sollte aber eine freiheitliche Gesellschaft mit Bewusstsein für die demokratische Bedeutung von Medien und deren Freiheit annehmen.

    
    

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mdeeg (778 Kommentare) am 17.03.2011 16:34

Überforderung?

Ich denke, die herkömmlichen Printmedien haben sich an ihre "Narrenfreiheit" gewöhnt und sind nun schlichtweg damit überfordert, dass der "gemeine" Leser und Konsument nun öffentlich mitredet - sei es über Wikileaks, Twitter, Blogs, Foren oder konzertierte Aktionen wie im Fall Guttenberg.

Die Zukunkft wird zweierlei bringen: die Selektion von "wichtig/unwichtig" nach Gutdünken von irgendwelchen Redaktionen funktioniert nicht mehr. Und die Meinungshoheit funktioniert nicht mehr, weil Fragen und Kritik nicht mehr zu "unterdrücken" sind.

Allerdings werden sich m.E. schon immer kritische, weitgehend obrigkeitsunabhängige und differenziert analysierende Medien wie z.B. die Süddeutsche Zeitung ihren Platz in der Medienlandschaft bewahren können und ihre Bedeutung noch steigern!
Die Bild-Zeitung bspw. ist dann endlich komplett da, wo sie hingehört: bei einer Aufmerksamkeitsspanne von 5 Sekunden - um eine Schlagzeile zu registrieren, über deren Hintergründe man sich woanders informiert!
(0)
antonsah (267 Kommentare) am 17.03.2011 19:43

@mdeeg

Sie schätzen die Situation teilweise richtig ein. Wir sind durch die vermehrte Diskussion im Net stärker gefordert, ebenso wie die von Ihnen so bewunderte Süddeutsche, die übrigens auch ein herkömmliches Printmedium ist. Ich empfehle zudem, persönliche Unzufriedenheiten nicht in den Mittelpunkt einer Medienbeurteilung zu stellen (wir haben mehr als 400.000 Leser und noch mehr Online-Nutzer). Alleine aus vielleicht unberücksichtigten eigenen Interessen heraus sollte man keine "Narrenfreiheit" ableiten. Die ist ja noch nicht einmal den vielen Kommentierern gewährt, die im Schutze von Nicknames häufiger die Grenze dessen überschreiten, was noch als vernünftige oder ernsthafte Auseinandersetzung bezeichnet werden kann. Oder was danach ein Medium wirklich konstruktiv fordert.
Und auch wir - sehr geehrter Herr mdeeg - werden unseren obrigkeitsunabhängigen Platz hier in der Region behaupten. Auch wir bieten Beiträge, in denen differenziert analysiert wird.
Und das was Sie als Gütdünken bezeichnen, wird Medien im Grundrecht eingeräumt - das ist nämlich Pressefreiheit, die wir verantwortlich wahrnehmen. Die macht demokratisch Sinn. Und Ihr Gutdünken ebenso, das ist nämlich Meinungsfreiheit. Das ist bislang gut miteinander zu vereinbaren, solange die Rollen respektiert werden.. . Ich würde mich freuen, wenn ich auch bei Ihnen davon ausgehen könnte.
Anton Sahlender, Leseranwalt
(0)
mdeeg (778 Kommentare) am 17.03.2011 22:14

....(2)....

Stuttgart 21 ist das beste Beispiel, wie geballtes individuelles Interesse zu bundesweit relevantem Interesse wurde. Die Justiz ist insgesamt nicht weniger kritisch zu betrachten als das "Planfeststellungsverfahren"...das entsprechende Aufkommen von "Einzelfällen" im Internet etc. dürfte durchaus bekannt sein, genauso wie die immer wieder korrektiven Eingriffe oberer Instanzen.

Zu guter letzt: die von Ihnen genannte "Meinungsfreiheit" ist ein hohes Gut! Umso mehr sollte es eine freie Presse interessieren, wenn Teile einer Justiz dieses Grundrecht letztlich zur Kriminalisierung und zur Pathologisierung/Psychiatrisierung von Einzelnen wendet und mißbraucht. Und das ist eine "Rolle" , die man ganz sicher nicht stehen lassen sollte! Und ich "respektiere" auch nicht, dass derarte Vorgänge am öffentlichen Interesse vorbei von einer freien Presse nicht thematisiert werden.

Wenn "400.000 Leser und noch mehr Online-Nutzer" über Jahre und letzlich über Monate - nur ein Beispiel - Berichte über ein Gerichtsverfahren präsentiert bekommen, in dem es nach Erzwingung dieses Verfahrens durch einen Generalstaatsanwalt darum ging, ob ein Musiker einer volljährigen Studentin in einem Treppenhaus den Rock hochgeschoben hat, dann dürfte es auch von Interesse sein, wenn Personen nach Einreichung einer Dienstaufsichtsbeschwerde gegen eine Würzburger Behörde über zehn Monate in Untersuchungshaft landen - und mittels eines Gutachtens eines nach wie vor für diese Justiz tätigen "Sachverständigen" versucht wird, ohne jede Grundlage und -wie zu klären - Vortäuschung falscher Tatsachen eine dauerhafte Unterbringung in der Psychiatrie zu erreichen! Hier geht es um anderes als um "Unzufriedenheit"! Oder finden Sie nicht? Der Vorgang wird geklärt, auch ohne die Mainpost! Mich stört nur das faktenresistente Beharren auf dem, was man irgendwie zu wissen "glaubt"... pars pro toto... ?...
(0)
antonsah (267 Kommentare) am 18.03.2011 18:32

@mdeeg

Ich gehe Ihren Vorwürfen nach, frage mich aber nur, warum es ihnen nicht gelingt abseits dieser in ihren Kommentierungen ständig wiederkehrenden Dinge über das Thema mitzudiskutieren, um das es eigentlich geht.
Anton Sahlender, Leseranwalt
(0)
mdeeg (778 Kommentare) am 19.03.2011 15:55

"Freiheit der Medien" -

war das Thema und der rote Faden. Im übrigen geht es doch auch um politische wie mediale Mechanismen und Psychologien, die im großen wie im kleinen wirken...
(0)
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