Leseranwalt

anton.sahlender@mainpost.de
Leseranwalt
    
publiziert: 28.03.2011 19:15 Uhr
aktualisiert: 03.04.2011 19:12 Uhr
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Der Presse Freiheit kann auch schmerzhaft sein für Betroffene und für Redaktionen

Je nachhaltiger Journalisten ihre Freiheiten nutzen, desto mehr müssen sie selbst ertragen können. Denn der Presse Freiheit ist auch schmerzhaft. Zuerst für Betroffene, dann aber oft auch für Redaktionen.

Hier aktuelle Kostproben: Der Bürgermeister einer Kleinstadt wird in der Zeitung häufig für seine Amtsführung kritisiert. Über einen langen Zeitraum gibt er dazu immer wieder neu Anlass. Er pflegt eine wenig bürgerfreundliche Geheimhaltung von Amtshandlungen und kommt seiner Auskunftspflicht gegenüber Medien nur unzureichend nach. Das sagt nicht nur die Redaktion, sondern auch das Verwaltungsgericht in einer Entscheidung.

Auskunftpflichten gegenüber Journalisten sind Bürgermeistern und Amtsleitern per Gesetz vorgeschrieben. Medien müssen in einer Demokratie ungehindert über politisches und amtliches Handeln informieren können. In der Kleinstadt ist die Folge der redaktionellen Nachhaltigkeit für Bürgers Information nicht nur Lob. Proteste und sogar Abbestellungen sind eingetroffen. Darunter Zuschriften, in denen der Redaktion Menschenjagd und allerlei weitere journalistische Todsünden vorgeworfen werden. Außerdem schimpft man: Die Zeitung schade der ganzen Stadt.

Ein anderer Bürgermeister wollte letzte Woche verbieten, dass Informationen über den Haushalt, die er an Journalisten verkündete, veröffentlicht werden, bevor der Stadtrat sie beschlossen hat. Diese Zeitung mochte Lesern aber nicht nur vollendete Tatsachen bieten. Sie hat gleich berichtet. Des Bürgermeisters Androhung presserechtlicher Schritte blieb wirkungslos: Denn Redaktionen haben die (Presse-)Freiheit, selbst über die Bedeutung einer Nachricht zu entscheiden und somit darüber, wann sie erscheint.

Zu meiner Sammlung von Reaktionen auf die Freiheit, auch Meinungen vielfältig zu vertreten, gehört neuerdings diese Klage: „Lesen Sie die ätzenden und abfälligen Kommentare eines Henry Stern gegen Franz Josef Strauß und alle Nachfolger. Gewollt hässliche Bilder unserer Kanzlerin Merkel und bösartige Karikaturen eines Dieter Hanitzsch schlagen in die gleiche Kerbe. Überparteilichkeit stelle ich mir anders vor.“ – Ich ahne das Wie dieser Vorstellung. Überdies war Strauß schon nicht mehr unter uns, als Henry Stern Münchner Korrespondent wurde.

Das waren Momentaufnahmen, keine Klagen. Journalisten muss man nicht mögen. Verständnis für Pressefreiheit in einer Demokratie aber, die muss jeder ertragen können. Mit der Abbestellung einer Zeitung kann man sie jedenfalls nicht abschaffen.

    
    

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anap (499 Kommentare) am 03.04.2011 18:09

