Leseranwalt

anton.sahlender@mainpost.de
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publiziert: 01.05.2011 19:25 Uhr
aktualisiert: 05.05.2011 21:11 Uhr
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Erinnerung an elende Lohnschreiber, die für Höheres kein Interesse haben

Es ist kein Selbstmitleid, wenn ich Ihnen den „Stoßseufzer“ eines einstigen Kollegen nicht vorenthalte. Ein Leser hat ihn im „Lindauer Tagblatt“ vom 9. Januar 1910 aufgestöbert. Und es mutet weitgehend zeitlos an, was unter der Überschrift „Der arme Redakteur“ damals erschienen ist:

„Hat das Blatt viel Anzeigen, beklagen sich die Leser wegen Stoffmangels. Hat es wenig Anzeigen, so sagt man, es ist nichts wert. Läßt sich der Redakteur viel auf der Gasse sehen, dann heißt es, er bummelt herum. Arbeitet er fleißig zu Hause, dann ist er ein fauler Mensch, der sich um keine Neuigkeiten kümmert.

Nimmt er einen langatmigen Bericht nicht auf, macht er sich Feinde. Nimmt er ihn auf, dann heißt es, der bringt jeden Quatsch. Bringt er mal eine interessante Nachricht, die auch in einem anderen, vielleicht größeren Blatt steht, so hat er sie gewiß abgeschrieben. Unterläßt er mal, Erwähnung von einer belanglosen Lokalnotiz zu tun, so versteht er es nicht, die lokalen Interessen zu wahren.

Bringt er einen Bericht, den jemand noch nicht in der Abendzeitung gelesen hat, so ist ihm nicht recht zu trauen. Bringt die „Abendzeitung” dann auch diesen Bericht, so hat er ihn natürlich zuerst in dieser Zeitung gelesen. Unterdrückt der Redakteur peinliche Nachrichten aus gutmütigem Herzen, sagt man, er ist feige und bevorzugt gewisse Klassen. Bringt er aber den Bericht, dann gibt es Krawall mit den betreffenden Familien und ihren Freunden.

Nennt er in einem Bericht über eine Gerichtsverhandlung auf Bitten der Familienangehörigen des Angeklagten Namen nicht, so läßt er sich bestechen. Nennt er den Namen, so begeht er eine Gemeinheit.

Macht er einen Witz, dann ist er bissig, anmaßend und unverschämt, bleibt er mit seiner Schreiberei stets im Schatten kühler Denkungsart, dann ist er ledern und langweilig. Gebraucht er eine scharfe Schreibweise, dann ist er klotzig und grob. Schreibt er gemäßigt und zahm, dann ist der Redakteur zu rücksichtsvoll.

Deckt er Mißstände auf, ist er ein Revolverjournalist. Unterläßt er es, infolge dieser üblen Erfahrungen und des Undankes der Welt für andere die Kastanien aus dem Feuer zu holen, so ist er ein Reptil, ein elender Lohnschreiber, der für Höheres kein Interesse hat.“

Das war anno 1910. Kritiken und Wünsche erreichen auch 2011 die Redakteure, aber nicht mehr nur auf dem Postwege oder über ein Fräulein vom Amt. Die digitale Unendlichkeit der Kommunikation hat sie zudem vermehrt. Aber bitte kein Mitleid. Ich erinnere mit diesem historischen Text einfach nur daran, dass morgen Internationaler Tag der Pressefreiheit ist. Dem Leser danke ich, dass er uns rechtzeitig sein bemerkenswertes Fundstück übermittelt hat.

    
    

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Die neuesten Kommentare

blaubi (2806 Kommentare) am 09.05.2011 07:53

die Zeiten ändern sich nicht

...ich würde mal gerne die Mainpost befragen, wie hoch das "Trinkgeld" der Bürgerreporter ist, wenn diese für die Mainpost von Veranstaltungen wie Vereinstreffen, Festen etc. berichten und sowohl Text als auch Bildmaterial liefern.
Vielleicht kann man dann sogar behaupten, dass die "elenden Lohnschreiber" immer noch net ausgestorben sind...oder???
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