Hohe Worte ...aber

einer Zeitung wie der MP geht es ja bei weitem nicht nur um Fragen der Information. Jede Zeitung hat eine bestimmte politische Ausrichtung. Die großen Tageszeitungen wie Frankfurter Allgemeine, Welt, Süddeutsche, usw. zeigen dies klar. Der Journalistenbestand einer Regionalzeitung wie der MP ist dabei "zweitklassik", viele Artikel zeigen das. Fachartikel (Medizin, Theologie u.a.) zeigen ein nachweisliches Nichtwissen, das manchmal erschreckend ist. Hier gibt es schlicht Fehlinformationen. Etwas anderes ist oft die Unfähigkeit Gesagtes und Mitgeteiltes an den Mann/die Frau zu bringen. Viele, die einmal Informationen an die Zeitung gaben, - und das sind nicht nur Politiker - sagen immer wieder: Wenn ich lese, was da steht, wundere ich mich, was ich da gesagt haben soll. Ich meine dies in den großen Tageszeitungen nicht zu sehen. Ein Problem ist letztlich wirklich das Monopol, das die MP in der hiesigen Region besitzt. Die Miniaturzeitungen haben kein Gegengewicht, das ist schade; denn eine Kritik der kritischen MP-Haltung wäre nur zu begrüßen.
Im letzten Punkt ist eines noch nicht gesagt worden. Es ist die Frage der Wirtschaftlichkeit. Alles, was Auflagen hebt, was Diskussionen über eine längere Zeit am Laufen hält wird natürlich veröffentlicht; anderes fällt dann auch schon hinten unter. Die Frage des Geldes wird natürlich in der Diskussion nicht gesehen, sit aber eine wesentliche Triebfeder im Gefüge einer Zeitung. Presserecht - Humanismus u.a. sind hohe Worte, aber in der Frage der Wirtschaftlichkeit wird abgewogen.
Dem Bgm, der hier Finanzinfos herausgegeben hat, sollte in Zukunft dies schlicht nicht tun. Wenn eine Presse vorab vermeldet und dies mit der Pressfreiheit begründet, dann mag das so sein. Aber die MP sollte sich dann auch daran gewöhnen, die Infos eben nachher zu bekommen. Oder führt das dann dazu neue Mutmaßungen in die Zeitung zu setzen?
Nein, wachen wir auf - die Presse ist auch ein Kind ihrer Zeit. Wer hier Infos lesen will, um sich eine eigene Meinung zu bilden, der hat halt das falsche Medium gewählt. Internet ist angesagt. Doch auch hier sollten wir vorsichtig sein: der Infos werden immer mehr; wer kann da noch alles lesen und bewerten? Trotzdem: von einer MP will ich mir meine Meinung nicht einfach vorkauen lassen.
(1)
antonsah (267 Kommentare) am 03.04.2011 17:41

@evakurt

Sie sind wirklich sehr weit weg. Deshalb verstehe ich nicht, warum Sie einen einzelnen Kritiker zur Grundlage weitreichender Erkenntnisse machen möchten. Der Eindruck, den Thriller schildert, ist der einiger weniger Kritiker der Redaktion und "Freunden" des Bürgermeisters. Und die lassen keine Gelegenheit aus, ihn überall zu verbreiten - hier auch schon unter falschen Namen. Dieser Eindruck ist überdies für andere Leser so nicht nachzuvollziehen. Wir kennen eben auch genug andere Stimmen. Presserechtlich ist vor dem Verwaltungsgericht übrigens bewiesen, dass der Bürgermeister seinen Pflichten, demokratische Öffentlichkeit herzustellen, nur sehr unzureichend nachkommt. Was Sie also als da ansehen, ist nicht wirklich da.
Ihre Empfehlungen lassen mich erneut erahnen, dass Sie tiefstes Misstrauen gegen Journalisten hegen. Ich aber halte fest: Unsere Redaktion leistet in jener Kleinstadt gute und engagierte Arbeit, auch wenn es ihr von einiger Persönlichkeiten wahrhaftig sehr schwer gemacht wird.
Anton Sahlender, Leseranwalt
(0)
evakurt (2618 Kommentare) am 04.04.2011 10:01

Gerade weil ich sehr weit weg ....

... bin von diesem konkreten Geschehen (ich weiss bis heute nicht , um was es da konkret geht), kann ich völlig vorurteilsfrei aufnehmen, welcher Eindruck bei einem (mindestens erheblichen Teil) der Bevölkerung ankommt.

Und deshalb wiederhole ich: "Und da wäre die Frage an den Redakteur, ob es in seinem Sinne oder nicht in seinem Sinne ist, dass dieser Eindruck VORHANDEN ist. " - Nicht mehr und nicht weniger.

Im übrigen mißinterpretieren Sie nachhaltig meine Absichten: Es geht NICHT um "tiefstes Mißtrauen" gegenüber Journalisten. Es geht mir - anhand verschiedener Beispiele - um Presseverantwortung innerhalb der Pressefreiheit. Und da ist meine These: Umfassende Presseverantwortung ist nicht durch formelle Absicherung durch Presserecht und Pressekodex erfüllbar, sondern geht tiefer (im Sinne einer "Innernen Führung" in jedem einzelnen Journalisten).

Aus meiner Sicht verkümmert dieser Selbstanspruch nach "Innerer Führung" immer mehr, auch gerade weil man eigenes Tun im Sinne von Presserecht und Pressekodex abgleicht, deshalb formell abgesichert ist und sich (zumindest nicht notwendigerweise) tiefer fragen muss, ob das in Ordnung und "gut" im ethischen Sinne ist, was man da tut und schreibt. Um diese Grundsatzfrage geht es mir, weil isch diese Grundsatzfrage anhand vieleer Beispiele der Vergangenheit aufgedrängt hat - übrigens NICHT MP-spezifisch, denn das ist eine übergeordnete "Medienkrankheit" an sich.

In Bezug auf den hier thematisierten Fall - in dem ich dem Redakteur übrigens keinerlei Vorwürfe mache, gerade WEIL ich den Fall nicht kenne - wäre es im Sinne der "Inneren Führung", wenn der Redakteur trotz presserechtlicher Abischerung sich laut oder leise fragen würde: "War es in meiner Absicht, bei einem erheblichen Teil der BEvölkerung den Eindruck zu erwecken, Presse und einige Stadträte würden Politik gegen den Bürgermeister machen". Die Antwort wäre dann - intern oder veröffentlicht - entweder "Ja" oder "Nein". - Was nicht geht, ist so zu tun, als sei dieser Eindruck bei einem erheblichen Teil der Bevölkerung nicht da.

Ich möchte - generell und über EInzelbeispiele hinaus - ganz einfach dazu beitragen, dass Journalisten sich für Wirkungen Ihres Tuns verantwortlich fühlen, auch wenn diese Wirkungen presserechtlich korrekt entstanden sind. Nicht mehr und nicht weniger.
(2)
antonsah (267 Kommentare) am 01.04.2011 15:54

@thriller

Ein Lokalredakteur kann sich jederzeit mit jedem Stadtrat treffen. Das gehört zu seinen Aufgaben. Zu diesen Aufgaben gehört es auch, örtliches Geschehen zu kommentieren. Wo Häme und Spott in begründeter Kritik zu finden ist, diesen Beweis bleiben Sie schuldig. Und was ist kontraproduktiv an einer kritischen Berichterstattung, die auch persönliche Meinung ist?
Anton Sahlender, Leseranwalt
(0)
evakurt (2618 Kommentare) am 02.04.2011 12:38

Es ist immer wieder ....

.... festzustellen, dass hier auf dem Forum aneinander vorbei geredet wird.

Natürlich kann sich ein Lokalredakteur jederzeit mit jedem Stadtrat treffen.

Natürlich ist es NICHT kontraproduktiv, wenn ein Redakteur einen BERICHT schreibt, der inhaltlich mit seiner persönlichen Meinung koinzidiert.

"Thriller" verstehe ich so, dass in der besagten Kleinstadt bei vielen der Eindruck entsteht, als würden Presse und einzelne Stadtratsmitglieder Politik gegen den Bürgermeister machen. So ist das für den Außenstehenden zu entnehmen - und ich bin da komplett außenstehend.

Diesen Eindruck zu BEWEISEN - gar presserechtlich zu beweisen - ist NATURGEMÄSS fast unmöglich - und wahrscheinlich hat da auch keiner Lust drauf. Wichtig ist doch, dass dieser Eindruck weitflächig VORHANDEN ist. Und da wäre die Frage an den Redakteur, ob es in seinem Sinne oder nicht in seinem Sinne ist, dass dieser Eindruck VORHANDEN ist.

Ais meiner Sicht ist es der falsche Weg, VORHANDENE Kommunikationsfolgen erst dann zur Kenntnis zu nehmen, wenn sie akademisch oder juristisch bewiesen sind. Wichtig ist, dass so da ist. Und wenn was da ist, geht es nicht davon weg, dass man es nicht beweisen kann oder will. Realitäten haben es an sich, dass sie in erster Linie SIND und nicht erst dann Realitäten werden, wenn sie bewiesen sind.
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